Die Welle
Die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft kann nach Ansicht des Regisseurs Dennis Gansel auch heute noch ein Potenzial für faschistoide Gesellschaftsstrukturen in sich bergen. In Gansels Film Die Welle manipuliert ein Lehrer seine vermeintlich kritischen Oberstufenschüler und formt sie zu einer autoritätsgläubigen Gruppe.

Die Schüler fragen sich und andere: „Sag mir, wogegen soll man eigentlich heutzutage noch rebellieren? Jeder hat nur noch sein eigenes Vergnügen im Kopf. Was unserer Generation fehlt, ist ein gemeinsames Ziel, das uns zusammenschweißt.“ So altklug diese Jugendlichen in der Disco (!) ihr Sehnen nach einer Gemeinschaft zum Ausdruck bringen, so altklug plappern sie im Unterricht lehrbuchreife Sätze ihrer Eltern und Pädagogen nach – „Es geht nicht um Schuld, es geht darum, dass wir durch unsere Geschichte eine bestimmte Verantwortung haben.“ An ihr kritisches Reflektieren glaubend, sind sie der Meinung, eine Diktatur in Deutschland sei nicht mehr möglich. Dies reizt den für seine unkonventionellen Lehrmethoden im Kollegium umstrittenen Gymnasiallehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel), den Gegenbeweis anzutreten, ein Experiment der Manipulation an seinen Oberstufenschülern zu erproben in der Projektwoche zum Thema Autokratie.

Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft, Macht durch Handeln: Den schmissigen Parolen des Ex-Hausbesetzers Wenger unterwerfen seine Schüler sich nach nur halbherzigem Zögern. Basierend auf ihrer in der Theater-AG gewonnenen Erkenntnis, dass nicht jeder machen kann, was er will, sprechen sie sich lieber gleich für eine „Eliminierung sozialer Unterschiede“ aus, tragen von nun an gemeinschaftlich weiße Hemden, geben sich den Gruppennamen „Die Welle“ und führen mit einer wellenförmigen Handbewegung alsbald den Gruppengruß aus. Derjenige, der das nicht mitmacht, wird als Egoist bezichtigt und bestenfalls vom Lehrer ignoriert oder gleich des Unterrichts verwiesen. Die „Ideen“, wie Wenger gegenüber seiner Frau Anke (Christiane Paul) formuliert, die er „gerne ausprobieren würde“, eskalieren; bald schon hat er sein Experiment nicht mehr unter Kontrolle.
Ein rühriges Lehrstück schafft Regisseur Dennis Gansel mit der Welle nach Morton Rhues Schullektüre-Klassiker aus den 80ern, basierend auf dem schon einmal verfilmten Experiment des Geschichtslehrers Ron Jones aus dem Jahr 1967 an einer kalifornischen Highschool. So authentisch die Vorlage auch sein mag, so wenig Authentizität bleibt gewahrt in Gansels filmischer Umsetzung.

Die gestelzte Intellektuellen-Sprache nimmt man den Teenagern nicht ab, wohlwollend ließe sich noch die Vermutung anstellen, dass Gansel gerade darüber das Porträt zeichnen will einer Jugend als Sprachrohr der Erwachsenen, deren Wunsch nach einem Wir für denjenigen zur Sucht wird, der sein Ich nie reflektiert hat – dafür steht die Figur des gefährlich tumben Tim. Dem verbalen Sehnen wird visuell nicht wirklich wider-, aber auch nicht entsprochen. Gansel findet kaum ausdrucksstarke Bilder, deren artifizielle gelb- und bläuliche Lichtspiele der Nacht-Aufnahmen sich nicht ernsthaft von deutschen Fernsehkrimis unterscheiden; ebenso konventionell wie reizlos werden auch Kameraführung, Montage und Erzählstruktur in der Constantin-Produktion eingesetzt.
Die Bilder funktionieren fast nur im Zusammenspiel mit dem Ton. Entweder werden die Dialoge visuell unauffällig untermalt oder die Handlung mit trashiger Musik erschlagen, wenn die filmische Adaption mal wieder Fahrt aufnehmen und die „Atmo Jugend“ betonen will. Etwa während einer Autofahrt des rebellischen Lehrers zur Schule oder bei fast allen Szenen der Schüler als Gruppe – in der Disco, der Halfpipe oder bei einer Strand-Party, wo immer sie sich fragen, wogegen sie noch aufbegehren könnten, um mit einem letzten rebellischen Seufzer Anarcho-Zeichen mit dem Welle-Logo zu übersprühen. Gansel bleibt nur, die Ursache für das Streben nach gesellschaftlichem Zusammenhalt dem Lehrer in den Mund zu legen, der in einer Rede als starker Manipulator vor die Schüler tritt, um von modernem Leistungsdrill, Globalisierung und einer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich zu sprechen.

Falls Gemeinschaft als Welle nur überschwappen kann in faschistoide Autoritätsgläubigkeit, in ein elitäres wie gewalttätiges Ausgrenzen Andersdenkender, so dass Toleranz wie Identität des Einzelnen auf der Strecke bleiben, taugt sie nicht viel. Die Unbedingtheit dieses Gedankens kann man teilen oder nicht, darüber ließe sich zumindest trefflich diskutieren. Doch Gansels showdown, der nicht dem authentischen Sozialexperiment entspricht, zeigt, dass der Regisseur und Drehbuchautor schließlich selbst den unreflektierten Denkstrukturen erliegt, die er anzuprangern vorgibt. So taugt der Film bloß noch Lehramtsstudenten zur abschreckenden Demonstration der Konsequenzen mangelhafter Unterrichtsvorbereitung.
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Kommentare zu „Die Welle“
Noah
Da sich der Film sehr vom Buch unterscheidet empfehle ich auf jedem Fall beides zu lesen bzw. zu gucken. Ansonsten finde ich beides voll cool obwohl der unterschied doch sehr krass ist.
Martin Z.
Ein wichtiger Film. Eigentlich Pflichtprogramm für jeden. Dieses Projekt in der Schule zeigt nicht nur wie leicht junge Menschen manipuliert werden können, sondern auch wie leicht dies in Richtung Faschismus gehen kann. Also ein für uns Deutsche immer noch ganz wichtiges Thema.
Von der Werbung sind wir es ja gewohnt verführt zu werden, aber von Ideen?
Die Faszination, die von äußeren Emblemen, einer Uniform oder einem symbolischen Gruß ausgeht, die sich fortsetzt in Gruppenzwängen, Ausgrenzungen und neuen Machtstrukturen etc. Und dies geht bis in den ganz persönlichen Intimbereich. Erschreckend realistisch wird geschildert, wie dies Experiment aus dem Ruder laufen kann mit allen möglichen fatalen Konsequenzen. Auch die Beziehung des Lehrers (Jürgen Vogel), der hier den Ersatzführer gibt, hält das wohl nicht aus. Seine Persönlichkeit hat sich im Laufe dieser Woche anscheinend verändert - zuminderst kann man das glauben, wenn man seiner Frau (Christiane Paul) folgt. Aber auch Kritiker und Gegner kommen neben Mitläufern zu Wort, ebenso wie 100% linientreue Hirnis. Und selbst als am Ende angedeutet wird, dass der Lehrer zur Rechenschaft gezogen wird, ist das nicht ganz unwichtig, denn er hat wohl die Gefährlichkeit des Experiments unterschätzt. Nachahmen ist also nicht erwünscht. Es reicht dies als Gedankenspiel und eine Diskussion über dieses Phänomen, damit die Wachsamkeit bestehen bleibt. Kleiner Schönheitsfleck: warum ist die Welle auf dem Plakat rot?
















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