Die Schachspielerin

Schach als Signifikant für alles: Wie Die Schachspielerin das ganze Leben auf 64 Felder zu pressen versucht.

Die Schachspielerin

Einmal noch steht Hélène (Sandrine Bonnaire) zwei Minuten zu früh auf, der Wecker hat noch nicht einmal geklingelt, es ist 4:58 Uhr. Der Mann, schlafend, den Rücken zu ihr gewendet, bemerkt nichts, atmet ruhig weiter. Einmal noch ein alltäglicher Morgen auf Korsika: das geblümte Oberteil, die Haare hastig zusammengebunden, der halb heruntergestürzte Kaffee, der Weg mit dem Fahrrad zum Hotel. Die junge Kollegin (Alice Pol), sie kommt noch einmal zu spät, eine kurze Unterhaltung beim Überziehen der Schürze. Dann betritt Hélène, frische Handtücher, weiße Bettlaken unter dem Arm, das Zimmer ihres Schicksals. Knapp fünf Minuten Filmzeit sind vergangen.

In derart konzentrierter Form versucht Caroline Bottaro in ihrem Langfilmdebüt Die Schachspielerin (Joueuse), eine ganze Lebenswelt, einen filmischen Inszenierungsstil zu verpacken: die bescheidene Existenz einer Arbeiterin aus der unteren sozialen Schicht, im Stile eines sozialrealistischen Dramas verdichtet in Rituale des Alltäglichen. Der Rhythmus des ordinary life, seine drohende Ewigkeit, der Zwang seiner Automatismen. Bottaro hat die Bilder gefunden, die dem Zuschauer den Alltag der Arbeiter erfahrbar machen sollen; das diffuse Licht des wolkenverhangenen Morgens, die schmucklosen Kostüme, die Spinde der Mitarbeitertrakte, die nachgedunkelten Tapeten und Glasperlenvorhänge zu Hause. Aber die Zeit hat Bottaro nicht im Griff, sie verkennt die Dauer, die Bilder benötigen, um zu so etwas wie einer Poesie der Wirklichkeit gerinnen zu können. Einmal kurz sehen wir jeden Schritt, jede zweckdienliche Handlung des „Zur-Arbeit-Gehens“, wir verstehen wohl die Intention („So schnell wie möglich zur Story!“), aber mitgehen wollen wir nicht. Bottaro verrät durch ihr Abhaken von Tagesstationen und Bildkonventionen schon zu Beginn jenen Realismus der alltäglichen Tristesse, den sie im Folgenden immer wieder bemühen wird, um ihre Figuren zu zeichnen.

Die Schachspielerin

Denn alles wird nun anders werden für Hélène, in jenem unordentlichen Hotelzimmer (wie glücklich muss das Leben eines Paares sein, das das Bettzeug so zerwühlt?). Hinter einem durchscheinenden Vorhang sitzen die beiden, er (Dominic Gould) in leichtem Leinen, sie (Jennifer Beals) in einem goldenen Negligé, auf dem Balkon beim Schachspiel. Kichernd, rauchend, Händchen haltend. Eine absurde Situation, die Bottaro durch eine fast schon gewaltsam subjektivierende Kamera noch unterstreicht: Hélène ist gefesselt von der überspannten Erotik, der durch den Vorhang verklärten Intimität der Spielenden. Eine Metapher wird geboren, die das Zentrum des gesamten Filmes bilden wird, die Verbindung eines unwahrscheinlichen Paares: Schach und Liebe.

Von nun an werden aus den Regeln und Eigenheiten des Schachspiels alle denkbaren Bedeutungsübertragungen in Hélènes Leben konstruiert, das Spiel der Könige wird zu einem Generator der Allegoriebildung, zu einem Signifikatenreservoir. Als da wären: der Krieg in Liebe und Leben, zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Mann und Frau. Und, im doppelt übertragenen Sinne, zwischen Arm und Reich, Bourgeoisie und Arbeiterklasse, Intellekt und Gefühl. Das unauflösbare Nebeneinander von Selbstbestimmung („Zufall spielt keine Rolle“) und Determinismus („Jeder Zug bestimmt die Möglichkeiten des nächsten“). Das Abwägen von Risiko und Opfer. Und immer wieder wird betont, dass die Dame die stärkste Figur auf dem Brett sei, auch die einzig weibliche. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Schachspielerin

Diese Überstrapazierung des Schachspiels als Allegorie für alles und jedes sowie die frustrierend unverständliche Anziehung, die es auf Hélène ausübt, kreieren eine zwanghafte, stark konstruiert wirkende Filmgestalt. Hélène verbringt Nächte beim Lernen mit dem Schachcomputer, verkracht sich mit Mann und Tochter und geht ohne große Hemmnisse über die sozialen Schranken (die sich erst viel später wieder senken), als sie den kauzigen Dr. Kröger (Kevin Kline) um Unterricht bittet.

Sandrine Bonnaire kann einem Leid tun, denn sie bemüht sich redlich, Hélène durch die Sprünge der Narration am Leben und ihre Psychologie in den vielen einsamen Momenten vor dem schwarzweißen Brett transparent zu erhalten. Dafür verwandelt Bonnaire ihr Gesicht in eine Art optisches Reaktionsinterface, das fast stummfilmartig auf externe Inputs mit visuellen Outputs antwortet. Der Schachcomputer schlägt zurück, es piepst bedrohlich: gespitzte Lippe, scharfes Zusammenziehen der Augenbrauen. Nach langer Abstinenz ein Zug an der Zigarette: tiefes Ausatmen, überraschtes Weiten der Augen, hochgezogene Brauen. Sie blickt herab auf das Brett, mit entschlossener Miene wird die Zigarette abgelegt, die Ellenbogen aufgestützt, der nächste Schlag ausgeführt. So sehr Bonnaire Respekt dafür gebührt, wie sie die Emotionen ihrer Figur lesbar macht, so zweifelhaft ist der hervorgerufene Effekt: Hélène wird immer mehr zu einer reinen Filmfigur, mit einem vermeintlich „wirklichen“ Leben hat sie wenig zu tun.

