Die Unsichtbare

In Christian Schwochows Psychostudie einer Schauspielerin wird aus einer grauen Maus ein Black Swan.

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Fine (Stine Fischer Christensen) heißt eigentlich Josephine und ist ein unscheinbares Mäuschen. Dabei steht sie wie die Maus in Franz Kafkas Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (1924) auf der Bühne, zwar nicht als Sängerin, sondern als Schauspielerin, schläft während einer Probe aber glatt auf dieser ein, statt das Publikum mit ihrem Auftreten in den Bann zu schlagen. Die verhuschte Fine wandelt sich im Verlauf erst zur Josephine oder zur „Camille“, der Titelfigur des Theaterstückes, für das sie der Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) überraschend besetzt. Camille ist eine Art nymphomane Version von Alexandre Dumas’ Die Kameliendame (La dame aux camélias, 1848), der Seelenstrip ihrer Darstellerin grenzt an Selbstaufgabe und Prostitution.

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Zur körperlichen und emotionalen Entblößung treibt sie der egomanische und sadistische „Blutegel“ Friedmann, der die verborgenen Abgründe der Unsichtbaren erkennt und aus der verklemmten Jungfrau eine männerfressende „Hyäne“ machen will. Schon bald kann Fine Schein und Sein nicht mehr auseinanderhalten, verführt einen (Achtung Symbolik!) Tunnelbauer (Ronald Zehrfeld, Barbara, 2012) mit den Worten Camilles, fügt sich selbst Schmerzen zu und bringt in einer Szene beinahe ihre behinderte Schwester (Christina Drechsler) um. Auf sie war die junge Frau schon immer eifersüchtig, da die alleinerziehende Mutter (Dagmar Manzel, Zettl, 2012) ihr stets mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat (Achtung Kindheitstrauma!).

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Die Handlungselemente von Die Unsichtbare klingen nicht nur recht klischeehaft, sondern erinnern außerdem stark an Darren Aronofskys Ballett-Psychotrip Black Swan (2010): der rücksichtslose Star-Regisseur, der seine unsichere Schülerin verführt und traktiert und ihr dabei so das Gehirn durcheinander spült, dass sie irgendwann nicht mehr weiß, wo oben und unten ist; die sensible, formbare Elevin mit abwesendem Vater, Mutter-Komplex und Selbstzerstörungsdrang, die ihre große Chance erhält und daran zu zerbrechen droht; Identitätskrise, Realitätsverlust und Nervenzusammenbruch einer Darstellerin, wie man sie in zahlreichen Varianten schon oft im Kino gesehen hat, etwa in Andrzej Żuławskis Nachtblende (L’important c’est d’aimer, 1975) oder in David Lynchs Mullholland Drive (Mullholland Dr., 2001).

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Die Unterschiede zu Aronofskys Werk sind sowohl die Stärken als auch die Schwächen von Christian Schwochows zweitem Drama nach seinem Hochschulabschlussfilm Novemberkind (2007), der ebenfalls die Identitätssuche einer jungen Frau schilderte und diese wie die Protagonistin von Die Unsichtbare mit einem älteren, sie ausnutzenden „Kreativen“ konfrontierte – im Vorgänger war es ein Schriftsteller mit Schreibblockade, hier ist es der Regisseur mit Alkoholproblem. Wobei beide Männer nah am Rand der Karikatur angelegt sind. Schwochow, der das Drehbuch wieder mit seiner Mutter Heide geschrieben hat, demonstriert ähnlich wie Kafka ein ambivalentes und misstrauisches Verhältnis zur Kunst, betont er doch mehrfach ihr zermürbendes, fast lebensfeindliches Potenzial. Während in Black Swan Camp und Effekte regieren, mit einer theatralischen Natalie Portman als Primaballerina, möchte Die Unsichtbare bodenständiger sein und einen realistischen Einblick in die Theaterproben- und Schauspielarbeit gewähren. Der deutsche Regisseur nimmt seine Geschichte und Charaktere sehr ernst, teilweise zu ernst, was seine in dunklen Tönen gehaltene Inszenierung weniger überdreht und hysterisch erscheinen lässt, allerdings auch trockener und schwerfälliger als Aronofskys Kreuzung aus Thriller und Melodram.

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Das Überladen des Geschehens mit Konflikten und Nebenhandlungen wirkt Schwochows Realismusanspruch entgegen, und seine Dialoge sind wie schon in Novemberkind mitunter allzu ausbuchstabiert und bedeutungsschwanger. Erneut heftet sich der Regisseur mit einer beweglichen Kamera dicht an seine Figuren und versucht damit eine Nähe zum Zuschauer herzustellen, die er durch manche holzschnittartige oder überzogene Charakterzeichnung jedoch gleichzeitig wieder verbaut. Es ist vor allem der nuanciert und facettenreich agierenden dänischen Hauptdarstellerin Stine Fischer Christensen (Nach der Hochzeit, Efter brylluppet, 2006) zu verdanken, dass die nicht besonders originelle Psychostudie einer Schauspielerin über ihre Klischees hinauswächst, dass die unsichtbare Maus zur sehenswerten Hyäne wird.

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