Die sieben Schwerter

Das Lieblingsthema des Martial-Arts-Kinos ist die chinesische Martial-Arts-Tradition selbst. In Die sieben Schwerter (Chat gim) gerät dieselbe ernstlich in Gefahr, als die neu gegründete Ching-Dynastie aus Angst um die Sicherheit der eigenen Herrschaft ein Verbot aller traditionellen Kampfkünste ausspricht.

Die sieben Schwerter

Der ehrgeizige, sadistische General Fire-Wind (Sun Hong Lei) möchte im neuen Kaiserreich Karriere machen und macht sich daran, mit seiner Armee das neue Gebot mit aller Gewalt durchzusetzen. Niemand scheint der blutrünstigen Horde Widerstand leisten zu können, bis der Offizier Fu Qing Ju (Lau Kar Leung), der sich von seinen ehemaligen Kollegen lossagte, in einem kleinen Dorf die junge Wu Yuan Yin (Charlie Yeung) und deren Freund Han Zhi Ban (Yi Lu) trifft. Gemeinsam machen sie sich auf zum Himmelsberg, wo sie durch den alten Martial-Arts-Meister Shadow-Glow (Ma Jingwu) weitere Kämpfer kennenlernen und in den Besitz sieben magischer Schwerter gelangen.

Anfang der achtziger Jahre machte ein junger Regisseur, der das Filmhandwerk in Amerika gelernt hatte, erstmals auf sich aufmerksam. Sein dritter Kinofilm Dangerous Encounters of the First Kind (Di yi lei xing wei xian, 1980) gilt als ein Schlüsselwerk der Neuen Welle Hongkongs, die die Blütephase der dortigen Filmindustrie einleitete und heute weltweit gefeierten Filmemachern wie John Woo oder Wong Kar-Wai den Weg bereitete. In den letzten Jahren war es ein wenig ruhig geworden um den Mann, dem das moderne Hongkong-Kino mehr verdankt als jedem anderen. In seinem neuesten Film wendet er sich zum wiederholten Mal dem vielleicht chinesischsten aller Filmgenres zu: dem Schwertkampffilm, genannt Wuxia, der die chinesische Filmgeschichte bereits seit der Stummfilmzeit prägt und seine Wurzeln in traditionellen Erzählungen hat, die teilweise mehrere tausend Jahre alt sind.

Die sieben Schwerter

Die sieben Schwerter stellt in vieler Hinsicht das Destillat der gesamten Filmografie Tsui Harks dar. Das Werk verbindet die epische Ausrichtung der Once Upon A Time in China-Serie (Wong Fei Hung, 1991-1997) mit der Ideenvielfalt sowie der Liebe zu erzählerischen Volten seiner zahlreichen Komödien und der Dynamik des kompromisslosen Wuxias The Blade (Dao, 1995). Vor allem jedoch schließt sein neues Werk an den konsequenten Antirealismus an, der sein gesamtes Schaffen durchzieht.

Tsui Hark investierte stets mehr in die Bilder als andere Regisseure, und in den neunziger Jahren löste sich sein überbordender Stilwille immer weiter von der empirischen Wirklichkeit. 2000 fand diese Entwicklung in seinem Meisterwerk, dem fast schon kriminell unterschätzen Gangsterfilm Time and Tide (Seunlau ngaklau), dessen entfesselte, halluzinatorische Kamerabewegungen und Montagekombinationen eine sinnliche Logik scheinbar jenseits jeder physischen Realität erzeugen, seinen Höhepunkt. Und Die sieben Schwerter geht den eingeschlagenen Weg – wenn auch mit etwas gedrosseltem Tempo – weiter.

Das erste Aufeinandertreffen der Kontrahenten wird in düsteren, fast farblosen Bildern präsentiert, einzig einige knallrote Fahnen stechen hervor. Die Truppen Fire-Winds scheinen, nach Bekleidung und Make-Up zu urteilen, einer düsteren Gothik-Fabel entsprungen. Der Kampf ist hart und blutig, Gliedmaßen und Köpfe fliegen zu Dutzenden durch das Schlachtfeld. Tsui Hark löst diese Sequenz in einer Vielzahl kurzer Einstellungen auf, die stets nur kleine, präzise ausgewählte Details zeigen, und verzichtet auf die monumentalen Panoramaaufnahmen, die amerikanische Historienfilme wie Königreich der Himmel (Kingdom of Heaven, 2005) prägen.

