Die Unglaublichen

Mr. Incredible und Elastigirl mussten sich ins Privatleben zurückziehen, aber einen Superhelden hält es natürlich nicht im mittelmäßigen Leben der Vorstadt – auch wenn ihn dann seine ganze Familie retten muss. Ein hinreißend komischer Animationsfilm aus den Pixar-Studios.

Die Unglaublichen - The Incredibles

Irgendwann sind die Menschen ihre Superhelden leid; als die Entschädigungsklagen gegen sie zunehmen, zwingt die Regierung die einstigen Stützen der Gesellschaft dazu, sich ins Privatleben zurückzuziehen und ihre Superkräfte nicht mehr in der Öffentlichkeit auszuüben. Bob Parr lebt so schon jahrelang als wenig erfolgreicher Versicherungsangestellter, der es – ganz der Retter – nicht übers Herz bringt, die Forderungen seiner Klienten zurückzuweisen.

In seinem früheren Leben war Bob der unglaublich starke Mr. Incredible, und die Erinnerung an dieses Leben lässt ihn nicht los. Als ihm dann gekündigt und von einer geheimnisvollen Schönen ein Geheimauftrag angeboten wird, zögert er nicht lange, zwängt sich in sein um die Hüften doch etwas knapp gewordenes Kostüm und läuft geradewegs in eine Falle. Bobs Ehefrau Helen – vormals Elastigirl – vermutet ihn bei einem Tête-à-tête und macht sich wütend mit den gemeinsamen Kindern auf den Weg, um ihrem Ehemann Manieren beizubringen.

Natürlich sind Superhelden mit ihren übernatürlichen Kräften ein gefundenes Fressen für die Animationskünstler der Pixar-Studios. Die computergenerierten Bilder können schneller, bunter und phantastischer sein, als dies in einem Realfilm je möglich wäre, und das Team um Regisseur Brad Bird, dessen letzter Film Der Gigant aus dem All (The Iron Giant, 1999) zu Recht positiv aufgenommen wurde, macht gerade in den Actionszenen reichlich Gebrauch davon, ohne allerdings die Fähigkeiten der Technik in den Vordergrund zu spielen. Wie schon in früheren Pixar-Filmen wurden auch bei den Incredibles die Computerbilder nicht photorealistisch gestaltet, wie dies etwa in Final Fantasy (2001) oder zuletzt in Der Polar Express (The Polar Express, 2004) mit durchaus gemischten Resultaten versucht wurde.

Die Unglaublichen - The Incredibles

Stattdessen hat man sich für eine Art Comic-Realismus entschieden; die Körper von Mr. Incredible und Elastigirl sind zwar überzeichnet (und es ist überraschend, wie dehnbar Elastigirl ist), ihre Körper haben aber keineswegs völlig idealisierte Formen; dafür hat Mr. Incredible in seinem Schreibtischjob dann doch zu viel Gewicht zugelegt. Der Film gewinnt denn auch dem langsamen Altern seiner Protagonisten Helen und Bob sowohl einfühlsame als auch äußerst komische Momente ab; und die zwei älteren Kinder, Dash und seine Schwester Violet, haben alle Hände voll damit zu tun, dass sie ihren Eltern plötzlich beistehen und selbst Verantwortung übernehmen und ihre Superkräfte einsetzen müssen.

Man ahnte nach den sittsamen Mutanten-Internatskindern der X-Men (2000) ja gar nicht, was Kinder mit Superkräften für Schulstreiche aushecken können, oder wie höchst lebendig ein Abendessen ablaufen kann, wenn der kleine Bruder mit übermenschlicher Geschwindigkeit um den Tisch rast, um seine Schwester immer wieder zu schlagen, bis diese ihn schließlich mit einem Energiefeld zu Fall bringt. So comichaft die Figuren aber auch sein mögen, nie wirken sie unglaubwürdig oder künstlich. Mr. Incredibles Auflehnung dagegen, „normal“ sein zu müssen, die Begeisterung, mit der er sich in neue Abenteuer stürzt, speisen sich aus der spürbaren, tiefen Kränkung, seine Fähigkeiten nicht ausnutzen und ausleben zu können.

Die Unglaublichen - The Incredibles

Seine Abneigung gegen die Mittelmäßigkeit durchzieht den Film wie ein roter Faden. Müssen sich die Superhelden anpassen und verstecken, oder sollten sie nicht vielmehr ihre Kräfte stolz und offen zeigen können? Dass der Film diese nicht einfachen Fragen auf so unterhaltsame (und durchaus nicht simple) Art diskutiert, ist vielleicht der Hauptgrund, warum er nicht nur Kinder ansprechen, sondern auch Erwachsene begeistern kann.

Ein anderer Grund könnte auch darin liegen, mit wieviel Liebe zum Detail und Sinn für Humor die Welt der Superhelden gestaltet wurde. So ist etwa das Haus, in dem Edna wohnt, Designerin für Superheldenanzüge und enge Freundin der Incredibles, ein phantastisch komponiertes Panoptikum von Architektur und Design. Einiges in dieser Welt scheint geradewegs aus dem James-Bond-Universum entsprungen zu sein – bis hin zur einsamen Vulkaninsel mit geheimer Raketenabschussrampe; Bird spielt elegant und witzig mit den Konventionen des Agenten- und Superheldenfilms.

Wenn alle besonders sind, meckert Dash an einer Stelle des Films, ist niemand mehr etwas Besonderes. Vielleicht die einzige Schwäche des Films ist, dass er trotz aller Auseinandersetzung mit „Mittelmäßigkeit“ zuletzt etwas zu einseitig auf die Außergewöhnlichen, auf die Unglaublichen setzt; lasst ihnen nur ihre Kräfte, scheint er zu sagen, sie werden sie schon zum Besten aller einsetzen. Das ist am Ende dann ein wenig zu schlicht, um als Ratschlag auch außerhalb des Kinosaals gelten zu können. Aber das Kino braucht Helden, und beim Licht der Projektionslampe füllen die Unglaublichen diese Rolle mit Bravour, sehr viel Komik und etwas Bauchspeck glänzend aus.

 

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