Die Unbekannte – Kritik

Giuseppe Tornatores Film über eine mysteriöse Frau mit dunkler Vergangenheit pendelt zwischen Thriller und Melodram, Hitchcock und Argento, Ambition und Exploitation.

Die Unbekannte

Junge Frauen in Unterwäsche und weißen Gesichtsmasken stellen sich in einer Dreierreihe auf und werden durch ein Loch in der Wand von einem anonymen Mann betrachtet. Eine von ihnen wird dazu aufgefordert, sich auszuziehen und langsam zu drehen. Sie wird ausgewählt, zieht sich wieder an, nimmt die Maske ab und schaut direkt in die Kamera.

Die Eröffnungsszene erinnert mit ihren Farben, dem Licht und der Ausstattung an Stanley Kubricks Maskenball-Sequenz in Eyes Wide Shut (1999). Die Masken können jedoch ebenso als Referenz an den „Giallo“ verstanden werden, in dem häufig ein vermummter Serientäter attraktive junge Frauen ermordet. Giuseppe Tornatores (Cinema Paradiso, Nuovo cinema Paradiso, 1988) Thriller besitzt eine vergleichbare Inszenierungsfülle wie ein „Giallo“ und greift zu ähnlich reißerischen Methoden, um Spannung zu erzeugen.

Moralisch bedenklicher als in den auf reine Unterhaltung ausgerichteten Werken von Mario Bava oder Dario Argento sind die mitunter derben und unreflektierten Stilmittel, die der italienische Autor und Regisseur in Die Unbekannte (La Sconosciuta) einsetzt, weil hier der Thrill mit einer scheinbar gut gemeinten Aussage über Menschenhandel und Sexsklaverei verknüpft wird. Die teils drastischen und überstrapazierten Missbrauchsdarstellungen von Frauen und Kindern dienen aber in erster Linie der (Melo-)Dramatik. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung und tatsächliche Anteilnahme mit der Situation der Betroffenen fehlen genauere Informationen zu ihrem persönlichen oder sozialen Hintergrund.

Die Unbekannte

Dass Irena (Xenia Rappoport) die Frau aus der Eröffnungsszene und eine ehemalige Zwangsprostituierte aus Osteuropa ist, wird durch die zahlreichen Rückblenden schnell deutlich. Die Irena von heute trägt ihr Haar nicht mehr platinblond, sondern braun. Sie hat einen Koffer voller Geld bei sich und mietet sich in einer namenlosen Stadt eine Wohnung, von der sie eine Juweliersfamilie im Haus gegenüber beobachtet. Ihr Interesse gilt insbesondere deren kleiner Tochter Tea (Clara Dossena). Um in ihre Nähe zu gelangen, erschleicht sie sich eine Anstellung als Haushaltshilfe und Kindermädchen bei der Familie, die wie sie selbst ein Geheimnis hütet.

In der ersten Hälfte von Die Unbekannte gelingt es dem Regisseur mit eleganten Kamerafahrten und stimmungsvollen Schattenspielen, ungewöhnlichen Perspektiven und der fast durchgängig präsenten Musik Ennio Morricones, die sich an den Hitchcock-Soundtracks von Bernhard Herrmann orientiert, klassische Suspense aufzubauen. Mittels unglaubwürdiger Plotentwicklungen und einer Auftürmung tragischer Offenbarungen geht diese im Verlauf aber immer mehr verloren und wird durch blutige Abstecher ins Slasher-Genre ersetzt.

Tornatores Filme verfügen alle über einen ausgeprägten emotionalen Kern, den die Musik grundsätzlich noch hervorhebt. Die Grenze zum Sentimentalen wird wie im Fall von Cinema Paradiso oder Der Zauber von Malèna (Malèna, 2000) haarscharf umschifft, hier allerdings vor allem gegen Ende überschritten. Dass der Regisseur die abrupten und nur bedingt motivierten Rückblenden aus Irenas traumatischer Vergangenheit häufig in grelle oder gar sonnige Farben taucht, während die Gegenwart vorwiegend in kühlen Blau- und Grautönen gehalten ist, wirkt ebenso befremdlich wie deren kurze, blitzlichtartige Inszenierung, die über den bloßen Effekt nicht hinausreicht.

Die Unbekannte

Vielmehr scheinen sie den Sinn zu erfüllen, Irenas fragwürdiges Verhalten zu rechtfertigen. Einen besonders bitteren Nachgeschmack hinterlässt ihre Vorgehensweise in zwei Szenen, in denen das einstige Missbrauchsopfer die junge Tea misshandelt, um sie so fürs Leben zu wappnen und ihr beizubringen, sich gegen Angreifer zu wehren. Hierbei bindet sie dem Mädchen die Arme an den Körper und wirft sie zunächst auf ein Matratzenlager, dann auf den Holzfußboden, befielt ihr, wieder aufzustehen, stößt sie erneut und das jedes Mal härter. Schließlich dermaßen rabiat, dass das Kind am Kopf verletzt wird. Durch die zunehmend rasanten Schnitte wird die dramatische Wirkung der ohnehin schwer erträglichen Szenen noch verstärkt.

Später folgt das Resultat der zweifelhaften Gewalterziehung: Tea wird von Mitschülern in eine Pfütze geschupst und schlägt beherzt zurück, während sich ihre stolze Lehrerin aus der Entfernung freudig triumphierend ins Fäustchen lacht. Da Irena auch aufgrund der einnehmenden Darstellung Xenia Rappoports überwiegend Sympathieträgerin ist, und Die Unbekannte angeblich Missbrauch anklagen will, bilden solche Momente einen frappanten Widerspruch zur eigentlichen Absicht. Über diesen kann man als Zuschauer kaum hinwegsehen, wenn man Giuseppe Tornatores Thriller-Melodram das zugestehen möchte, was er anstrebt, aber nicht erreicht: mehr als puren Nervenkitzel zu bieten.

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