Die Regeln der Gewalt

Seit den achtziger Jahren lag das Script von Drehbuch-As Scott Frank auf Eis. Nun hat er die Geschichte um einen Mann, dessen Gedächtnisstörungen ihn in eine verbrecherische Intrige verwickeln, selbst inszeniert.

The Lookout

Chris Pratt (Joseph Gordon-Levitt) hat alles, wovon so mancher Teenager träumt: reiche Eltern, Schlag bei Mädchen, Erfolg im Sport. Die Zukunft gehört ihm. Sein Stern scheint hell. Wie jene Glühwürmchenschwärme am nächtlichen Himmel, mit denen er seine Freunde während einer Autofahrt beeindrucken will. Als er in einem Akt der Selbstüberschätzung das Licht seines dahinsurrenden Sportwagens ausschaltet, die vier Jugendlichen vom Dunkeln der Nacht umhüllt werden und nichts zu sehen ist außer dem Glimmen der kleinen Käfer, taucht unvermittelt ein Transporter vor ihnen auf. Chris kann nicht ausweichen und rast frontal in den Lkw.

Nach einem fulminanten Auftakt drosselt Autor und Regisseur Scott Frank das Tempo seines Debütfilms Die Regeln der Gewalt (The Lookout) und passt sich damit dem veränderten Lebensrhythmus seines Helden an. Dessen Dasein findet längst nicht mehr auf der Überholspur statt. Eher auf dem Standstreifen. In Folge des Autounfalls hat sich Chris’ Alltag um 180 Grad gedreht. Er hat seine Freunde verloren, wird von Schuldgefühlen geplagt und teilt sich ein kleines Apartment mit dem blinden Musiker Lewis (Jeff Daniels), dem Einzigen, der ihm in seiner misslichen Lage beisteht. Seit dem Unglück leidet Chris an einer Funktionsstörung seines Gedächtnisses. Manche Erinnerungen verblassen bei ihm so rasch, dass er Notizen machen muss, um sich im Labyrinth seines neuen Lebens zurechtzufinden. Seinen Unterhalt verdient er nun damit, nachts in einer Bank zu putzen – der einstige Highschool-Eishockeystar muss seinen Schläger gegen einen Besenstiel eintauschen.

The Lookout

Mit oft bitterer Ironie zeichnet Scott Frank bis hierher ein durchaus stimmiges Bild über die Folgen menschlicher Hybris. Ähnlich wie Vanilla Sky (2001) - bei dem auch ein tragischer Autounfall und eine schwere Kopfverletzung einen radikalen Umschwung herbeiführen - erzählt Franks Film vom tiefen Fall eines Goldjungen, dessen rosige Zukunftsträume aufgrund des eigenen Hochmuts zerschellen. Joseph Gordon Levitt, der schon in Brick  (2006) als melancholischer loner zu überzeugen wusste, macht dabei eine gute Figur als einstiger Sunnyboy, der selbstverschuldet zu einem gebrochenen jungen Mann wird.

Zu dem desolaten Grundtenor des Films tragen unter anderem die trostlosen Landschaftsbilder von Kameramann Alar Kivilo bei. Ähnlich wie in dem von ihm fotografierten Ein einfacher Plan (A Simple Plan, 1998) gelingt es ihm hier, das Prosaische des amerikanischen Mittleren Westens und die Öde einer typischen Small Town einzufangen. Durch die Schlichtheit der Bilder wird somit ein visuelles Ambiente geschaffen, das die innere Leere des Helden unaufdringlich widerspiegelt.

Wohl um sein angeknackstes Ego zu kitten, lässt sich Chris mit dem zwielichtigen Gary (Matthew Goode) ein, der behauptet, ein alter Bekannter aus Highschool-Zeiten zu sein. Geblendet von dessen männlicher Potenz und geleitet von dem inneren Verlangen, eine ebensolche auch selbst (wieder) zu erlangen, willigt Chris in Garys Plan ein, die Bank zu überfallen, für die er arbeitet. Der Überfall als Selbsttherapie. Um sich zu beweisen, dass man in der Liga der harten Jungs noch mithalten kann.

The Lookout

Scott Frank versucht Psychologie und Heist-Film zu kombinieren. Doch leider geht die Rechnung nicht ganz auf. Denn der Gesamteindruck, den Die Regeln der Gewalt hinterlässt, ist der, weder Fisch noch Fleisch vor sich zu haben. Einerseits Thriller, dessen Spannungsqualitäten sich in Grenzen halten und dessen Inszenierung eines Banküberfalls, ob Planung oder Ausführung, reichlich uninspiriert wirkt. Andererseits Charakterstudie, die das Kernproblem seiner Hauptfigur, die Störung von Gedächtnis und Erinnerung, nur ungenügend transportiert. Ein Film, der die Thematik des Gedächtnisverlustes verarbeitet, muss sich heutzutage stets dem Vergleich mit Memento (2000) stellen – und diesem Vergleich kann Franks Film nicht standhalten. Anders als dort ist das „Kopf-Problem“ seines Helden nicht integraler Bestandteil der gesamtfilmischen Struktur, sondern wird lediglich in Ansätzen greifbar.

Überraschenderweise erlaubt sich Frank, der sich in Hollywood einen großen Namen als Skriptautor gemacht hat, einige grobe Schnitzer in Sachen Drehbuch. Seine gelungensten Arbeiten lieferte er in der Vergangenheit immer dann ab, wenn er auf literarische Vorlagen zurückgreifen konnte (Out of Sight, 1998; Minority Report, 2002) – hier aber entwickelt Frank einen Originalstoff und kann nicht rundum überzeugen. Neben dramaturgisch stagnierenden Momenten wirken manche der Nebenfiguren allzu konstruiert, klischeehaft, oder verschwinden unvermittelt aus dem Leinwandgeschehen. Besonders störend: Chris´ blinder Zimmergenosse, der zu offensichtlich die Funktion des Comic Reliefs und lustigen Sidekicks erfüllt. Als eine Art „Dude“, wie man ihn aus The Big Lebowski (1998) kennt, wirkt er überzeichnet und seltsam deplaziert in dem ansonsten eher von getragener Noir-Stimmung bestimmten Film.

Letztendlich hinterlässt Die Regeln der Gewalt einen durchwachsenen Eindruck. Frank schießt sich so sehr auf die Komplexe seiner Hauptfigur ein, dass er darüber hinaus schlicht und einfach vergisst, eine spannende und überzeugende Geschichte zu erzählen. Der Banküberfall wird zum vernachlässigten Beiwerk. Als Genrefilm funktioniert er somit nur bedingt.

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