Die Rebellen von Oberhausen

„Der Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films entzieht einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich den wirtschaftlichen Boden.“ So beginnt das Oberhausener Manifest, an dessen Entstehung vor 50 Jahren eine sehenswerte Arte-Dokumentation erinnert.

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„Endlich einmal“, sagt die 21-jährige Vera Tschechowa in die Kamera des Fernsehreporters, „habe ich angenehme Erfahrungen im deutschen Film gemacht.“ Die Dreharbeiten seien ein „wirkliches Teamwork“ gewesen, die Filmemacher „keine Greise, sondern junge Menschen. Wir konnten diskutieren, bevor wir etwas gemacht haben.“ Die Rede ist von Das Brot der frühen Jahre (1961), der Böll-Verfilmung von Herbert Vesely, eines der frühen Werke aus dem Umfeld der Oberhausener Gruppe. Deren Gründung jährt sich zum 50. Mal, Arte zeigt aus diesem Anlass die Dokumentation Die Rebellen von Oberhausen. (Mittwoch, 25.4.2012, 22.15h)

Die Szene aus dem Bericht über die Premiere des Films illustriert nicht nur, was für eine Befreiung die Bewegung damals bedeutet haben muss, sondern auch, welchem Ressentiment sie begegnete. Aus dem Off kommentiert der Reporter die Worte der Tschechowa mit der Bemerkung, Jugend sei ja noch keine Garantie für Qualität. Das Brot der frühen Jahre kanzelt er beiläufig als „experimentelles Erstlingswerk“ ab. In der Rückschau wirkt das natürlich sehr borniert, vor allem wenn man bedenkt, dass, wie Rob Houwer gegen Ende der Dokumentation bilanzierend feststellt, „wir die meisten Bundesfilmpreise abgeräumt haben“.

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Von den 26 Unterzeichnern des Oberhausener Manifests leben heute noch zehn. Für die Dokumentation hat Hansjürgen Pohland seine Mitstreiter von damals besucht und mit ihnen Erinnerungen ausgetauscht. Zu Beginn erzählt Haro Senft von der Frustration im Kampf gegen die etablierte deutsche Nachkriegs-Kinokultur. Aus Amerika und Frankreich kamen viele wunderbare Filme, aber in Deutschland „war nur muffige Wüste. Es gab die Tendenz, sich mit billigem Unterhaltungsschrott zu begnügen“. Edgar Reitz fasst das Unbehagen in die knappen Worte: „Wir hatten ein Problem mit unseren Vätern.“ Sie wollten Autoren-Filme drehen, als Gegensatz zum damals üblichen, wie sie das nannten, „Zutaten-Film“.

Aus einem losen Zusammenschluss Gleichgesinnter kam Schritt für Schritt eine Bewegung zustande. Senft galt als Vordenker, als Alexander Kluge dazustieß, wurde es auch politisch. In die 60er Jahre fällt die Gründung der Filmförderanstalt, die bis heute die Art, wie Filme in Deutschland gemacht werden, prägt. Davon profitierten dann junge Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog, die jedoch gar nicht zu der Oberhausener Gruppe gehörten. „Die sind durch die Tür gegangen, die wir aufgemacht haben“, sagt Reitz dazu.

Reitz, Kluge und Peter Schamoni sind die einzigen Namen auf der Liste der Unterzeichner des Manifests („Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“), die heute noch einem nicht-spezialisierten Publikum bekannt sind. Viele der Filme sind bestenfalls noch geachtet, gesehen werden sie kaum noch. Die Werke der Vorbilder, das direct cinema der USA und die Nouvelle Vague in Frankreich, genießen größere Popularität als der deutsche Zweig der Bewegung.

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Das Schöne an Die Rebellen von Oberhausen ist deshalb, dass man viel Gelegenheit hat, in mal kurzen, mal nicht ganz kurzen Ausschnitten Werke wie Granstein, Katz und Maus, Das Unkraut oder Die Parallelstraße zu sehen. Letzterer blieb in Deutschland verkannt, während er in Frankreich von den Kritikern in den höchsten Tönen gelobt wurde. O.K. von 1970 sprengte die Berlinale, weil darin ein von US-Soldaten in Vietnam begangenes Verbrechen an einem Mädchen (Eva Mattes) in einem Wald in Bayern nachgestellt wurde. (Die diesjährigen Oberhausener Kurzfilmtage zeigen ab dem 26. April eine Retrospektive.)

Was auffällt: Wie sinnlich die Filme teilweise waren, trotz des Images ihrer Macher als angeblich verkopfte Intellektuelle. Eine wunderschöne Montage und ein Polizeiauto-Ballett in Kluges Abschied von Gestern von 1966 (der hier unter seinem Arbeitstitel Anita G. firmiert); eine zarte, gleichwohl irritierende Szene in freier Natur zwischen dem jungen Bruno Ganz und Verena Buss in Der sanfte Lauf (1966) von Haro Senft.

Heute sind die Rebellen von damals selbst alt geworden. Sie sind immer noch künstlerisch aktiv, die deutsche Kinokultur aber hat sich in ganz andere Richtungen entwickelt. Ist es einsam geworden um die Oberhausener, die sich hier sympathisch und uneitel an ihre besten Jahre erinnern? Bernhard Dörries (84) hat sich in der virtuellen Realität von Second Life eine Existenz aufgebaut, mit neuer Frau und schöner Insel. In dieser Computer-Avatar-Welt hat er einen Film gedreht, Auf der Erde zurückzulassende Botschaft heißt der, und er ist 80 Minuten lang. Darin findet sich ein junger Mann mit blondem langem Haar ganz allein auf der Welt.

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