Schlafkrankheit

Entfremdung, Einsamkeit und ein Herz voller Dunkelheit in Afrika: Ulrich Köhlers Schlafkrankheit, der erste deutsche Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, verlegt die Berliner Schule nach Kamerun.

Die Schlafkrankheit 01

Eine überlange Schwarzblende trennt die beiden Teile dieses Films. Sie kommt nach einer guten halben Stunde, das letzte Bild vorher zeigt den Arzt und Entwicklungshelfer Ebbo (Pierre Bokma) weinend mit einer Flasche Bier in der Küche seines Hauses in Kamerun. Ihm ist die Exposition von Schlafkrankheit gewidmet. Nach vielen Jahren in Afrika will seine Frau zurück nach Deutschland, vor allem wegen der gemeinsamen Tochter, die die vergangenen Jahre im Internat verbracht hat und jetzt – damit beginnt der Film – zu Besuch nach Kamerun gekommen ist. Es gibt, in einzelnen Schlaglichtern, kühle Szenen leichter Entfremdung zwischen den Familienmitgliedern, es gibt den afrikanischen Korruptions- und Prostitutionsalltag, es gibt Ebbos melancholischen Blick und seine offensichtliche Angst vor der Rückkehr.

Die Schlafkrankheit 02

Die Zeit nach der Schwarzblende gehört dem französischen Arzt Alex (Jean-Christophe Folly), einem Schwarzen, dem es geradezu umgekehrt geht wie dem Weißen Ebbo. Beide sind Spiegelungen voneinander. Nach Kamerun geschickt, um ein medizinisches Projekt zur Seuchenbekämpfung – die titelgebende Schlafkrankheit – zu überprüfen, verhält Alex sich Taxifahrern und Zigarettenverkäufern gegenüber so misstrauisch wie ein Tourist; ihm ist das Land seiner Vorfahren so fremd geworden wie Ebbo Europa. Am Ende wird er nachts in einer längeren Sequenz hochsymbolisch durch einen dunklen Wald irren, nur der Lichtkegel seiner Taschenlampe erhellt ein kleines Stück der Leinwand.

Ulrich Köhler (Montag kommen die Fenster, 2006) hat die Berliner Schule nach Afrika verpflanzt, womit der Beweis angetreten wäre, dass dieser so betont nüchtern-kühle Stil auch vor anderen Kulissen funktioniert als vor dem drögen Dickicht deutscher Städte, und zwar sogar im sonst immer gern als reines Abbild von Naturschönheit, Lebendigkeit und Folklore dargestellten Afrika. Mit zwei großangelegten Kamerabewegungen nutzt Schlafkrankheit den Raum, der ihm zur Verfügung steht: eine entlang eines Flusses, auf dem Taucher irgendetwas zutage fördern, eine andere auf einem Gesteinsplateau, auf dem erste Holzbauten für eine zukünftige Lodge für Freizeitjäger errichtet werden. Köhler, der als Kind einige Jahre in Zaire gelebt hat, vermeidet es aber sehr beflissen, die Besonderheit seines Drehorts aufdringlich auszustellen (wie es die meisten Afrika-Filme tun). Nur beiläufig tauchen kurz hineingeschnittene pittoreske Details auf, ein übervolles Taxi zum Beispiel, so sehr mit Säcken vollgepackt, dass es aussieht, als explodiere es gerade.

Die Schlafkrankheit 03

So souverän Köhler über den Raum verfügt, so unbeirrbar eigenwillig erzählt er seine Geschichte, die ungewöhnlich lange braucht, um überhaupt zu einer Geschichte zu werden.

Dieser zweite Teil des Films nach der Schwarzblende ist ebenfalls schon eine halbe Stunde alt, als man zu begreifen beginnt, worauf die Handlung hinausläuft: Der Arzt, dessen Projekt Alex evaluieren soll und der sich ihm immer wieder entzieht, entpuppt sich, als er endlich auftaucht, als der um drei Jahre gealterte Ebbo, der ohne seine Familie im Land geblieben ist. Er hat jetzt eine afrikanische Geliebte, sämtlichen Idealismus verloren, versucht, neue Fördermittel aus Europa zu erschwindeln und betreibt nebenher ein zum Scheitern verurteiltes Tourismusprojekt. Ein Colonel Kurtz, der nicht dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts, sondern der Entwicklungshilfe des 20. entstiegen ist. Das Nilpferd wiederum, das in der allerletzten Einstellung aus dem Wald ans Flussufer tritt, scheint mit seinem animalischen Stoizismus wiederum aus einem Film von Apichatpong Weerasethakul herüber in diesen hier geschritten zu sein.

Solche Einflüsse, Zitate, Symbolismen ergeben einen reizvollen Impressionismus, dessen Thema eher die Heimatlosigkeit ist als, wie man zunächst denken würde, die Probleme mit der Entwicklungshilfe – etwa die Frage, ob selbige nicht staatliche Effizienz in den Empfängerländern verhindert. Wer ein Manifest für oder gegen etwas erwartet hat, wird enttäuscht. Ein solches würde sicher auch viel schneller auf den Punkt kommen wollen, als dieser nicht leicht zugängliche, aber sehenswerte Film es tut.

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Kommentare


M. B.

Muss die Kritik denn schon das Ende verraten? Toll jetzt weiß ich also schon wie die letzte Szene aussieht. Etwas mehr Spannungserhaltung wäre gut gewesen, auch wenn nicht >alles< verraten wurde.






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