Die schönen Tage von Aranjuez

Erschaffung und Erschlaffung des Wortes: Wim Wenders überführt das gleichnamige Theaterstück des österreichischen Schriftstellers Peter Handke in einen 3D-Film und fügt dem eine Reflexion über das künstlerische Schöpfen hinzu.

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Die schönen Tage von Aranjuez wird mit Perfect Day von Lou Reed eröffnet; schwerelos gleitet die Kamera durch ein utopisch leergefegtes Paris und findet sich wieder auf einer Terrasse mit Blick auf die sich in der Ferne abzeichnende Hauptstadt. An einem Rosenbogen aus Holz rankt sich mit Buntem gespickt allerlei Grünes ergiebig in die Höhe, darunter zart geschwungenes Gartenmobiliar; visuelles Zuckerwerk, in dem der angesungene perfekte Tag nur zu gern seinen Anfang nehmen würde. Hier, ins Freie also, hat Wim Wenders sie verpflanzt, die Kammer des gleichnamigen Kammerspiels von Peter Handke, das den Untertitel „Ein Sommerdialog“ trägt. Ein Gefühl von Freiheit mag sein Film aber nicht so recht vermitteln; es braucht keine Mauern, um Schwere und Starre aufkommen zu lassen, so lehrt der blühende Sommergarten, den wir in den darauffolgenden anderthalb Stunden kaum verlassen werden; ein Schauplatz eines seltsam leblos inszenierten Dialogs.

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In dieser Freiluftkammer sitzen sich ein Mann (Reda Kateb) und eine Frau (Sophie Semin, Peter Handkes Frau) aus einiger Entfernung gegenüber und sprechen miteinander. Ein ehemaliges Paar, ein Paar im Werden? Man weiß es nicht. Er, neugierig, befragt sie, eindeutig die Ältere, zu ihrer ersten Liebesnacht mit einem Mann. Von da an entspinnt sich ein Gespräch über ihre sexuellen Erfahrungen; vergnügt gibt sie sich ihren Reminiszenzen hin, spannt den Bogen von der ersten Regung sexuellen Verlangens hin zum Liebesakt als Rache an „den Männern“. Eine Art Prolog deklariert das Stück als „außerhalb gleichwelcher Aktualität“, und man spürt das unangenehme Unterfangen, diesen Dialog zu einem Lehrstück über den Mann und die Frau zu erhöhen, das Ewigweibliche zu suchen.

Dialog mit dem Dialog

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Drinnen, in dem malerischen Landhaus, das auf den Garten hinausgeht, beobachtet ein Mann mit traurigem Gesicht das Paar, vielleicht ist das der Ausdruck seines einsamen Schaffensdrangs: der Autor (Jens Harzer). Im Theaterstück von Peter Handke sind sich der Mann und die Frau überlassen, bilden selbst, mit ihren Gefühlen und Erinnerungen, die Grenzen ihres Kammerspiels. Wim Wenders tritt einen Schritt zurück und verschachtelt diese Kammer in ihren Schöpfungsprozess; in seinem Film begegnen sich Schöpfer und Geschöpfte im selben Raum. Die schönen Tage von Aranjuez bildet nämlich nicht nur den Dialog der Vorlage ab, sondern mengt ihr eine Reflexion über das literarische Schöpfen bei. Die Figuren sprechen, was der Autor, gleicheinem Souffleur, raunt und auf seiner alten Schreibmaschine tippt; die Kamera gleitet von der Frau zum Mann zum Autor und wieder zurück, ein einziger Dialog mit dem Dialog; auch ein einziges Sich-im-Kreis-Drehen.

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Der Autor aber souffliert nicht nur, so Wim Wenders These; er haucht seinen Figuren auch ein Eigenleben ein, das ihn übersteigt. Wenn er gedankenverloren durch das Haus streunt, wird der Dialog eigenmächtig fortgesetzt, als könnte der Autor seine Geschöpfe nicht zurückhalten, als hätte er keine Macht über sie. Am Anfang war das Wort, nur wessen? Wer diktiert wem? Wer treibt die Geschichte an? Die Geister, die der Autor ins Leben gerufen hat, wirken ohne sein Zutun fort. Literatur als überwältigende, die wirkliche Welt verändernde Kraft? Man kann sich schwer des Eindrucks der Einfältigkeit erwehren. Und dann ist da noch die Jukebox, die den Film in traurige Klassiker von Lou Reed bis Gus Black tränkt und den Zuschauer mit Nachdruck in die angemessene Gefühlslage bringt; auch Nick Cave darf nicht fehlen, der Sänger hat einen herzzerreißenden Auftritt im Wohnzimmer des Landhauses. Alles ist schwermütig, bemüht, betont; die Sommerleichtigkeit dahin.

Die Erschlaffung des Wortes

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Ein Mann und eine Frau also. Er fragt, sie erzählt, denn „ohne Frage komme ich nicht weiter, ohne Frage bin ich blind und stumm“. Im Dialog, den Wim Wenders von Peter Handke übernommen hat, scheint ebenfalls eine Reflexion über das Erzählen angelegt zu sein; der Mann als Handlanger des Autors, als Bedingung dafür, dass das Erlebte in Worte gekleidet wird, im wahrsten Sinne des Wortes geäußert wird und Eingang in die Welt findet. Wim Wenders hat es zweifelsohne auf die Verschachtelung abgesehen. Da ist die Frau, die erzählt; da ist der Mann, der die Frau zum Erzählen bringt; und da ist der Autor, der erzählt, wie der Mann die Frau zum Erzählen bringt und die Frau erzählt. Amüsiert streut der Regisseur weitere Bezüge in seinen Film, lässt Peter Handke als Gärtner auftreten und den Autor auf einen Miniaturgartentisch auf seinem Schreibtisch schauen. Selbst der Mann und die Frau scheinen sich selbst zu inszenieren, weisen auf Abmachungen hin – „Hey, eine Aktion! Hatten wir denn nicht vereinbart: keine Handlung, nichts als Dialog?“ Die Vereinbarung wird eingehalten, der Film wird zum Dialog – der Dialog aber wird nicht zum Film. Die schönen Tage von Aranjuez hätte die Kraft der Sprache im Kino, das Handlungspotenzial des Wortes feiern können, die Grenzen zwischen Aktion und Dialog verwischen. Stattdessen erschlafft das Wort in diesem staubtrockenen Film, und man möchte es mit dem Mann halten: „Mein Hunger ist nicht gestillt.“

Trailer zu „Die schönen Tage von Aranjuez“


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