Die Reise des chinesischen Trommlers
Der rebellische Sohn eines Gangsterbosses findet über meditatives Musizieren zu sich selbst. Die titelgebende Reise dieses fernöstlichen Dramas ist vor allem eine innere.
Hongkong ist eine Stadt, die man nur lieben oder hassen kann. Für die einen pulsiert die ehemalige britische Kolonie mit ihren über 7 Millionen Einwohnern vor Leben. Hongkong, so die Anhänger, sei modern, ein Schmelztiegel und ein Zentrum des Fortschritts – nicht nur innerhalb Asiens. Andere wiederum beschweren sich über den Lärm und Dreck, das Unpersönliche und Konformistische der Metropole.
Die erste Viertelstunde von Kenneth Bis Die Reise des chinesischen Trommlers (Zhan. gu) scheint die Gegner bestätigen zu wollen. Bi porträtiert die Stadt als eine nervöse Megacity, die mit Leuchtreklamen förmlich zugepflastert ist. Hektische Betriebsamkeit, wohin man schaut. In diesem Moloch ist Sid (Jaycee Chan) aufgewachsen. Der Sohn einer Hongkonger Unterweltgröße (Tony Leung Ka Fai) genießt sein Leben in vollen Zügen. Als Schlagzeuger gibt er sich extrovertiert und rebellisch, was gerade bei den Frauen nicht ohne Wirkung bleibt.
Eines seiner Abenteuer bringt Sid dann jedoch einigen Ärger ein. Als er eines Tages mit der Freundin des einflussreichen Geschäftsmannes Stephen Ma (Kenneth Tsang) eine Affäre beginnt, bleibt das Tête-à-tête nicht lange geheim. In flagranti werden beide von Ma erwischt, worauf dieser von Sids Vater die harte Bestrafung des Filius verlangt. Zu dessen Schutz entscheidet der Papa, Sid zusammen mit seinem treuen Gefolgsmann Ah Chiu (Roy Cheung) umgehend ins Exil nach Taiwan zu schicken. In der einsamen, idyllischen Bergwelt der Insel kommt Sid und mit ihm der Film erstmals zur Ruhe.
Er entdeckt auf dem Gipfel eines Berges eine Gruppe chinesischer Zen-Trommler, die in einfachen Verhältnissen einen asketischen Lebensstil pflegen. Sie fühlen sich ausschließlich ihrer Kunst verpflichtet, der sie letztlich alles andere unterordnen. Was nun folgt, ist nicht gerade eine Überraschung: So viel Hingabe und Leidenschaft beeindrucken auch den rastlosen, lebenshungrigen Sid. Erst mag ihn nur sein musikalischer Ehrgeiz anspornen – schließlich ist er Mitglied einer Hongkonger Rockband –, doch mit der Zeit merkt er, dass die Mönche das Trommeln gleichsam als Schlüssel zu spiritueller Erleuchtung und Weisheit begreifen.
In den trommelnden Asketen spiegelt sich die nicht nur in Asien weit verbreitete Ansicht einer transzendentalen Einheit von Körper und Geist wider. Beides gilt es zu trainieren und dabei weder das Geistige noch das Körperliche zu vernachlässigen. Die Reise des chinesischen Trommlers ist dabei im Kern ein klassisches Selbstfindungsdrama, optisch aufgemotzt durch die beeindruckenden Naturaufnahmen des taiwanesischen Berglands. Kenneth Bi erzählt, wie aus einem getriebenen Rebellen ein verantwortungsbewusster, innerlich gefestigter junger Mann wird. Die Musik ist nur das Ventil, über die sich diese jederzeit berechenbare Transformation vollzieht. Wäre die Formulierung nicht gar so abgedroschen, man müsste wohl davon sprechen, dass auch hier der Weg das Ziel verkörpert.
