Die Töchter des chinesischen Gärtners

Aufkeimende Homosexualität vor überwältigender Naturkulisse – das war schon das Sujet von Brokeback Mountain (2005). Nun legt der Chinese Daï Sijie mit seinem in Frankreich produzierten Lesbenfilm Die Töchter des chinesischen Gärtners eine Variation dessen vor.

Die Töchter des chinesischen Gärtners

Ein botanischer Garten auf einer chinesischen Insel. Hier sprießen nicht nur die buntesten Blüten der seltensten Blumen, sondern auch die Leidenschaft. Als die junge Li Ming (Mylène Jampanoï) eine Praktikumsstelle bei dem berühmten Botanikprofessor Chen (Dongfu Lin) antritt, begegnet sie seiner Tochter An (Li Xiaoran). Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine lesbische Beziehung, die im China der achtziger Jahre nicht geduldet wird und vor der Autorität des Vaters verheimlicht werden muss. Um den Deckmantel der Normalität zu wahren, heiratet Li Ming den ahnungslosen Bruder ihrer Geliebten und bringt damit das familiäre Gleichgewicht ins Wanken.

Ein botanischer Garten steht als visueller Angelpunkt im Zentrum von Die Töchter des chinesischen Gärtners (Les Filles du Botaniste), dem neuen Film des chinesischen Regisseurs Daï Sijie, der international erstmals mit Balzac und die kleine chinesische Schneiderin (Xiao cai feng, 2002) auf sich aufmerksam machte. Wiederholt sehen wir ein Gewächshaus, das die in ihm gezüchteten Pflanzen nicht mehr halten kann, Rankengewächse, die den grauen Stein und die geometrischen Formen einer Architektur überwuchern. Unmissverständlich bekommen wir eine Metapher für den zentralen Konflikt des Werkes vorgesetzt, dem zwischen Natur und Kultur.

Die Töchter des chinesischen Gärtners

Die Töchter des chinesischen Gärtners ist ein Film, der Werte wie Natürlichkeit, Freiheit und Individualismus gegenüber den festgefahrenen Bahnen einer rigiden Kulturordnung verteidigt, selbst jedoch nur den ausgetretenen Pfaden der (Film-)Kultur folgt, anstatt eigene Schneisen zu schlagen.

Bildinszenierungen, die zu Formel- und Klischeehaftigkeit neigen, durchziehen das Werk – sehr zum Leidwesen des Zuschauers, der sich, trotz aller Opulenz der Bilder, des Eindrucks nicht erwehren kann, all dies irgendwie schon mal gesehen zu haben. Neben einer ausgelaugten Natur/Kultur-Metaphorik – etwa dem obligatorischen Bild eines dressierten Vogels im Käfig – stört vor allem der gelegentliche Hang zur uninspirierten Softpornoästhetik. Wenn schweißgeperlte Frauen sich auf dampfenden Blütenblättern räkeln, gegenseitig füttern, während im Hintergrund der Regen plätschert oder einander Schlamm von den Körpern waschen, ist dies kaum mehr einfallsreich als die schwülstige Sexoptik eines David Hamilton. Sich gegenüber der funktionalen und rationalen Einstellung Chinas zur Sexualität positionierend, versucht Sijie das Spielerische und „Anormale“ an ihr zu entdecken. Doch dort, wo er die Vermittlung von Sinnlichkeit anstrebt, bringt er nur verbrauchte Erotikvorstellungen hervor.

Die Töchter des chinesischen Gärtners

Auch auf narrativer Ebene geschieht wenig Neues. Der traditionellen Geschichte einer nicht gesellschaftskonformen und daher tragischen Liebe fehlt die besondere Note. Das aufgegriffene Thema der Homosexualität scheint zwar zunächst Leben in den uralten Plot zu bringen, doch anders als etwa Brokeback Mountain schöpft Sijies Film das dramatische Potential einer gleichgeschlechtlichen Liebe nicht aus. Ang Lees Schwulenwestern gewann seine Komplexität unter anderem daraus, dass er nicht nur den Konflikt zweier sich liebender Männer mit einer intoleranten Gesellschaft zeigte, sondern gleichzeitig die Auseinandersetzung der Protagonisten mit ihrer Andersartigkeit problematisierte und psychologisierte, all die Ängste, Zweifel und Infragestellungen des eigenen Selbstbildes aufwarf, die ein Coming Out mit sich bringen und die Liebe schon von Innen her – nicht nur durch ein Außen der heterosexuell genormten Gemeinschaft – bedrohen kann.

Die Töchter des chinesischen Gärtners gestaltet seine homosexuelle Beziehung weit plakativer. Da gibt es auf der einen Seite das selig vereinte lesbische Pärchen, das den Schlüssel zu wahrer Liebe entdeckt hat, und auf der anderen Seite die ihnen feindlich gesinnte Männerwelt, geprägt von Gewalt und emotionaler Kälte. Wenig differenziert erscheint die Gefühlswelt der beiden weiblichen Hauptfiguren, die sich mit Dialogen wie „Dir gehört meine Unschuld / Und meine Unschuld gehört dir“ die ewige Liebe schwören und als Zeichen derer einhundertacht gefangene Tauben in die Freiheit entlassen. In diesem gefühlstrunkenen Zustand verharren die Protagonistinnen für den Großteil des Films und werden zu eindimensionalen Abziehbildern zweier Romantiker. Die Figuren des Vaters und des Bruders sind gar nur noch Karikaturen des Männlichen: entweder rationalistisch und kontrollsüchtig oder militaristisch und mit Muskeln protzend. Raum für Zwischentöne gibt es nicht. „Versüßt“ wird die schablonenhafte Liebeserzählung durch einen aus Geigen und Chorgesängen bestehenden Musikteppich und Bilder, die zwar hübsch anzuschauen sind, letztlich aber rein dekorativ bleiben.

Die Töchter des chinesischen Gärtners

Das Resultat all dieser Romantisierungsprozesse, die innerhalb von Sijies Film wirken, bewegt sich gefährlich nahe am Rande zum puren Kitsch. Für einen Regisseur, der aus einem Land kommt, in dem gleichgeschlechtliche Liebe in den achtziger Jahren noch als Krankheit und Verbrechen begriffen wurde und auch heute noch mit einem Tabu belegt ist, hätte man sich eine ernsthaftere und bewegendere Gestaltung zum Thema Homosexualität gewünscht. So aber bleibt Die Töchter des chinesischen Gärtners eine beliebige Liebesgeschichte und ein kaum durchschnittliches Melodram.

Kommentare


stefi

Die Kritik von Welf Lindner ist nicht meine Meinung. Ich finde, das war der bisher beste Film des Jahres 2007. Soll heißen: Lieber einen Film anschauen als Kritiken lesen!






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