Die Tür

Wie spiele ich mich selbst? Die Tür führt uns in eine eigenartig vertraute, leider jedoch etwas bemühte Alternativdimension.

Die Tür

Ob so etwas wohl Zeitgeist genannt wird? Man kennt es aus der Wissenschaftsgeschichte: Oft weit voneinander entfernt, kommen einander unbekannte Menschen fast zeitgleich auf ähnliche, fast identische Ideen. In der Kunst verhält es sich nicht anders, Bewegungen entwickeln sich ganz unabhängig voneinander in vergleichbare Richtungen, und schon ist ein Stil geboren, ein Trend, eine große Frage. Oder eben ein gemeinsames Motiv.

Zwei Menschen haben wilden Sex, während zur gleichen Zeit ein Kind tragisch zu Tode kommt. Ein Sturz aus dem Fenster, ein Sturz in den Swimmingpool: Die Ouvertüren von Lars von Triers Antichrist (2009) und Anno Sauls Die Tür bauen in ähnlicher Weise auf den zermürbenden Effekt der Parallelmontage, um einen fatalen Kurzschluss im Kreislauf des Lebens zu inszenieren. Im Sterben des schutzbedürftigen Kindes reißt eine Weltordnung auseinander, und aus der Bruchstelle quellen Schuld und Reue. Schuld und deren praktische Lebensform, die Buße, prägen den Figuren beider Filme schon im Vorhinein das Stigma des Ausgeliefertseins auf, verdammen sie dazu, mit sich und ihrem Leben ins Reine kommen zu müssen. Bei Saul und von Trier ist die Welt gleich zu Beginn gründlich erschüttert.

Die Tür

Auch wenn die anfängliche Konfliktsituation ähnlich sein mag, viel interessanter ist, wie grundsätzlich sich die beiden Filme ansonsten voneinander unterscheiden. Bei Saul verhält es sich in Sachen Schuld wesentlich eindeutiger als bei von Trier. David (Mads Mikkelsen), erfolgreicher Maler und Vater der kleinen Leonie (Valerie Eisenbart), missachtet seine Erziehungspflichten, um mit der Nachbarin von gegenüber (Heike Makatsch) eine kleine Nummer zu schieben. Ein schlechter Vater, und ein Ehebrecher noch dazu. Das Trauma seiner Schuld ist das psychologische Zentrum des Filmes. Doch Saul interessiert sich, ganz anders als von Trier, nicht für das Schwären der Wunde, die Stadien des allmählichen psychischen Kollabierens, sondern für Erlösung und Wiedergutmachung. Deshalb springen wir nach dem Tode Leonies dezent fünf Jahre in die Zukunft. David, getrennt von Ehefrau Maja (Jessica Schwarz) und suizidal, findet am Ende der Straße ihres alten Hauses eine mysteriöse Tür, dahinter einen dunklen Tunnel, und urplötzlich ist er wieder da, fünf Jahre vorher. Zwar kann er Leonie diesmal retten, doch die Parallelwelt hält viele Tücken parat. Zum Beispiel ein jüngeres Alter Ego, das dem Glück einer zweiten Chance im Weg steht und daher aus demselbigen geräumt und im Garten verscharrt werden muss.

Die Tür

Die Tür entpuppt sich ab dem Sprung in die alternative Dimension als klassischer Mysterythriller. Das Unerklärliche tritt uns als Faktum gegenüber, nicht als Spiel der Möglichkeiten. In Gegenüberstellung zu von Trier, dessen Antichrist auf die Konventionen des Horrorfilms nur als Ausgangspunkt für eine experimentelle Überformung zurückgreift, bleibt Die Tür ein sehr konservatives, allzu geradliniges Verwirrspiel. Ein grundsätzlicher Unterschied im Umgang beider Genres mit dem Unheimlichen wird dabei offenbar: Während das Unheimliche im Horrorfilm die Wirklichkeit grundsätzlich aus den Angeln hebt und die Figuren einer Welt aussetzt, die zu durchdringen ihnen generell unmöglich ist, räumt der Mysterythriller seinen Protagonisten einen Spielraum zur Einsicht und Kontrolle ein, auch wenn diese letztendlich ins Leere laufen mögen. Das Scheitern der Figuren entspringt aus deren Resistenz, sich in der „anderen“ Welt unter Aufgabe ihrer alten Verhaltensweisen zurecht zu finden.

Jene „andere“ Welt ist in Die Tür auf den ersten Blick eine perfekte Replikation der gewohnten. Im Lichte der Spätsommersonne nimmt das nachbarschaftliche Leben augenscheinlich seinen gewöhnlichen Verlauf, bis die Anzeichen sich häufen, dass mehr und mehr Doppelgänger aus der Zukunft eine zweite Chance suchen. Ansonsten jedoch ist die Straße die Straße, ganz wie zuvor. Doch diese Welt, in der sich fast der gesamte Film ereignet, ist so hermetisch getrennt von einem städtischen Raum, von Lärm, Verwirrung, Unbestimmtheit, kurz, von einem Leben hinter der Straßenecke, dass das Glück mit Tochter und Frau für David immer mehr zu einer Gefangenschaft gerinnt.