Die sieben Schwerter

Auch im weiteren Verlauf bleibt Tsui Hark diesem Stilkonzept treu. Jede Sequenz besitzt eine ganz spezifische Farbgebung, die sich nie an einer wie auch immer gearteten historischen oder physikalischen Realität, sondern immer ausschließlich an den dramaturgischen Gegebenheiten der jeweiligen Situation orientiert. Ebenso konsequent verzichtet Die sieben Schwerter auf eine herkömmliche räumliche Eröffnung der Schauplätze durch Establishing Shots. Groß- und Nahaufnahmen dominieren, die Kamera bleibt nahe an den Figuren, die wenigen Momente, in denen sie sich von ihnen entfernt, dienen nicht der Orientierung des Zuschauers, sondern eröffnen oft fast surrealistische Farbwelten, die die fantasmatische Ausrichtung des Streifens verstärken.

Die stilistische Ausrichtung erinnert nur auf den ersten Blick an die großbudgetierten chinesischen Wuxia-Produkionen der letzten Jahre. Zwar sind auch House of Flying Daggers (Shi mian mai fu, 2004) oder Wu Ji (2005) von artifiziellem Produktionsdesign geprägt, doch deren kunstvoll durchkomponierte Plansequenzen in prachtvoll ausgestatteten Palästen verweisen stets auf die glanzvolle Geschichte Chinas, während Tsui Harks Werk einer rein filmischen Logik gehorcht.

Die sieben Schwerter

Wenn Tsui Hark ein „chinesischerer“ Regisseur ist als die meisten seiner Kollegen aus der Filmindustrie Hongkongs, dann weniger aufgrund seines Interesses an chinesischer Geschichte als an der Begeisterung für asiatische Kulturtraditionen, die sich in vielen seiner Werke widerspiegelt - selbst der chinesischen Küche widmete er 1995 einen Film (The Chinese Feast, Jin yu man tang). Doch vor allem ist Tsui Hark ein Filmfreak. Jedes seiner Werke evoziert vielfältige Aspekte der reichhaltigen chinesischen Filmgeschichte. Besonders die Wuxia-Klassiker der Shaw-Brothers aus den Sechziger- und Siebzigerjahren dienten immer wieder als Inspiration. Im Falle von Die sieben Schwerter erinnert die Storyline stark an Akira Kurosawas Samurai-Epos Die sieben Samurai (Shichinin no samurai, 1954). Doch Tsui Hark verleiht dem inzwischen klassischen Stoff, der auch dem Westernklassiker The Magnificent Seven (1960) als Vorlage diente, eine sehr persönliche Note, die letztlich stärker an die sprunghaften, spielerisch melodramatischen, in Serie produzierten Shaw-Brothers-Streifen erinnert, als an Kurosawas moralische Attitüde.

Tsui Hark hat Die sieben Schwerter als ersten Teil einer sieben Filme umfassenden Serie angelegt. Es wird also einige Jahre dauern, bis es möglich sein wird, einen umfassenden Überblick über das Gesamtprojekt gewinnen zu können. Der vorliegende erste Teil jedoch macht Lust auf mehr. Und vielleicht nimmt sich demnächst doch noch ein Kinoverleih des in Hongkong kommerziell äußerst erfolgreichen Schwertkampfstreifens an.

Kommentare


Martin Zopick

Allein der Titel, sowie ein Teil der Grundidee erinnern entfernt an den großen Akira Kurosawa. Ansonsten liegen Welten dazwischen und nichts Vergleichbares. Es ziehen Mörderbanden durchs Land und machen Kasse mittels Kopfgeld. Dabei gibt es jede Menge blutige Gemetzel und viel Gewalt – sogar beim Kurzsex. Auch Emanzen killen fleißig mit. Und falls es Fragen gibt, bekommt man als Antwort ‘Trink das Blut deiner Feinde und du wirst nie mehr Angst vor ihnen haben!‘
Was die Fans allerdings überzeugt sind die großartige Optik, die schnellen Schnitte und die temporeiche Action. Das fremdartige Ambiente und die Kostüme tun ein Übriges. Dann braucht man auch nicht über Sinn und Inhalt nicht diskutieren. Das nennt man Entertainment pur. Natürlich bleiben die Figuren etwas schablonenhaft, Charakterzeichnung ist eher unerwünscht, stattdessen Liebe und Verrat bzw. taschenpsychologische Erkenntnisse wie ‘Inmitten des Hässlichen gibt es auch Schönes!‘ Die letzten Bilder gehen dann wieder in memoriam Hollywood, wenn die Helden nach getaner Arbeit zwar nicht in den Sonnenuntergang reiten, sondern in die Wüste.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.