Die Reise der Pinguine

Mehr als nur eine Beobachtung des Fortpflanzungsspiels der Pinguine, sondern der Gipfel der Empathie: Der Pinguinforscher und Regisseur Luc Jacquet legt den Vögeln zwar in wundervollen Bildern, aber mit menschlich-schwülstigen Worten eine rührende Liebesgeschichte in den Schnabel.

Die Reise der Pinguine

„Ich mag Menschen, aber oft mag ich Pinguine lieber.“ pflegte der leidenschaftlichste unter den Pinguinforschern und –fotografen Bruno P. Zehnder über sein Objekt der Begierde zu sagen. Einer etwas anderen Meinung scheint der französische Biologe Luc Jacquet zu sein, seines Zeichens ebenfalls Pinguinforscher- und liebhaber. Im Gegensatz zu Zehnders Wunsch, dass der Mensch sich eher dem Pinguin annähern solle und nicht umgekehrt, verfolgt Jacquet in einem Dokumentarfilm über das kräftezehrende Fortpflanzungsverhalten dieser Tiere einen ganz anderen Ansatz: Der Vogel im Frack mit dem aufrechten Gang mutet für ihn sehr menschenähnlich an. Frei nach Joachim Ringelnatz, der den Eindruck vom „Menschenvogel“ in seinem Gedicht Pinguine auf den Punkt brachte, gibt er den Tieren in seinem Film nicht nur eine Stimme, denn „auch die Pinguine ratschen, tratschen, / Klatschen, patschen, watscheln, latschen“, sondern verleiht ihnen dadurch auch Gedanken und Gefühle.

Die Fortpflanzung der Pinguine wird in Jacquets Film weniger in einer Sachgeschichte dargeboten, als dass sie zur Lebensleid- und Liebesstory hochstilisiert aus der fiktiven Ich-Perspektive der Vögel erzählt wird. Abwechselnd berichten eine Männer- und Frauenstimme aus dem Off vom beschwerlichen, alljährlichen Marsch zum von der Wasserkante rund 200 Kilometer entfernten Brutplatz auf dem antarktischen Festland und der extremen Herausforderung, sich an diesem Ort fern von Schutz und Nahrung zu vermehren. Sie bleiben dabei ganz bei sich selbst, liefern keine zusätzlichen Erläuterungen, die den Horizont eines Pinguins übersteigen und verleihen darüber hinaus ihren Gefühlen Ausdruck. So wird das Treffen der Balz- und Brutkolonie als „Rendez-Vous“ bezeichnet, die Pinguinschar als ein „Volk der Verdammten“ vorgestellt und das Küken wundert sich bei seinen ersten Schritten mit fiepsiger Kinderstimme, dass Schnee unter den Füßen kitzle.

Die Reise der Pinguine

Die Projektion eines menschlichen Denkens und Fühlens auf die Tiere setzt sich in der Machart des Filmes fort, die emotionale Akzente im mühsamen Vermehrungsprozess der Pinguine setzt. Der parallel zum Film komponierte entfernt an Björk erinnernde, zuckrige Mädchen-Pop von Sängerin Emilie Simon untermalt effektvoll die glücklichen und tragischen Momente des Films, wie zum Beispiel das Stürmen eines lebensbedrohlichen Blizzards oder das wie eine klassische Kussszene montierte Schnäbeln des „Brautpaares“ nach der „Hochzeit“.

Die Betonung der als fatalistisch-romantisches Martyrium interpretierten Pinguinliebe durch das gefühlsstiftende Übermaß an poetischer Sprache, dramatischer Aufführung und musikalischer Potenzierung lässt einen fast den Pinguin selbst vergessen, der sich auch ohne das Brimborium drumherum für den Zuschauer als interessant genug erweisen würde. So daneben die mit Gefühlsschmalz besudelten Sequenzen allerdings auch sein mögen, umso besser sind die Aufnahmen der Pinguine selbst gelungen. Ungeachtet der harten Drehbedingungen in der Antarktis hat Jacquet die Pinguine über ein Jahr hinweg observiert und wunderschöne Bilder dieser kuriosen Tiere in der abwechslungsreichen, futuristisch wirkenden Eiswüste gemacht.

Viele Nah- und Detailaufnahmen führen dem Zuschauer nicht nur die Fotogenität des glänzenden Gefieders des Pinguins vor, auch für Informationssuchende sind die vielen Brutkolonieszenen wegen ihrer Distanzlosigkeit und ihres Situationenreichtums aufschlussreich. Doch hier bleibt es gleichfalls nie beim schlichten Abfilmen. Stets fügen sich die einzelnen Stationen im Lebenszyklus des Pinguins in einen Lebensroman ein, dessen narrativer Zusammenhalt und pittoreske Stimmung zusätzlich zu den Erzählerstimmen und der Musik mittels Zeitraffer, Zeitlupe, Koloration und Soundeffekten gewährleistet werden.

Die Reise der Pinguine

Diese Art und Weise des Erzählens, die sowohl jung wie alt anzusprechen vermag, ist der Eingänglichkeit des Filmes durchaus zuträglich und wohl eine Erklärung für seine bis jetzt überaus erfolgreiche Kinokarriere als „Film für die ganze Familie“. Weiter als vom Brutplatz bis zum Eisschollenrand reicht Die Reise der Pinguine indes nicht. Wenn der Pinguin schon als „Menschenvogel“ dargestellt wird, dann wäre zumindest die Begegnung zwischen den beiden Spezies erwähnenswert gewesen. Schließlich stört der Eingriff des Menschen in das biologische Gleichgewicht der Erde auch die Fortpflanzungsrituale der Pinguine, deren Lebensraum Antarktis sich durch die globalen Umweltschäden langsam verändert. Zum Kampf der Pinguine gegen die Bedrohung durch die Natur hat sich der Mensch schon längst hinzu gesellt. Diese Art der Botschaft ist Jacquets Film jedoch völlig fremd.

Zweifelsohne ist Die Reise der Pinguine ein kunstvoller Film, aber die strategische Ästhetisierung der Dinge lässt den Pinguin seine eigenständige Stimme als Tier verlieren. Durch die Beschränkung auf die notgedrungen imaginierte Ich-Perspektive sowie die Dramatisierung und Verniedlichung des Pinguinlebens geht Jacquet einen Schritt zuweit in Richtung belangloses Infotainment. Ihm fehlt die stumme Eleganz der Bilder des Insektenfilmes Mikrokosmos (Microcosmos, 1996), das gewandte Schillern zwischen Legende und Wirklichkeit der Geschichte vom weinenden Kamel (2003) genauso wie die sparsam kommentierte visuelle Allmacht der Nomaden der Lüfte (Le Peuple migrateur, 2001). Was bleibt sind lediglich die schönen Aufnahmen der charismatischen Pinguine.

Kommentare


Hans-Dieter

Ein genialer, kurzweiliger Film. Bin begeistert - obwohl ich eher das Action-Horror-Krimi-genre bevorzuge. Pinguine muss man einfach gern haben. Es lohnt sich schon alleine für die tollen Nahaufnahmen in den Film zu gehen. Im Kino waren viele Kinder - die hier wohl erstmals mit dem Thema Tod konfrontiert wurden - aber der Tod gehört eben mal zum Leben. Nur ich persönlich fand diese Sequenzen sehr traurig. Zusammenfassend würde ich den Film sehr empfehlen - ist aber auch wie üblich persönliche Geschmacksache. Viel SPass wünsche ich euch trotzdem.


xpenguins

der film ist wirklich der Oberkracher.






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