Die Royal Tenenbaums

Nach dem Überraschungserfolg Rushmore (1998) manifestierte der Regisseur Wes Anderson mit The Royal Tenenbaums seinen Ruf als einer der originellsten Komödienregisseure Hollywoods. Selten gab es einen so hochkarätig besetzten Ensemblefilm wie diesen, dem es gelingt Komik mit Tragik, dank eines absurden Humors, zu verbinden.

The Royal Tenenbaums

Schon im Titel macht der Drehbuch-Co-Autor und Regisseur Wes Anderson mit einem Wortspiel deutlich, dass The Royal Tenenbaums nicht von einer durchschnittlichen amerikanischen Familie handelt. Royal ist der Vorname des Oberhauptes der Tenenbaums. Wie im englischen Sprachraum üblich, kann Royal, zusammen mit dem Nachnamen, stellvertretend für die gesamte Familie Tenenbaum stehen. „Royal“ lässt sich auch als Allegorie verstehen, denn wie ein Königsgeschlecht scheint jene Familie mit drei hochbegabten Kindern in einem Haus des New Yorks der 70er Jahre zu residieren. Der zehnjährige Richie Tenenbaum lässt den selbst gezogenen Falken, einem fürstlichem Attribut, über den Dächern der Großstadt kreisen und steht mit seinen beiden Geschwistern, wie die Windsor-Sprösslinge, im öffentlichen Rampenlicht. Der Glanz des Hauses Tenenbaum währt jedoch nicht ewig. 25 Jahre später setzt der Film wieder ein, die Familie ist durch Trennung, Entfremdung, Enttäuschung und Betrug zerrüttet. Mit einem Familiendrama als Ausgangspunkt gelingt es Anderson aus seinem dritten Spielfilm eine der intelligentesten Komödien der letzten Jahre zu machen, die zudem im Umgang mit filmischen Erzählformen auf höchstem Niveau überzeugt.

In der Welt der Familie Tenenbaum sind Absurditäten selbstverständlich, das macht die Erzählerstimme, die die Geschichte der „Royal Tenenbaums“ als Kapitel aus einem gleichnamigen Buch vorstellt, deutlich. So weiß der Erzähler von Richie Tenenbaum (Luke Wilson) zu berichten, der nach der Niederlegung einer aussichtsreichen Profitenniskarriere, seit Jahren auf einem Ozean-Dampfer die Weltmeere durchkreuzt und im selbigen auch den Nil befährt. Ebenso absurd klingt Etheline Tenenbaums (Angelica Huston) Vergangenheit. Die Mutter von Richie, Chas (Ben Stiller) und Margot (Gwyneth Paltrow) hatte vor ihrer Heirat mit Royal (Gene Hackman) Liebhaber wie einen Polarforscher der Marke Amundsen oder einen Hollywoodregisseur, der aus den 30er Jahren entsprungen zu sein scheint.

The Royal Tenenbaums

Die Welt der Tenenbaums ist ein hermeneutischer Kosmos, der eine Melange aus Vergangenheit und Gegenwart darstellt, was sich auch in den Kostümen und in der Ausstattung widerspiegelt. Hier kann sich der für Anderson typische Humor entfalten, der stets aus einem assoziativen Kontext heraus entsteht und daher nie eindimensional erscheint. Hier entwickelt sich auch eine Bild- und Farbdramaturgie, wie sie seit der fruchtbaren Zusammenarbeit des kongenialen Duos Pressburger-Powell in den 40er und 50er Jahren auf der Leinwand nicht mehr zu sehen war. Nicht durch Zufall hat der erfolgreiche Autor und Freund der Familie Eli Cash (Owen Wilson) im Drogenrausch eine rot/gelbe Gesichtsbemalung. Ein Farbkontrast der sich durch den gesamten Film zieht und stets einen Konflikt symbolisiert. So steht nicht nur Eli mit seiner Kriegsbemalung in einem inneren Konflikt, auch Chas reibt sich an seinem Bruder Richie. Dies wird auf der Farbebene unterstrichen, wenn Chas in seinem knallroten Trainingsanzug den Eingang des leuchtend gelben Zelts penetriert, worin sich Richie zurückgezogen hat. Der Einsatz von Farbe geht jedoch noch weiter. Wenn Richie sein Spiegelbild betrachtet, während er seinen Vollbart und das buschige Haar abrasiert, ist diese Einstellung in ein blaues Licht getaucht. Richie „feels blue“, er wird unmittelbar darauf einen Selbstmordversuch unternehmen. Wie in Die schwarze Narzisse (Black Narcissus, 1947), dem Pressburger-Powell-Film mit dem vielleicht facettenreichsten Einsatz von Farbe als gestalterischem Prinzip, wird Farbe an sich zur Emotion.

Anderson entwirft das liebevolle Porträt einer skurrilen Familie, die er trotz ihrer Schwächen nicht bloßstellt. Leicht hätte daraus eine Freakshow werden können, jedoch gelingt es dem Regisseur seine Figuren sympathisch erscheinen zu lassen, indem er den Zuschauer an ihren Problemen teilhaben lässt. Somit wird The Royal Tenenbaums, unterstützt durch eine ausgereifte Bildsprache, einem einfallsreichen Schnitt und dank des Einsatzes von populärer Musik zu einer komplexen Erzählung verwebt, fernab eines affektierten Kunstkinos.

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