Die Schimmelreiter

Eine Quasselstrippe und ein Zyniker fahren durch die norddeutsche Einöde, auf der Suche nach Sinn und auf der Flucht voreinander.

Die Schimmelreiter

Es gibt Szenen, in denen ein Film zu sich selbst kommt. In einer Sequenz oder auch nur einer einzelnen Aufnahme findet er seine definitive Form, den komprimierten Ausdruck seiner Themen und Gefühle. Häufig sind es diese Bilder, die sich als Erinnerung im Zuschauer bewahren, die metonymisch den Film im Gedächtnis vertreten. Es ist ein intimer Kontakt zwischen Zuschauer und Werk, keiner, der sich verallgemeinern oder in der Produktion planen ließe.

Schwierig wird es, wenn sich ein solcher Moment der Klarheit inmitten eines insgesamt schwachen Filmes ereignet. Kann man einen Film nur aufgrund einer einzigen Szene schätzen? Es ist die Frage nach dem Verhältnis von Teil und Ganzem und ihrer Gewichtung im Empfinden des Zuschauers. Trotz solcher Erwägungen soll hier einmal dem Motto pars pro toto gefolgt werden, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Schimmelreiter

Ein grün bewachsener Damm stemmt sich gegen die wütende Nordsee. Der Wind reißt die Gischt der Wellen in die neblige Luft. Der Himmel, das Meer, der Nebel: grau. Der Horizont ist unsichtbar; Land, Wasser und Luft sind eins. Tillmann (Axel Prahl), der zynische Misanthrop, steht inmitten dieses Wirbelns und schaut in die Ununterscheidbarkeit des Krieges, den wir Natur nennen. Er, der Weltenbummler, allseitig Gebildete, ohne Spezialist zu sein, der die Menschen zu lesen weiß, um sie zu manipulieren, schaut in das Treiben wie in sein Spiegelbild. 

War er nicht die ganze Zeit auf einer Flucht vor Ordnung? Nichts widerstrebt ihm mehr als Hierarchie und Lesbarkeit, er straft seine eigenen Aussagen Lügen und verhält sich grundsätzlich unberechenbar. Er will immer weg aus Deutschland; Thailand, Japan, Italien. Deutschland steht, wie so oft, auch hier für eine Gesellschaft, die Disziplin nicht als Tugend, sondern als Wesen ihrer selbst begreift. Mit den Deutschen kann Tillmann nicht. Umso leichter knüpft er Kontakt zu Fremden, rutscht zwischen die Trennlinien unterschiedlicher Kulturen. Vor seiner ganz offen getragenen Verachtung sind alle gleich, eine schwarze Form von Toleranz.

Die Schimmelreiter

Doch wie er dasteht, im Sturm am Meer, von Teenagern verprügelt und mit alkoholzerfressener Leber, schaut er in eine undurchschaubare Trübe. Die völlige Ordnungslosigkeit seines Lebens schlägt in Sinnlosigkeit um. Die Sicht ist gleich null.

Schnitt. An der Kante des Deichs erscheint der hellblau-weiße Buick, in dem Tillmann gemeinsam mit Fuchs (Peter Jordan) durch Dithmarschen unterwegs war. Ein Schiff von einem Auto, doch es kommt vom Festland. Fuchs steigt aus und brüllt in den Wind, nach Tillmann. Seine Hornbrille wird nass, die Haartolle tanzt und biegt sich in der Luft. Der Rockabilly im Sturm. War nicht Rock’n’Roll genau das, damals in den 50ern? Schon wehte der Exzess durch die Musik, doch die Oberfläche war noch streng kodiert; Jeans, Pomade, Ring am Finger. All das Insignien adaptierter Rebellion, die Fuchs zu scheinbarer Individualität verhelfen. Er ist ein biederer Typ, der nach Auflehnung aussehen mag, aber sie nicht lebt. Fuchs ist Lebensmittelkontrolleur. Er mischt sein Deutsch mit Anglizismen, doch bleibt die Sprache künstlich.

Die Schimmelreiter

Wie er dasteht, neben dem riesigen Auto, und brüllt, und keine Antwort kommt, da blickt Fuchs in eine fremde Welt. Tillmann ist in ihr verschwunden, wir sehen ihn erst wieder eine Szene später. Auch wenn Fuchs sich nicht weit von seinem Schiff entfernt, so fährt der Sturm dennoch durch ihn hindurch. Nach dieser Szene wird Fuchs ein anderer sein. Nicht nur prügelt er Tillman bald krankenhausreif, er verlässt auch zum ersten Mal in seinem Leben Deutschland. Nach Miama, Florida.

Der Sturm, die beiden Hauptfiguren, die unmögliche Kommunikation. In dieser Szene erscheinen die Strukturen des Filmes, die ansonsten oft unter zotigen Witzen und dramatischen Flauten begraben liegen, in einmaliger Klarheit. Die Schimmelreiter ist ein Roadmovie, und als solches wird es getragen von den Figuren, die sich auf die Reise begeben und den Landschaften, die sie durchqueren. Die Chemie zwischen Fuchs und Tillmann, die innige Verwebung ihrer Charaktere in die Umwelt, die Gründe und Konsequenzen ihres Handelns – all dies kommt für kurze Zeit zur Ruhe, in einem spannungsvollen, mit Bedeutung gesättigten Moment.

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Kommentare


Susanne

Dieser Film ist ein ganz schlechtes, flaches und armseliges Plagiat des Films "Indien". Schade um das Eintrittsgeld! Wahrscheinlich brauchten Regisseur und Drehbuchverfasser nur eine Rahmenhandlung, um das Auto durch die Landschaft fahren zu lassen. Das war dann auch das Interessanteste an diesem nachgemachten Werk. Liebe Leute, seht Euch doch das Original an, es heisst "Indien", stammt aus Oesterreich und ist ca. 10 Jahre alt.


Robin Hood

Zu Susanne: Sie hat ganz gewiß recht - "Indien" kann nicht nachgemacht werden, nicht einmal schlecht. Es ist der sicher beste Film seit diesen zehn Jahren.


Susanne Meier

Zwischen den teilweise wirklich schlechten Fernsehfilmen mit immer den gleichen dt. Schauspielern, den gleichen Sätzen, Clischées, Standardeinstellungen, alles rosa und reich usw. fand ich diesen Film irgendwie "erfrischend anders." Ich wünsche mir mehr davon; mehr Mut zu solchen schauspielhaften Meisterstücken!






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