Die Unerzogenen

In Pia Marais´ Film sind die Titel gebenden Unerzogenen ausnahmsweise keine Kinder, sondern unreife und verantwortungslose Eltern, die wie Vagabunden durch Europa ziehen.

Die Unerzogenen

Christian Petzold erzählt in Die innere Sicherheit (2000) von einer Familie, die sich in einer ungewöhnlichen Lebenssituation befindet: Wegen ihrer Vergangenheit als Mitglieder einer terroristischen Vereinigung sind die Eltern seitdem auf der Flucht vor der Polizei. Leidtragende dieses ständigen Wechsels von Wohnort und Identität ist die vierzehnjährige Tochter, die nie die Möglichkeit bekommt, sich an einen Ort zu gewöhnen oder sich mit Gleichaltrigen anzufreunden.

In ihrem ersten Spielfilm Die Unerzogenen bedient sich die Regisseurin Pia Marais einer beinahe identischen Handlung. Zwar handelt es sich bei den Eltern nicht um ehemalige Terroristen, sondern lediglich um ein sehr chaotisches und unbeständiges Pärchen, doch auch hier muss die Tochter sich dem unruhigen Lebenswandel ihrer Eltern unterordnen.

Die Unerzogenen

Nachdem Stevies (Céci Chuh) Großvater gestorben ist, verlässt die Familie mit einigen Freunden ihren momentanen Wohnort Portugal, um nach Deutschland zurückzukehren und sich im Haus des Verstorbenen niederzulassen. Insgeheim hegt Stevie den Wunsch, dass sich ihre Eltern (Pascale Schiller und Birol Ünel) nun endlich häuslich niederlassen werden und sie wie ein normales Mädchen in die Schule gehen kann und sich ihre Sympathien bei Altersgenossen nicht mehr erkaufen oder erlügen muss. Es dauert jedoch nicht lange, bis sich Stevies Eltern wieder in zweifelhafte Geschäfte verstricken und planen, Deutschland zu verlassen.

Marais geht es in ihrem Film ganz offensichtlich darum, die gerne romantisierte 68er-Utopie von individueller Freiheit und antiautoritärer Erziehung zu dekonstruieren. Ihre Antriebskraft ist jedoch weniger ein politisches Anliegen, als die filmische Verarbeitung eigener Kindheitserfahrungen. Dementsprechend konzentriert sich ihre Aufmerksamkeit und Sympathie vor allem auf die vereinsamte Tochter Stevie und weniger auf deren Eltern, die entweder mit sich selbst oder mit irgendwelchen Rauschmitteln beschäftigt sind. In dieser verkehrten Welt, in der Spießertum zu einer Form von Rebellion wird, projiziert Stevie die Sehnsüchte ihrer ersten Liebe dann auch nicht auf einen Gleichaltrigen, sondern auf Ingmar (Georg Friedrich), einen Freund ihrer Eltern.

Die Unerzogenen

Die inhaltliche Parallele zu Die innere Sicherheit wird der Regisseurin deshalb nicht zum Verhängnis, weil sich Marais und Petzold unterschiedlicher Herangehensweisen bedienen. Anstatt die kühle und häufig statische Inszenierung der Berliner Schule aufzugreifen, inszeniert Marais ihren Film weitaus dynamischer und verspielter. Zudem scheint es der Regisseurin augenscheinlich mehr darum zu gehen, ihren Film stylish zu gestalten, als sich in trockenem Formalismus zu verlieren. Am deutlichsten wird das etwa, wenn sie die Familie als in der Natur isolierte Hippiekommune inszeniert und auf typisch psychedelische Ästhetisierungen wie der Verwendung von direkt in die Kameralinse scheinendem Sonnenlicht zurückgreift.

Marais lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei Stevie um die Heldin der Geschichte handelt. Ihre Rolle nimmt nicht nur den größten Stellenwert ein, sondern ist auch am komplexesten gestaltet, was sie auch für den Zuschauer am interessantesten macht. Umso stärker fällt es ins Gewicht, dass fast alle erwachsenen Charaktere, insbesondere Stevies Eltern, im Gegensatz dazu auffällig blass wirken. Das mag daran liegen, dass die Figuren schon etwas konturlos angelegt sind. Doch auch die Schauspieler schaffen es nicht, ihren Rollen Leben einzuhauchen und verfallen in die immer gleichen stereotypen Verhaltensmuster. Es gibt keine fein ausgearbeiteten Nuancen in diesen Charakteren, stattdessen wird einfach unmotiviert herum gebrüllt.

Einzig Georg Friedrich, der wie so oft einen etwas schmierigen Unterweltler gibt, gelingt es, in einer Nebenrolle zu glänzen. Was bei den anderen Erwachsenen aufgesetzt wirkt, nimmt man ihm ohne weiteres ab. Die anzüglichen, verbalen Spielereien zwischen Friedrich und Céci Chuh zählen dabei zu den intensivsten Augenblicken des Films. Umso bedauerlicher ist es, dass der Film die Qualität solcher Szenen nicht durchgehend halten kann.

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