Die Strände von Agnès

„Die Großmutter der Nouvelle Vague“ Agnès Varda liefert ihre sehr lebendigen Memoiren ab. Die mit dem César ausgezeichnete Dokumentation vereint mit großem Ideenreichtum Fantasie und Realität, Lebensfreude und Melancholie.

Die Strände von Agnès

Eine kleine alte Dame läuft rückwärts. Sie tut dies an einem Strand in Belgien, wo sie mit ihrem Filmteam diverse Spiegel aufstellt. Die Mitglieder ihrer Crew erscheinen in den Spiegelbildern, sie selbst würde am liebsten mit ihrem Tuch vor dem Gesicht gefilmt werden. Der Film ist Agnès Vardas Selbstporträt, aber eigentlich interessiert sich die Autorin, Regisseurin und Kamerafrau mit dem markanten Topfhaarschnitt mehr für andere Menschen. Wie einige ihrer früheren Werke ist ihre Autobiografie auch eine Reflexion über das Filmemachen und die subjektive Erinnerung. Ihre Selbstdefinition „kleine alte Dame“ ist hier nur eine von mehreren Rollen, die sich die heute 81-Jährige für den Rückwärtsgang durch ihr Leben überstreift.

Vardas Gang in die Vergangenheit ist eher sprunghaft als geradlinig. Mitunter ist es eine Herausforderung, mit ihr Schritt zu halten, wenn man mit Biografie und Werk nur in Ansätzen vertraut ist. Die wenigsten ihrer zahlreichen Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme sind in Deutschland auf DVD erhältlich. Trotzdem ist es ein Vergnügen, ihren freien Assoziationen und fantasievollen Inszenierungseinfällen zu folgen. Erinnerungen sind wie ein Schwarm Fliegen in der Luft oder wie ein Puzzle mit einem großen Loch in der Mitte, meint die Regisseurin. Ihre Rückblicke sind Fragmente aus Fotos und Filmszenen, Dingen, Orten und Menschen, die wie die Bodenfliesen in einer späten Szene ein buntes Mosaik ergeben.

Die Strände von Agnès

Ihre eigene Kindheit sei keine Inspiration für sie, behauptet Varda. Stattdessen hat sie mit dem Biopic Jacquot de Nantes (1991) die Kindheitserinnerungen ihres 1990 an Aids gestorbenen Ehemannes Jacques Demy (Die Regenschirme von Cherbourg, Les parapluies de Cherbourg, 1964) adaptiert. Der Film eröffnet und endet an einem Strand. Ihre „innere Landschaft“ sei ein Strand, so Varda. Oft hat sie ohne und mit Demy am Meer gelebt, gearbeitet oder ihren Urlaub verbracht. Wenn sie im Verlauf ihrer autobiografischen Reise nicht gerade einen Strand in Belgien, Frankreich oder den USA aufsucht, dann lässt sie einen in den Straßen von Paris aufschaufeln, um das Büro ihrer Produktionsfirma nach draußen zu verlegen. Die Beziehung zu Demy, die Trauer um ihn und andere verstorbene Familienmitglieder, Freunde und Kollegen dominieren die melancholische zweite Hälfte von Vardas Memoiren, während sich die verspieltere erste mit ihrer Jugend, den Anfängen als Fotografin und Filmemacherin und ihrer Position als weibliche Vertreterin der Nouvelle Vague unter lauter Männern beschäftigt.

Die Strände von Agnès

Meistens setzt ein Gegenstand oder eine Musik, eine Begegnung oder Straße, die Erinnerung der Regisseurin in Gang und dient als Sprungbrett zur nächsten Szene. Der hölzerne Rahmen eines Spiegels lässt Varda an die Möbel im Haus ihrer Eltern denken, ein Messer vom Flohmarkt oder Schuberts „Unvollendete“ assoziiert sie mit ihrer Mutter, ein Gemälde oder ein Geschehen ruft einen Filmmoment wach. Sie stellt Szenen ihrer Biografie nach, zweifelt aber auch am Sinn einer solchen Rekonstruktion, betont vielmehr das Unzuverlässige daran. Lieber lässt sie Trapezkünstler am Strand auftreten, da sie als verträumtes Kind zum Zirkus wollte.

Gedanken und Gefühle sind mindestens so bedeutsam wie Daten und Fakten und werden in konkrete Bilder umgesetzt. Teils spricht die Regisseurin direkt in die Kamera, teils ist sie im Voice-over präsent. Parallelen zwischen Themen ihres Lebens und denen der Protagonisten ihrer Spiel- und Dokumentarfilme werden sichtbar: Die Konfrontation mit Krankheit und Tod in Cleo von 5 bis 7 (Cléo de 5 à 7, 1962); die Definition von Glück in Le Bonheur (1965); Feminismus und Rebellion in Vogelfrei (Sans toit ni loi, 1985); Sammelleidenschaft und Konsumkritik in Die Sammler und die Sammlerin (Les glaneurs et la glaneuse, 2000).     

Die Strände von Agnès

Arbeit und Privates, Kunst und Person, sind in Die Strände von Agnès (Les plages d’Agnès) nicht zum ersten Mal in Vardas Laufbahn untrennbar verflochten. Ihre Kinder Rosalie und Mathieu waren mehrfach Darsteller in ihren Filmen, sie selbst tritt in einer Reihe ihrer Dokumentationen auch vor die Kamera oder kommentiert die Handlung im Off. Nicht nur die Reflexion des eigenen Mediums, auch ihre formale Experimentierfreude und die Beschäftigung mit Zeit und Erinnerung verbinden die gebürtige Belgierin mit ihrem kamerascheuen Regiefreund Chris Marker (Sans Soleil – Unsichtbare Sonne, Sans Soleil, 1983), der hier in Gestalt einer Pappkatze als Interviewer fungiert.

Agnès Varda demonstriert mit ihrem ebenso vergnügten wie nachdenklichen Selbstporträt, dass ihre Neugier auf Menschen und ihre Lust am Spiel mit unterschiedlichsten Inszenierungsformen keine Altersmüdigkeit kennt. Ihr Film inspiriert dazu, sich ausführlicher mit ihrem vielfältigen und etwas vergessenen Werk zu beschäftigen. „Film Studies for Free“ hat gerade eine umfangreiche Materialsammlung mit überwiegend englischen und französischen Texten und Videos zusammengestellt.

„Das Kino ist mein Zuhause“, sagt Varda und nimmt das manchmal ganz wörtlich. In der letzten Szene funktioniert sie Filmaufnahmen ihres Fantasy-Flops Die Geschöpfe (Les créatures, 1996) in ein einzigartiges Kinozelt um, in dem sie sich sehr wohl zu fühlen scheint.

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