Die Tränen meiner Mutter

Das bunte Leben in einer Fabriketage: In seinem ersten Spielfilm erzählt Alejandro Cardenas Amelio mit einem Schuss magischem Realismus die Geschichte einer argentinischen Familie im Berlin der 80er Jahre.

Die Tränen meiner Mutter

Carlos (Rafael Ferro) und Lizzy (Erica Rivas) sind mit ihrem Sohn Alex vor dem Militärregime in Argentinien nach Westberlin geflohen. Dort leben sie gemeinsam mit einer Schar illustrer Gestalten in einer Fabriketage, was den staunenden Augen des Kindes eine Menge Studienmaterial beschert. Der Film nimmt konsequent seine Perspektive ein. Alex ist ein Oskar Matzerath ohne Blechtrommel, ohne anhaltende Dreijährigkeit und ohne die Fähigkeit, Glas zu zersingen – statt der schrillen Stimme verfügt er über eine telekinetische Begabung, mit deren Hilfe er einmal einen Seitensprung seines Vaters vor der Mutter verbirgt und einmal verrät.

Die Tränen meiner Mutter ist weniger eine stringent erzählte Geschichte als vielmehr die Beschwörung eines Lebensgefühls, eine beinah nostalgische Betrachtung von Menschen und Zeiten. Amelio, selbst ein in Deutschland aufgewachsener Argentinier, rekonstruiert Atmosphäre und Requisiten der 80er Jahre und erschafft ein liebenswertes, schön ausgearbeitetes Figurenkabinett, das bis in die Nebenrollen hinein glaubhaft erscheint. Ein alter Mann im Rollstuhl, der früher Trickbetrüger war, ein Fotograf, ein Frauenheld und eine Punkerin, die, so der Ich-Erzähler „uns zugelaufen war“, gehören dazu. In einer der schönsten Darbietungen des Films spielt die 20-jährige Alice Dwyer dieses Punkmädchen als eine verschlossene, desillusionierte Außenseiterin, deren innere Wärme nur Alex erkennt. Die übersinnliche Begabung des Kindes spielt dramaturgisch kaum eine Rolle, sondern fungiert eher als poetischer, magischer Farbtupfer, der aber sparsam eingesetzt wird. Am deutlichsten noch gegen Ende, wenn Alex seiner Schulhofliebe gegenübersteht und es tatsächlich mitten im Sommer anfängt zu schneien.

Die Tränen meiner Mutter

Alle sind Künstler in dieser erweiterten Wahlfamilie, und die Atmosphäre ist ständig kreativ. Man sieht sich mit einem alten Projektor Filme auf einem Betttuch an, Murnaus Nosferatu (1922) jagt dem kleinen Alex gehörig Angst ein; oder man dreht auch selbst, weswegen der Junge längere Zeit in einem Fliegenkostüm herumläuft. Ein auf den Boden fallendes Baustellengitter muss dann als Fliegenklatsche herhalten. Das hat einen ähnlichen Charme wie in zwei anderen Filmen dieses Jahres, Abgedreht (Be Kind Rewind) und Der Sohn von Rambow (Son of Rambow). Der weite Raum der Fabriketage dient Alex als Spielwiese für seine kindlichen Fantasien, dem Regisseur bietet sie genug Raum für ausholende Kamerafahrten und ungewöhnliche Perspektiven. Adrian Goessel gibt dem meist passiven Alex, der die Welt der Erwachsenen interessiert beobachtet, aber fast nie das Geschehen beeinflusst, eine gleichmütige, gleichwohl starke Präsenz.

Die Ich-Erzählung bleibt angenehm lakonisch und blickt auf die Vergangenheit, ohne daraus eine Sammlung von Kuriositäten zu machen (wie es etwa in Lenin kam nur bis Lüdenscheid passiert ist, in dem die Komik dadurch entstehen soll, dass der erwachsene Erzähler den Sprechduktus eines Kindes annimmt). Überhaupt geht es um ganz und gar ernste Dinge. Das Militärregime in Argentinien, das der Grund für die Auswanderung nach Deutschland war, kommt zwar nur unterschwellig vor, schiebt sich aber immer wieder zwischen die locker aneinandergereihten Episoden über das Bohemeleben im Schatten der Berliner Mauer – sei es durch Telefongespräche mit der in Buenos Aires verbliebenen Großmutter oder bei einem Besuch in der argentinischen Botschaft, wo Lizzy mit dem Beamten aneinandergerät, der für sie vor allem der Repräsentant eines verbrecherischen Regimes ist.

Die Tränen meiner Mutter

Während die schöne, leidenschaftliche Lizzy als Journalistin in Berlin Erfolg hat, muss Carlos dumme Jobs in Fabriken annehmen. Die meiste Zeit lästert er über Deutschland und erzählt ausufernd verklärend von Argentinien. Sein Unwillen zur, wie man heute sagt, Integration spiegelt sich auch darin, dass ungefähr die Hälfte der Filmzeit untertiteltes Spanisch gesprochen wird. Es ist dies ein Heimweh, dem unausgesprochen die Figur der Punkerin gegenübersteht, die sich gerade für ein heimatloses Leben entschieden hat und schließlich sogar ohne erkennbaren Grund das warme Nest der Fabriketagen-WG verlässt. Anders als Carlos kann sie gehen, wohin sie will, ebenfalls anders als er weiß sie aber nicht, wohin.

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