Die Mitglieder der chinesischen Künstlertruppe U-Theatre spielen gewissermaßen sich selbst. Ihre Bühnenshow vereint Martial-Arts-Elemente mit traditionellem chinesischem Trommeln und mit Schauspielerei. Jaycee Chan, Sohn der Hongkonger Kino-Legende Jackie Chan, bringt die notwendige Voraussetzung aus körperlicher Fitness und schauspielerischem Können mit, um glaubhaft in die Rolle eines Ensemblemitglieds zu schlüpfen, das in der rhythmischen Harmonie der Trommel schließlich seinen inneren Frieden findet.
Es ist kein Geheimnis, welche Absicht Bi mit seiner meditativen, bipolaren Geschichte verfolgt, die fortwährend zwischen der entlegenen taiwanesischen Bergwelt und dem Großstadt-Panorama Hongkongs hin- und herwechselt. Ihm geht es vor allem um das Aufzeigen von Kontrasten und Analogien. Sowohl in der Abgrenzung der Milieus als auch in der Gegenüberstellung von Vater und Sohn spürt Bi dem nach, was beide Seiten verbindet, und dem, was sie trennt. Formal geht mit dem Schauplatzwechsel auch ein Wechsel der filmischen Mittel einher. Dominierten anfangs schnelle Schnitte und eine unruhige Kamera die Bildkomposition, so werden diese mit Sids Ankunft in Taiwan von langen, ruhigen Einstellungen abgelöst. Aufnahmen der idyllischen Natur mit ihren klaren Bächen und grünen Wäldern treten an die Stelle urbaner Betriebsamkeit.
So pittoresk das Gezeigte auch ist, es kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Die Reise des chinesischen Trommlers bisweilen die Geduld des Zuschauers auf eine harte Probe stellt. Das liegt weniger an der Redundanz der musikalischen Intermezzi als an der vorhersehbaren Läuterung des Grenzgängers Sid und manch plakativer Regieeinfälle. Offenbar fand Bi großen Gefallen am Spiel mit Anschlüssen. Immer wieder stellen Schnitte Verknüpfungen her, die Zusammenhänge wie auf einem Präsentierteller servieren. Da folgt auf die nach seiner Verhaftung vorgenommene Zwangsrasur des Vaters selbstredend die rituelle Kopfrasur des Sohnemanns. Oder es wird ein tragisches Verbrechen mit einer Überblendung seiner Interpretation auf der Theaterbühne zugeführt.
Dass sich die Liste mit solchen Analogien problemlos fortsetzen ließe, mag ein Hinweis sein. Ein Hinweis darauf, dass etwas weniger künstlerische Ambitionen einem Film mitunter sogar zum Vorteil gereichen können.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 12.11.2008
Kommentare zu Die Reise des chinesischen Trommlers
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Die Reise des chinesischen Trommlers. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Die Reise des chinesischen Trommlers
Originaltitel: Zhan. gu
Hongkong, Taiwan, Deutschland 2007
Laufzeit: 118 Minuten
Regie: Kenneth Bi
Drehbuch: Kenneth Bi
Produktion: Peggy Chiao, Rosa Li, Thanassis Karathanos
Bildgestaltung: Sam Koa
Montage: Isabel Meier, Kenneth Bi
Musik: Andre Matthias
Darsteller: Jaycee Chan, Tony Leung Ka Fai, Angelica Lee, Roy Cheung, Josie Ho, Kenneth Tsang
Kinostart: 01.01.2009
DVD-Angaben
Titel: Die Reise des chinesischen Trommlers
Vertrieb: Indigo
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/DS), Mandarin (DD 5.1), Mandarin (DD 2.0/Stereo), Cantonesisch (DD 5.1, DD 2.0/DS)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 113 Minuten
Extras: Making Of; Trailer
Verleih ab: 04.09.2009
Verkauf ab: 25.09.2009
Copyright Die Reise des chinesischen Trommlers
Fotos: © Neue Visionen
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Glaube, Liebe, Tod
R: Peter Kern
Shadow Dancer
R: James Marsh
Marina Abramović: The Artist is Present
R: Matthew Akers
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR


















