Die Tiefseetaucher

In der neuen Komödie von Wes Anderson (Rushmore, 1998) agiert Bill Murray als zerzauster Unterwasserfilmer, für den Jacques Cousteau Pate stand. Der Film sprüht nur so vor Ideen, doch lässt das Werk den Humor von vorangegangenen Filmen des Regisseurs vermissen.

Die Tiefseetaucher

In Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou) setzt der Regisseur Wes Anderson eine Entwicklung fort, deren Ansatz sich bereits in dessen erstem Film Durchgeknallt (Bottle Rocket, 1995) ausmachen lässt und in The Royal Tenenbaums (2001) konsequent ausformuliert wurde. Anderson schafft Parallelwelten, die nicht, in Form einer filmischen Illusion, Realität vortäuschen sollen, sondern einen eigenständigen Kosmos darstellen, der nicht an die Gesetzte der Logik und der Physik gebunden ist. Bot der autonome filmische Raum in The Royal Tenenbaums, durch die Aufhebung von Linearität, eine ideale Basis für die Entwicklung von Andersons absurd anmutenden Humor, nutzte der Regisseur darüber hinaus die Welt der Familie Tenenbaum um mit einer vielschichtigen filmischen Gestaltung zu operieren. Neben dem Einsatz einer durchkomponierten Farbdramaturgie dienten insbesondere die Ausstattung und die Kostüme der Bildung von Anachronismen. Die Welt des Meeresforschers und Filmemachers Steve Zissou (Bill Murray) stellt nun das jüngste Gebilde Andersons dar, das er nun noch um den Aspekt des Surrealen erweitert.

Die Tiefseetaucher

Zissou und seine Bootscrew entsprechen einerseits einem Anderson-typischen Anachronismus, da sie mit High-Tech-Geräten arbeiten und dennoch, nach dem Vorbild Jacques Cousteaus, der seine Meereserkundungen von 1966 bis ’73 in einer Fernsehserie vermarktete, einem verzerrten Abziehbild gleich, den 60er Jahren entsprungen zu sein scheinen. Andererseits gestaltet sich Zissous Unterwasserwelt wie ein surrealer Raum, in dem das Meer aus einem hellblauen Wassertank besteht und Fischschwärme neonpink erstrahlen. Es handelt sich bei den meisten Meereslebewesen um animierte Puppen, die mit der traditionellen, jedoch unzeitgemäßen Stop-Motion-Technik zum Leben erweckt werden. Ein von Anderson bewusst eingesetztes Verfahren, das durch die unflüssig erscheinenden Bewegungsabläufe, den technischen Charakter des Mediums Film, die Erzeugung von Bewegungsillusion durch die Abfolge von Einzelbildern, auf anschauliche Weise vergegenwärtigt. Anderson setzt Zissous Tierwelt zur Betonung des Kinoapparats ein, wobei die medialen Eigenschaften des Films als surreales Ausdrucksmittel dienen. Eine weitere Form des Surrealen in Zissous Welt ist das Boot, die „Belafonte“, auf der der Filmemacher und seine Crew leben und die dokumentarischen Tiefseestreifen produzieren. Einem Puppenhaus gleich werden in einer Aufrissansicht die einzelnen Decks im Inneren lebensgroß wiedergegeben. Mit einer Kulisse, die sich die künstliche Atmosphäre des Filmstudios zu eigen macht, nährt sich Anderson in der filmischen Gestaltung den surrealen Einlagen eines Arthur-Freed-Musicals und zitiert mit vertikalen Kamerabewegungen, die sich über die verschiedenen Ebenen erstrecken, zugleich Werke des poetischen Realismus’ wie Carnés Der Tag bricht an (Le Jour se lève, 1939). Anderson beweist ein weiteres Mal den souveränen und zugleich kreativen Umgang mit formalen Gestaltungsprinzipien.

Die Tiefseetaucher

Trotz der konsequenten Fortführung des eigenen Stils unterscheidet sich Andersons jüngste Arbeit in einem Punkt wesentlich von seinen bisherigen Filmen: die Behandlung seiner Figuren. Anderson verfährt mit den Charakteren, als wären sie nur noch ein lästiges Beiwerk in seiner filmischen Phantasiewelt. Jegliche menschliche Dimension wird ihnen genommen, in dem die Figuren selbst in ihren Dialogen auf ihren Konstruktionscharakter hinweisen. So stellt etwa Zissou dem Zuschauer seinen Widersacher Alistair Hennessey (Jeff Goldblum) gleich zu Beginn mit dem Worten vor, er wäre dessen „Nemesis“. Auch die Vater-Sohn-Beziehung, die im Mittelpunkt des Films steht, wird von den Schauspielern Bill Murray und Owen Wilson in ihrer Darstellung lediglich schablonenhaft wiedergegeben. Nicht nur Anjelica Huston erweckt den Anschein, als würde sie sich im Ensemble deplaziert vorkommen. Hochkarätige Schauspieler der Besetzung, wie Willem Dafoe und Cate Blanchett, können ihre Qualitäten bestenfalls nur ansatzweise entfalten.

Anderson hat sich mit der Entscheidung, die Figuren auf ihre bloße Funktion hin einzusetzen den eigenen Strick gebunden, da der Motor seiner bisherigen Filme stets die Charaktere mit ihren menschlichen Schwächen waren. Die Erzählung in Die Tiefseetaucher ist jedoch weiterhin auf die Figurenkonstellationen ausgelegt. Der dadurch entstandene Leerraum führt dazu, dass Andersons, eigentlich originelles, Gestaltungsprinzip sich selbst zur formalen Spielerei degradiert. Schade ist auch, dass durch das Verblassen der Persönlichkeiten Andersons zweite Stärke, der Humor, auf der Strecke bleibt. Somit bleibt abzuwarten, ob Anderson die Qualität seiner vorherigen Komödien auch künftig erreichen wird.

Kommentare


andreas jacke

Unausgegoren da zu situativ und viel zu sher zusammengepuzzelt kommt dieser reichlich überwerte Film daher. Zugegeben es gibt einige nette Szenen - aber dass Ganze ist nur schwer nur genießbar...


Zimbo

Mich hat er auch nicht gerade vom Hocker gerissen, aber ein Freund von mir fand ihn Klasse.
Jedem das Seine :)






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