Die Qual der Wahl

Will Ferrell betreibt als Kongressabgeordneter einen Wahlkampf, in dem keine Gefangenen gemacht werden.

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Der deutsche Titel ist mal wieder fürchterlich. Eine gereimte Plattitüde, deren Assoziationsspielraum die politische Bedeutung des Wortes „Wahl“ nur so gerade eben noch einschließt. Die amerikanische campaign dagegen bedeutet viel mehr als der biedere deutsche Wahlkampf: Sie ist Produktwerbung und Kampf mit allen Mitteln, und da just zu dieser Zeit in den USA zwei Männer darum ringen, Präsident zu werden (bzw. zu bleiben), bietet dieser Film die schöne Gelegenheit, die Wirklichkeit mit ihrer satirischen Überhöhung zu vergleichen.

Die Qual der Wahl (The Campaign) profitiert dabei von einem Vorteil, der zugleich ein Nachteil ist: Die Steilvorlagen aus dem Duell Romney/Obama sind so offensichtlich, dass es schon eines per Faustschlag ausgeknockten Babys („Baby-Punch-Gate“) und eines mit dem Smartphone gedrehten Sexvideos („Sextape-Gate“) bedarf, um noch ein paar Übertreibungen einzubauen.

Der Film ist dennoch lustig, stellenweise sogar sehr. Das Team hinter The Campaign weiß, was es tut: Regisseur Jay Roach hat für Mike Myers die Austin-Powers-Filme inszeniert, zum Produzententeam gehört Adam McKay, der als Autor bei der Saturday-Night-Live-Show bekannt wurde und mit Will Ferrell bereits großartige Komödien wie Ricky Bobby – König der Rennfahrer (2006) gemacht hat.

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Hier spielt Will Ferrell nun den Kongressabgeordneten Cam Brady. Der bekommt zum ersten Mal seit mehreren Legislaturperioden Konkurrenz: Marty Huggins (Zach Galifianakis), der, so will es die Konvention der Komödie, in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil Bradys ist, tritt gegen den smarten, charmanten, mit allen Wassern gewaschenen Politiker an. Der Film ist dabei keineswegs parteiisch, er kann weder dem liberalen, noch dem konservativen Lager zugeordnet werden. Brady, der von Anfang an mit gezinkten Karten spielt und der absolut keine politische Agenda hat, ist ein Demokrat. Huggins gibt den republikanischen Kandidaten, der anfangs naiv und ehrlich ist, sich aber schnell an die Spielregeln gewöhnt. Beiden geht das „support our troops“-Mantra fix über die Lippen, und beide berufen sich auf Gott, wenn es ihnen nützt. Im Verlauf des Films wird die Parteizugehörigkeit nur ein einziges Mal kurz erwähnt, in einem Moment, den man schnell übersehen kann.

Das heißt, einen kleinen Unterschied gibt es dann doch: Hinter Republikaner Huggins stehen die Motch-Brüder (John Lithgow und Dan Aykroyd), Milliardäre, die, um noch mehr Geld zu verdienen, den ganzen Staat North Carolina an die Chinesen verhökern wollen und sich dafür politische Unterstützung kaufen. Motch reimt sich auf Koch – und es sind wohl die Koch-Brüder, auf die hier angespielt wird.

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Manch schmutziger Wahlkampf-Trick hat eine direkte Entsprechung im wirklichen Leben – und illustriert herrlich die pervertierten Kausalitäten, die den amerikanischen Wahlkampf zuweilen prägen. Islamische Terroristen tragen Bärte, mein Konkurrent trägt einen Oberlippenbart – also gehört er zu Al Qaida! Viel bescheuerter als die Behauptung, Obama sei ein Muslim, ist das nicht.

Aber es geht in The Campaign eher um das Allgemeine als das Spezielle. Eine deutlich Stellung beziehende Satire über die Tea-Party-Bewegung wäre sicher interessanter und erkenntnisreicher geworden (denn es gibt in diesem Wahlkampf 2012 durchaus Unterschiede zwischen Republikanern und Demokraten). Stattdessen ist der Film vor allem eine Sammlung von Sketchen über Standardsituationen des homo politicus geworden, die mehr auf Umgangsformen zielt als auf Ideen, mehr auf das Wie, nicht das Was. Wo Warren Beattys Bulworth (1998) in der satirischen Überzeichnung stets auch Entrüstung über den politischen Betrieb mitschwingen ließ (von tiefernsten Filmen über das Thema wie George Clooneys The Ides of March, 2011, ganz zu schweigen) begnügt The Campaign sich damit, den Zuschauer zum schenkelklopfenden Lachen zu bringen.

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Andererseits: Das Wort „begnügen“ trifft es nicht. Denn auf den zweiten Blick ist die Geschichte gerade wegen ihrer inhaltlichen Leere ein scharfer Kommentar zum Zustand der amerikanischen Gesellschaft und der Art und Weise, wie heutzutage Politik verkauft wird. Unter all den – teilweise sehr derben – Scherzen legt der Film ein lächerliches System bloß, das merkwürdigerweise funktioniert, obwohl es bis ins Detail auf Unehrlichkeit und Selbstbetrug basiert. Der stammelnde Versuch Bradys, das Vaterunser vor laufenden Kameras aufzusagen oder das asiatische Hausmädchen, das gezwungen wird, im breiten Südstaaten-Slang einer Schwarzen zu sprechen: The Campaign zeigt ein ums andere Mal den Prozess der Demaskierung, eingebettet in kleine Kabinettstückchen fein ausgearbeiteten Humors.

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