Die Tür

Die kleinbürgerliche Idylle, in der sich die Geschehnisse mit der Präzision und Berechenbarkeit eines Experiments im abgeschlossenen System ereignen, ähnelt einer grimmigen Version der Truman Show (1998). Hinter der Fassade beginnt die Harmonie zu bröckeln, alles ist anders, alles ist fake. Gerade in diesem allmählichen Verblassen des Gewöhnlichen liegt der große Reiz von Sauls Experiment, doch leider unterstreicht er das Mysteriöse überstark, er misstraut der Konkretheit seiner Bilder. Allzu oft greift dann noch die Musik gestaltend ins Geschehen ein, drückt und bäumt sich auf, um auch ja sicher zu stellen, dass wir etwas seltsam finden.

Die Tür wird so schlussendlich zu einer eher drögen, weil allzu deutlichen Angelegenheit. Gerade die Überbetonung des Unheimlichen bewirkt dessen Trivialisierung. Den Figuren zuzuschauen, wie sie sich in ihrer verwirrten Welt um Kontrolle bemühen, genügt nicht, um das Unbehagen bis in den Zuschauerraum hinein zu verlängern. Stattdessen bleibt es dem Publikum äußerlich, wird nicht empfunden, sondern konsumiert. Ein Fehler, den von Trier nicht begeht: das Unbehagen ins Innere des Filmes zu verbannen und damit dem Entertainment preiszugeben.

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Kommentare


Jan

Erstklassige Kritik, die genau das herausarbeitet, was diesem Film zum Verhängnis wird. Wie Freud schon sagt: Das Unheimliche ist eben das, was man HALB sieht/kennt, der arg durchsichtig gebaute Plot verrät leider alles viel zu schnell. Trier weiß es besser und liefert mit seinem "Antichrist" echtes Unbehagen, weil er den Horror eben nicht abfilmt, sondern im Kopf des Zuschauers entstehen läßt.


Gerry

Ich fand den Film sehr gut gemacht, er hat mich nicht gerade vom Hocker gerissen aber er ist fesselnd und spannend aufgebaut, man denkt sich von vornherein bereits ein eventuelles Ende aus und es kommt dann doch anderst. Hab das Buch "Die Damals-Tür" nicht gelesen, kann mir vorstellen, das dies bestimmt ein Vorteil ist. Eine Tür, die ins "Damals" führt ist jedoch nicht neu, auch Stephen King hat das bereits in seinem Buch "Der dunkle Turm" genial und meines Erachtens noch spannender gemeistert. Die TÜr ist bestimmt eines der besten deutschen Filme der letzten Jahre.


Ralf

Das Drehbuch stellt auf sehr gelungene Weise die Frage nach Schuld und Ent-Schuldung und ein Vergleich mit Triers Antichrist wird dem Film in meinen Augen nicht gerecht, denn „die Tür“ gibt es bei Trier nicht – nicht einmal symbolisch. Das macht Triers Film auch wesentlich schmerzhafter und abgründiger, während „Die Tür“ nach dem Martyrium tatsächlich mit einer Läuterung der Protagonisten aufwartet: am Ende sitzen Mutter und Vater (also die späteren, nach-traumatischen Ichs der beiden) vor dem Haus und (er-)tragen gemeinsam (Hand in Hand) den Tod ihrer Tochter. Die Mutter hat ihr früheres Ich mit der Tochter zusammen durch die „Tür“ entlassen, das frühere Ich des Vaters liegt zertrümmert im Garten. Tatsächlich bietet der Film also eine Art gelungener Therapie an. Der Weg dort hin – und das ist das Entscheidende, nicht unbedingt die therapeutische Lösung – ist durchaus unheimlich und wartet mit subtilem Horror auf. Irgendetwas stimmt nicht – von Anfang an und dazu noch im Revier des Bekannten (und nicht des Unbekannten). So schafft es der Film den Hauptdarsteller, nach Durchschreiten der Tür, tatsächlich als Fremden in seiner doch eigensten Welt darzustellen – auch mit Hilfe seiner Tochter, die erkennt, dass ihr Vater nicht mehr „der Alte“ ist. Die Kinder erschrecken vor den „Masken“, auch wenn dahinter ihre Eltern (deren spätere Ichs) stecken. Ein unheimliches Motiv (wie vielleicht die ausgetauschten Menschen in „Die Körperfresser“). Und auch für den Protagonisten stimmt etwas nicht: z.B. die Art und Weise, wie der Nachbar immer aufdringlicher wird: erst Mitmensch, dann Mitwisser, dann Mittäter und bald schon allmächtiger Strippenzieher der neuen Ordnung der Nachbarschaft. Und schlussendlich die große zweifelhafte Frage: was will der „Andere“ von mir (hier: mein anderes Ich), wer ist „der Gute“ und wer „der Böse“. Und vor allem: welchen Preis zahlt man für „das Gute“ (die Auslöschung der Schuld, den Neuanfang): eine neue Schuld. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Hauptakteur am Ende „die Tür“ verschüttet und entscheidet, dass der Preis zu hoch ist. Doch darüber ist längst nicht entschieden, die kommenden Generationen haben (immer wieder) zu entscheiden und sind schon am graben. Ein Film der in dem, was er zeigt, überzeugt.






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