Die versunkene Stadt Z

Wenn man nicht weiß, wohin mit sich, gibt es immer noch den Dschungel: Die versunkene Stadt Z will den Eindruck erwecken, von einer großen Vision geleitet zu sein – und wartet doch nur darauf, dass sich diese Vision irgendwann von selbst einstellt.

The Lost City of Z 4

Warum „Z“? Das ist die Frage, die sich angesichts von James Grays Die versunkene Stadt Z (The Lost City of Z) immer und immer wieder stellt. Warum gibt der englische Forscher Percival Fawcett jener verborgenen Stadt, die er als Stätte einer unbekannten uralten Hochkultur in den Tiefen des bolivianischen Dschungels vermutet, einen derart reizlosen und nichtssagenden Namen? „Z“ ist kein Name wie „El Dorado“ oder „Machu Picchu“: Der einsame Buchstabe ist zu klanglos, um irgendein Bild entstehen zu lassen, er ist zu nüchtern, um mit Wünschen und Bedürfnissen besetzt werden zu können, er ist zu vage, um dauerhaft etwas tatsächlich Existierendem anzuhaften. „Z“ ist ein bloßes Kürzel, ein Platzhalter, der in Wahrheit auf gar nichts verweisen kann und aus dem nichts spricht, außer die verzweifelte Hoffnung, dass es irgendwo noch eine Lücke geben muss. Wenn man, wie Fawcett, das Ziel all seines Ehrgeizes und all seiner Hoffnungen mit dem kargen Symbol Z markiert, dann tut man eigentlich nur kund, dass man fort will, fort aus der eigenen Gesellschaft, der eigenen Familie, aus der eigenen langweiligen Persönlichkeit. Die Suche nach einer Stadt namens Z kann nicht der Faszination für eine fremdartige Natur oder für eine im Verborgenen aufblühende Zivilisation entspringen – sie kann nichts sein als eine freiwillige Obsession, gewählt, weil sich einem kein anderer Ausweg aus der eigenen Biederkeit zu bieten scheint.

Die verzweifelte Hoffnung auf eine Vision

The Lost City of Z 2

Eigentlich ist es somit durchaus folgerichtig, dass Fawcetts Vorstellung der von ihm gesuchten Stadt über die gesamte Länge von Die versunkene Stadt Z weitgehend unbestimmt bleibt, sowohl hinsichtlich ihres Ursprungs als auch ihrer tatsächlichen Substanz. Der Fund einiger Tonscherben in Verbindung mit der vagen, vielleicht nur geträumten Erzählung eines indigenen Führers reicht aus, um in Fawcett eine Besessenheit zu entfachen, die bereits vom ersten Moment an als lebenslängliche erkennbar ist. Dabei wird nie deutlich, und es wird auch nie danach gefragt, wie Fawcett sich Z eigentlich vorstellt und was genau er zu finden gedenkt: eine immer noch florierende Hochkultur, die sich unberührt bis in die Neuzeit erhalten hat, oder nur deren Ruinen, Spuren und Überreste?

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Leider setzt sich James Gray mit dieser Leerstelle im Zentrum des eigenen Gefüges nie wirklich auseinander und schildert über weite Strecken das heldenhafte Streben nach einem vermeintlich klar umrissenen Ziel, ganz so, als wäre die Anziehungskraft dieses Ziels und damit die innere Dynamik dieses Strebens stets unmittelbar nachvollziehbar. Doch die geschilderten Hemmnisse, Rückschläge und Konflikte zielen stets am eigentlichen Kern der Sache vorbei. Denn Fawcetts Suche nach der verlorenen Stadt Z entspringt nicht einer übermächtigen Vision, deren Kraft das eigene Handeln vollständig bestimmt, sie entspringt allein der Hoffnung, dass sich mit dem Ausführen der Suche irgendwann auch eine derartige Vision einstellen wird.

Amazonas im Hintergrund

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Es ist diese Suche nach einer Vision, die nicht nur Fawcett, sondern auch den Film selbst beständig zurück in die Wälder Boliviens führt. Doch der Urwald, den Die versunkene Stadt Z vorfindet, wirkt bis auf das laute Zirpen von Insekten und einen mächtig dahinströmenden Fluss eher wie ein etwas verwilderter europäischer Mischwald. Der Film strafft zudem diese Bolivien-Sequenzen auf eigentümliche Art zusammen: Kaum hat die Forschergruppe das Floß bestiegen, ist schon Hunger, Elend und Wahnsinn ausgebrochen, kaum ist die zweite Expedition aufgebrochen, hat sich der reiche Förderer schon als jener dumme Nichtsnutz erwiesen, der das ganze Unternehmen zum Scheitern bringen wird. Es ist, als würde der Film versuchen, durch mühevolle Verdichtung und Verknappung diesen allzu vertrauten und beherrschbaren Bildern einen kleinen Rest an visionärer Kraft abzupressen. Nur gegen Ende, wenn die gemeinsame Reise den Herzen von Fawcett und seinem Sohn „Verständnis gegeben hat“, wird für einige Momente tatsächlich so etwas wie eine andere räumliche und zeitliche Struktur der Wirklichkeit erfahrbar. Aber zum größten Teil bleibt die Welt des Amazonas für den Film das, was sie in einigen Szenen auch ganz buchstäblich wird: ein Hintergrund, den man einblendet, um die Figuren aus ihrer biederen europäischen Wirklichkeit herauszulösen.

Das Gespenst der eigenen Biederkeit

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Diese sich im Niedergang befindende Welt wird in Die versunkene Stadt Z in erster Linie als eine endlose Abfolge von Besprechungen, Sitzungen und öffentlichen Vorträgen dargestellt. Waren die Amazonas-Sequenzen zeitlich zusammengestaucht, so wirken diese Szenen wie breitgewalzt: Fawcett wirbt für sein Unterfangen vor der versammelten Royal Geographic Society, er hält eine verquälte Motivationsrede im Schützengraben an der Somme, und selbst die Gespräche mit seiner Ehefrau führt er wie formelle Verhandlungen, mit dem alleinigen Ziel, ihre Emanzipationswünsche gleichzeitig mit Verständnis aufzunehmen und ins Leere laufen zu lassen. Diesen Geist einer permanenten Verwaltung kann man nun nicht durch einen bloßen Willensakt abschütteln, er durchdringt einen selbst dann noch, wenn man am anderen Ende der Welt durch tropischen Nebel stapft. Denn Biederkeit besteht eben in der Unfähigkeit, sich von althergebrachten, längst erstarrten Denk- und Verhaltensmustern zu lösen – es gehört also gleichsam zu ihrem Wesenskern, dass man aus ihr nicht einfach heraustreten kann. So teilt Fawcett in Wahrheit das Schicksal eines jeden wahrhaft biederen Menschen: Er leidet an seiner eigenen Biederkeit und ist in nichts so bieder wie in diesem Leiden. Und in dieser Situation bleibt einem vielleicht tatsächlich nicht anderes übrig, als sich verloren gehen zu lassen.

Trailer zu „Die versunkene Stadt Z“


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