Die Schlösser aus Sand

Ein Wochenende in der Provinz: In einem bretonischen Landhaus reißt Olivier Jahan die alten Wunden eines entfremdeten Paares wieder auf – und kreiert dabei ein beklemmendes Kammerspiel.

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Die Reise hinaus aus der Stadt, in die Provinz oder ans Meer, gehört zu den klassischen Topoi des französischen Kinos. In Jean-Luc Godards Elf Uhr nachts (Pierrot le fou, 1965) etwa entfliehen Jean-Paul Belmondo und Anna Karina ihrem konventionellen Pariser Leben und begeben sich auf einen artifiziellen Roadtrip in Richtung Côte d’Azur. Eric Rohmer nutzte die weiten, offenen Räume jener Landschaft, wie auch deren seichte Farben, für seine kontemplativen, entschleunigten Filme. Und in François Ozons Unter dem Sand (Sous le sable, 2000) durchlebt Charlotte Rampling am Strand ein existenzialistisches Identitätsdrama.

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In Olivier Jahans Film Die Schlösser aus Sand (Les châteaux de sable) wird eben jenes Topos zur Exposition für eine Reise, in der die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit im Zentrum steht. Die Fotografin Éléonore (Emma de Caunes) hat vor kurzem ihren Vater verloren, der ganz plötzlich verstorben ist. Auch ihr Freund Samuel (Yannick Renier), mit dem sie eigentlich längst Familienpläne geschmiedet hatte, hat sie verlassen, weil sie eine impulsive Affäre mit einem Musiker hatte. Widerwillig und aus altem Pflichtgefühl heraus begleitet Samuel sie dann doch in die Bretagne, wo Éléonore das an der Küste gelegene Haus ihres Vaters aufs Nötigste renovieren und dann verkaufen möchte. Zu diesem Zweck hat sie die Immobilienmaklerin Claire (Jeanne Rosa) engagiert, die sich um geschäftliche Details kümmert. Ruhe vom stressigen Alltag, Zeit gar zur Reflexion über ihren Vater, der ihr in Gedanken mehrfach erscheint, findet Éléonore in der Bretagne jedoch nicht.

Eine literarische Erzählung

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Aber auch wenn der Film durch eine geradezu literarisch-omnipräsente Off-Erzählerin, die in der zweiten Hälfte auch innerhalb der Handlung auftaucht, etwas sehr Transparentes gewinnt, so ist Die Schlösser aus Sand doch vor allem um das Unausgesprochene, das Angedeutete herum strukturiert. Stück für Stück lässt Jahan die vernarbten Wunden seiner Charaktere wieder aufreißen. Dabei kommen sukzessive alte Animositäten und Vorwürfe wieder zum Vorschein: Samuel wirft Éléonore ihre Unverantwortlichkeit vor, die ihm seine Unentschlossenheit. Er hat sich vorschnell in eine neue Beziehung begeben, sie die gemeinsame Beziehung durch die unüberlegte Affäre aufs Spiel gesetzt. Ein melodramatischer Gestus jedoch kommt nicht auf, auch weil die Figuren an mehreren Stellen aus ihrer Rolle heraustreten und zum Publikum sprechen – und das Gefühl von Ratlosigkeit durch ihre Unfähigkeit, das eigene Handeln rational zu fassen, eher noch verstärken.

Ein Landhaus-Kammerspiel

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Das Eingeklemmtsein der Figuren macht Die Schlösser aus Sand auch über die Inszenierung des Raums deutlich. Nahezu alles im Film findet in und um das Haus herum statt, Éléonore und Samuel sind kaum außerhalb einer beengenden Rahmung zu sehen, in der sie zur schmerzlichen Interaktion geradezu gezwungen werden. Wird den Figuren einmal etwas mehr Raum zur Entfaltung zugestanden, etwa in einer Szene, in der Éléonore früh morgens laufen geht, so lässt das weite Landschaftspanorama sie noch verlorener und kleiner erscheinen. Dass von Zeit zu Zeit eine sehr eigenwillige Komik die angespannte Atmosphäre durchbricht, ist auch eher Ausdruck innerer Ratlosigkeit denn klassischer comic relief. Etwa wenn Claire beim gemeinsamen Essen mit Éléonore und Samuel spontan anfängt, ein altes Kinderlied zu singen – und dieser Moment dann unter den irritierten Blicken der beiden anderen weit über die Schmerzgrenze hinweg in all seiner Absurdität ausgekostet wird. Und es wäre auch gar nicht nötig gewesen, dass Samuels neue Freundin bei einem Skype-Gespräch über den neuen Woody-Allen-Film redet und dass Jahan in einer Einstellung die ikonischste aller Szenen aus Manhattan (1979) zitiert, um zu kommunizieren, dass Die Schlösser aus Sand auch als Landhaus-Kammerspiel in der Tradition von etwa Innenleben (Interiors, 1978) gesehen werden kann.

Die Tragik liegt im Off

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Zwei Menschen leben sich auseinander. Und zwei Menschen finden widerwillig wieder zusammen. Das erzählt Die Schlösser aus Sand nicht als pathetisches Drama, sondern eher als Anti-Klimax. Denn es ist vor allem eine provisorische Besinnung, nicht die Lösung aller Probleme, die Jahan seinen Figuren im Laufe des Films zugesteht. Aber obschon Die Schlösser aus Sand über weite Strecken dadurch zu fesseln weiß, dass Entfremdung und Anziehung als relative Größen behandelt werden, die zu jeder Zeit unerwartet ins Gegenteil umschlagen können, ist das alles zusammenhaltende Narrativ nichtsdestotrotz ein vergleichsweise geradliniger Versöhnungsplot. Gerade im letzten Drittel des Films entladen sich die unterschwelligen Spannungen auf erwartbare Weise.

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All das ist sehr stimmig inszeniert, und Jahan jongliert souverän mit filmhistorischen Bezugspunkten. Berührend wird es jedoch vor allem in jenen Momenten, in denen der Film seinen Fokus über die Zweierdynamik hinaus ausweitet. In einer Szene zum Schluss des Films etwa sitzt Claire mit dem englischen Paar, das sich nach einer Besichtigung entschieden hat, das Haus zu kaufen, vor einem Restaurant, um den Vertrag unterschreiben zu lassen. Man unterhält sich darüber, dass Éléonore und Samuel sehr sympathische Leute seien. Einer der beiden Männer merkt an, Éléonore habe Claire ja auch sehr gefallen. Und dann suggeriert ein hastiger Blick, in dem für eine Sekunde große Verunsicherung aufblitzt, dass in Die Schlösser aus Sand vielleicht doch mehr passiert ist, noch eine andere Tragik stattfindet, als dass ein getrenntes Paar geläutert wird. Das wäre dann eine Frage für eine zweite Begegnung mit dem Film.

Trailer zu „Die Schlösser aus Sand“


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Kommentare


Daniel

Welche Szene oder Dialog aus "Manhattan" meinst du denn?






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