Die Sammlerin

Aufgrund seiner Themen und der starken Präsenz eines Ich-Erzählers wurde Rohmers filmisches Werk oft als vermeintlich literarisch ausgewiesen. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich jedoch ein sehr polemischer Bezug zur Literatur, wie sich typischerweise in Die Sammlerin zeigt.

Die Sammlerin

Rohmers Werk, das auf seinen Debütfilm Im Zeichen des Löwen (Le Signe du lion) folgt, gliedert sich in drei Filmzyklen, wovon der erste der sogenannten „moralischen Erzählungen“ aus zwei Kurz- und vier Langfilmen besteht. Im ersten Langfilm des Zyklus, Die Sammlerin (La collectionneuse, 1966), will sich der junge Adrien (Patrick Bauchau) zusammen mit seinem Freund David (Daniel Pommereulle) während der Sommerferien in einem Haus bei Saint Tropez dem dandyhaften Müßiggang hingeben, während seine Freundin in London weilt. Die Idylle der beiden Männer wird aufgewirbelt von Haydée (Haydée Politoff), einer freizügigen jungen Frau, die vor den Augen der beiden Freunde diverse Affären mit anderen Männern, schließlich auch mit David hat. Hinter Adriens anfänglicher Verachtung für Haydées „niederen Charakter“ kommt im Laufe des Films seine Faszination für die Frau zum Vorschein, die er sich nicht eingestehen will.

Die Sammlerin

Wie die kompositorische Klammer des Zyklus es impliziert, handelt es sich bei allen Filmen der „moralischen Erzählungen“ um geringfügige Variationen ein und desselben narrativen Schemas, das Rohmer selbst als „vacances sentimentales“ bezeichnet hat: Ein Mann, der fest mit einer Frau liiert ist, wird durch die zufällige Begegnung mit einer anderen Frau von der Versuchung herausgefordert, widersteht ihr in extremis und bleibt schließlich seiner selbst gewählten Moral treu. Im Zentrum steht die Versuchung, um die sich die Filme in vielen Höhe- und Wendepunkten ranken. Rohmers Besonderheit ist die Doppelung der Erzählperspektive, sodass die Geschichte parallel aus der auktorialen Kameraperspektive einerseits und als Off-Kommentar aus der Perspektive des Ich-Erzählers und männlichen Protagonisten andererseits – hier also von Adrien – erzählt wird. Diese beiden Perspektiven sind nicht komplementär; vielmehr wird letztere gegen erstere kontrastiv ausgespielt.

Die Sammlerin

Denn Adrien lügt sich bei seiner Deutung der Wirklichkeit in die eigene Tasche. Er glaubt von Haydée verführt zu werden und überinterpretiert bedeutungslose Gesten als Avancen der jungen Frau. Aber in Wirklichkeit hat diese keinerlei Interesse an ihm. Es ist vielmehr Adrien, der ihr mehr oder weniger deutlich den Hof macht und der ihre Gleichgültigkeit als subtile Taktik deutet, sein Interesse noch zu steigern. Wenn es in Die Sammlerin und in allen anderen „moralischen Erzählungen“ nie zum Akt kommt, dann liegt das nicht an der vermeintlichen Willensstärke des männlichen Protagonisten, sondern an Zufällen oder am Desinteresse der anderen Frau, wie hier von Haydée.

Die Sammlerin

Die unbestechliche Aufnahmeapparatur der Kamera widerlegt die Interpretationen des Off-Kommentars Adriens, entlarven sie als bewusste oder unbewusste Selbstlügen und führen seine intellektuelle Pseudoattitüde vor. Im Spannungsfeld der doppelten Erzählperspektive der „moralischen Erzählungen“ findet sich ein durchweg polemischer Bezug zur Literatur sowie Rohmers werksbestimmende These: dass die filmische Aufnahmeapparatur der sprachlichen Wirklichkeitsabbildung in der wahrhaftigen Reproduktion von Wirklichkeit haushoch überlegen ist.

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