Die Schachspielerin

Dabei liegt dieses „wirkliche“ Leben einer Frau der ärmeren Schicht Bottaro und Bonnaire offensichtlich sehr am Herzen. Die Schachspielerin will vor allem von der Selbstbefreiung, auch Selbstfindung einer verschüchterten Frau erzählen, vom Entdecken ihrer Talente und Stärken. Als Hélène zuletzt, nachdem sie es allen gezeigt und ihr erstes Turnier gewonnen hat, an der Küste steht und einfach nur brüllt, ist es leider schon zu spät, um die methodischen Fehlentscheidungen Bottaros wieder mit purem Leben auszugleichen. Aber es stimmt den Zuschauer traurig, dass Intention und Wirkung so leicht so weit auseinander fallen können.

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Kommentare


Lothar Handrich

Allein die intensive Szene mit der Schachpartie im Geiste zwischen Hélène und Dr. Kröger machen den Film (zumindest) für Schach-Begeisterte zu einem großen Vergnügen. Man geht aus dem Film und sehnt sich nach Schachtheorie und Schachspiel.


Bernd Reinhardt

Schachmatt... durch die Dame im Spiel



Ein sensationell guter Film, der einen von der ersten Sekunde an in
seinen Bann zieht ... und das mit einfachsten Mitteln ... wie das
Schachspiel ... kleine Gesten, die viel andeuten... Sandrine Bonnaire
spielt unglaublich, aus ihrem Gesicht kann man alles lesen, für diese
Rolle hätte sie jeden Filmpreis verdient.

Das nuancenreiche Minenspiel der Akteure macht den Film zu einem
Totalgenuss. Auch Kevin Kline spielt absolut brilliant. Der Film ist
bis in die kleinste Rolle hervorragend besetzt und offenbart bei
genauerem Hinsehen viele Details und Wünsche von Menschen, die in einem
bestimmten Milieu leben, eine wunderbare Studie über das Leben und die
Liebe an sich und vieles mehr ... ansehen, faszinieren lassen !! Ein
ungewöhnlicher und hervorragender Film !

und ein Satz aus dem Film, den man auch zum Lebensmotto machen kann:

"Wenn man ein Risiko eingeht, dann kann man verlieren, wenn man kein Risiko eingeht, verliert man auf jeden Fall."



dem kann ich nur hinzufügen: "Wer diesen Film ansieht, der gewinnt
viele wunderbare Einsichten ins Leben, wer ihn nicht ansieht, der
versäumt was."


Johanna Reiter

Obige Filmkritik stammt offensichtlich von jemandem, der keine Ahnung vom Schachspiel hat, denn jeder, der mit ein wenig Verve spielt, weiß, dass es tatsächlich auf jede Situation im Leben umgelegt werden kann. Und auch welch geistiges und emotionales Talent vorhanden sein muss, um wirklich gut spielen zu können.
Caroline Bottaro hat den Film in Schachzügen aufgebaut, das beginnt schon mit der oben beschriebenen Einleitung, und so eine tiefere Beziehung zwischen Leben und Spiel hergestellt, die allerdings nicht Eingeweihten verborgen bleibt. Traurig, dass für Kritiken immer wieder Leute herangezogen werden, die eigentlich nichts von den Dingen verstehen, die dargestellt werden. Viele Filme zu sehen und filmisch handwerkliche Züge erkennen glauben zu können allein genügt nicht um einen Film beurteilen zu können.


Martin Zopick

Als das Zimmermädchen Hélène (Sandrine Bonnaire) vom Schachspiel fasziniert ist, weiß man nicht, ob es an der Schönheit des spielenden Pärchens liegt, an der Eleganz des Ambientes oder an der Ruhe, die vom Spiel ausgeht. Es ist auf alle Fälle ein eklatanter Kontrast zu ihrem Privatleben. Sie findet einen väterlichen Freund und Lehrmeister in Dr. Kröger (Kevin Klein), hat einen eifersüchtigen Ehemann Ange (Francis Renaud) und eine pubertierende Tochter. Alles, was man aus der daraus sich möglicherweise ergebenden Dramatik erwarten könnte, findet nicht statt: Mann und Tochter unterstützen sie letztlich und Dr. Kröger ist todkrank, stirbt aber nicht. Hélène macht ihren Weg. Eine leise Emanzipationsgeschichte mit viel Schach. Kleinere Hindernisse wie häusliche Gewalt auf dem Küchentisch werden aus dem Weg geräumt oder stumm ertragen. Der kranke Gönner wagt einen zarten Kuss. Tanz und Toleranz sind die Dinge, die den Weg ebnen. Ein fieser Macho wird am Brett besiegt.
Eine feministische Lösung (‘Die Dame ist die stärkste Figur im Spiel.‘) voller Harmoniebedürfnis erwartet den Zuschauer am Ende. Versüßt wird das Ganze durch einige nette optische Gags: sie formt aus Brotkrümeln Schachfiguren beim Essen, er isst sie ahnungslos auf. Das Foyer hat ein Muster wie ein Schachbrett, das sich verändert und ihr Kleiderwechsel verdeutlicht den Zeitraffer. Hélène wagt und gewinnt weil ‘Wenn man ein Risiko eingeht, kann man verlieren. Wenn man keins eingeht, hat man schon verloren.‘
Leise, unaufgeregt, etwas zaghaft.






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