Die Quereinsteigerinnen

Die Idee klingt verrückt: Zwei Freundinnen wollen den Boss eines großen deutschen Telekomunternehmens entführen, um ihre Forderung nach einer Wiederaufstellung der alten gelben Telefonhäuschen durchzusetzen.

Die Quereinsteigerinnen

„Uruguay“, so sinniert Katja (Claudia Basrawi), einer der beiden Protagonistinnen in Rainer Knepperges und Christian Mraseks Zeitgeist-Satire Die Quereinsteigerinnen, „ist ein Land, wo die Menschen heute noch freiwillig so wie in den 70er Jahren leben. Die haben alle Arbeit und sitzen den ganzen Tag über entspannt in Cafés.“ So skurril und merkwürdig das Zitat anmutet, so merkwürdig und skurril präsentiert sich der gesamte Film. Dieser dokumentiert als Abfolge lässig verschrobener Momente den Fortgang einer konsequent undurchdachten Entführung.

Eigentlich ist Entführung das falsche Wort für das, was die beiden Freundinnen Katja und Barbara (Nina Proll) zu verantworten haben, auch wenn es sich auf dem Papier danach anhört. Eher spontan, aus einer Laune heraus nötigen sie Harald Winter (Rainer Knepperges), seines Zeichens Chef eines deutschen Telefonkonzerns, mit ihnen einen Ausflug zu einer abgeschiedenen Ferienhütte zu unternehmen. Doch der weiß die Einsamkeit inmitten einer idyllischen Waldlandschaft nicht wirklich zu würdigen. Auch hält er ihre „Forderung“, die neuen grau-magentafarbenen Kartentelefone durch die alten gelben Telefonzellen zu ersetzen, für ziemlichen Nonsens. Nach einigen zum Scheitern verurteilten Fluchtversuchen arrangiert er sich schließlich mit der Situation. Der gestresste Workaholic findet zunehmend Gefallen an geselligen Abendrunden und morgendlichen Fitnessübungen.

Die Quereinsteigerinnen

Allerdings deutet Winter das ihm entgegenbrachte wenig professionelle Krisen-Management der beiden engagierten Damen als grobe Beleidigung und Respektlosigkeit seiner Person gegenüber. Dass Katja ernsthaft versucht, ihn mit dem Schlag einer Bratpfanne auf den Allerwertesten an der Flucht zu hindern, kommt einer Demütigung des erfolgreichen Geschäftsmannes gleich. Es ist ein Clash of Cultures, der sich auf den wenigen Quadratmetern der liebevoll im 70er Jahre-Stil eingerichteten Ferienwohnung abspielt. Die kindlich-naive Sorglosigkeit von Katja und Barbara verfehlt aber nicht ihre Wirkung, weder bei Winter, noch beim Zuschauer. Ist erst einmal die unter Zwang herbeigeführte Ausgangslage vergessen, erleben beide die Veranschaulichung des vergangenen WM-Mottos „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Die Quereinsteigerinnen betören mit ihrem amateurhaften Charme und den Absurditäten jedes einzelnen Moments.

Im Humor liegt letztlich der Schlüssel zum Gelingen des Films. Grotesk und dabei durchaus albern wird dieser den Nerv aller Helge Schneider- und Wes Anderson-Verehrer treffen. Das überraschende unsanfte Ende eines Fluchtversuchs ist ein Beispiel für den auch vorhandenen physischen Humor. Skurrile Wortgefechte zwischen „Tätern“ und „Opfer“, zwischen Business-Welt und der feministischen Anarcho-WG, ziehen sich wie ein roter Faden durch die insgesamt 81 Minuten. Obwohl sie größtenteils exakt festgelegt sind, besitzen die Dialoge durchaus einen improvisierten Charakter. Es ist das Verdienst der Schauspieler, dass sich dieser Eindruck zunächst aufdrängt. Ihre Spielfreude und Vitalität formen eine filmische Seele, welche den Festival-Erfolg der Low-Budget-Produktion seit ihrer Uraufführung auf dem letztjährigen Münchener Filmfest erklären kann.

Die Quereinsteigerinnen

Zurück zu Schneider. Wie das Multitalent aus Mülheim an der Ruhr, setzen Knepperges und Mrasek in Form und Inhalt auf eine erfrischende professionelle Unprofessionalität. Gedreht auf herkömmlichen Videomaterial, karg ausgeleuchtet und ohne technische Finessen, ließen sich Die Quereinsteigerinnen problemlos als dokumentarische Urlaubserinnerung der etwas anderen Art vermarkten. In Verbindung mit den bewusst falsch betonten Dialogen verleiht es ihrer Satire einen authentisch-unverkrampften Anstrich, mit dem sie sich an die Arbeiten eines ihrer Vorbilder, Klaus Lemke, anlehnen. Lemke, der in Die Quereinsteigerinnen auch eine Nebenrolle übernahm, verfolgt bei seinen Filmprojekten stets eine naturalistische, beiläufige Inszenierung, wobei er gleichsam auf nicht ausgebildete Schauspieler zurückgreift.

Knepperges und Mrasek sind Mitglieder der „Kölner Gruppe“. Der vom Kritiker Peter Nau geprägte Begriff fasst eine junge in der Rheinmetropole beheimatete Filmszene zusammen, die sich mit den unterschiedlichen Facetten des Kinos beschäftigt: Retrospektiven organisieren, über das Medium schreiben, eigene Filme drehen. Mit Kein Science Fiction (2003) lief Anfang des Jahres bereits ein Film der „Kölner Gruppe“ in ausgewählten Programmkinos. Die Quereinsteigerinnen gelingt das Kunststück, den Zuschauer mittels einer amüsanten kleinen Geschichte zur Reflektion über das herrschende Diktat der Wirtschaft anzuregen, ohne dabei eine diffuse Globalisierungsphobie wie Die fetten Jahre sind vorbei (2004) zu bedienen. Da man darüber hinaus eine Zeitreise zurück in die beschaulichen 70er, in die Welt des Eierlikörs, der Heimorgel und der bunten Blumenkleider, mitgeliefert bekommt, macht das eine Reise nach Uruguay eigentlich überflüssig.

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