Die Perlmutterfarbe

Wer wird den Malwettbewerb der Schule gewinnen? Als Alexander die magische Perlmutterfarbe in die Hände fällt, tritt er ungewollt ein Lügenkarussell und einen Bandenkrieg los.

Die Perlmutterfarbe

Dickflüssig rinnt die Farbe aufs Papier. Wenn das Blatt die helle Masse ganz aufgesogen hat und gegen das Licht gehalten wird, erstrahlt es im funkelnd magischen Glanz der Perlmutterfarbe: schon wieder so eine geniale Erfindung des Tüftlers Maulwurf (Dominik Nowak). Dass er damit den Malwettbewerb der Schule gewinnen und das Herz der Mitschülerin Lotte (Zoë Mannhardt) erobern wird, scheint sicher – aber auch sein Klassenkamerad Alexander (Markus Krojer) ist heimlich in Lotte verliebt. Durch einen kuriosen Zufall landet das Fläschchen in Alexanders Ranzen, dem es zum Verhängnis werden wird. Anstatt die Wahrheit seiner Klasse zu beichten, versteckt er sich hinter einer Lüge und sieht hilflos zu, wie ein Junge aus der Parallelklasse des Diebstahls verdächtigt wird.

Und so wird Alexander, ähnlich wie der in der Deutschstunde bemühte Zauberlehrling von Goethe, die bösen Geister nicht mehr los. Er verstrickt sich mehr und mehr in Ausreden und liefert sich damit der einzigen Person aus, die sein Lügengebäude durchschaut: Der hinterlistige Klassenkamerad Gruber (Benedikt Hösl) weiß Alexanders Abhängigkeit von seiner Verschwiegenheit für eigene Zwecke auszunutzen und stachelt die Schulkameraden zu einer faschistoiden Hetzjagd gegen die Parallelklasse an.

Die Perlmutterfarbe

Das magisch strahlende Weiß des Filmtitels hat Rosenmüller auch visuell zum Thema gemacht. Er situiert die Handlung in ein pittoresk verschneites bayerisches Dorf in den 1930er Jahren, das, von wunderlichen Nebenfiguren wie der mephistophelischen Buchhändlerin (Adele Neuhauser) bevölkert, geradezu märchenhafte Züge trägt. Und auch dieser Film lebt, wie alle anderen Rosenmüller-Filme, vom Charme des bayerischen Dialekts, der neben den prägnanten Gesichtern der jungen Laiendarsteller in den Rollen von Alexanders Klassenkameraden einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Da hat das Casting wirklich ein gutes Händchen bewiesen. Der Hauptdarsteller Markus Krojer, der bereits aus Rosenmüllers Regiedebüt Wer früher stirbt, ist länger tot (2006) bekannt ist, bringt Alexanders moralisches Dilemma überzeugend zum Ausdruck.

Rosenmüller inszeniert den von Schuldgefühlen und Gewissensbissen geplagten Jungen in zahlreichen emotionsstarken Großaufnahmen. Die vielen inneren Monologe der gleichnamigen Romanvorlage von Anna Maria Jokl übersetzt das Drehbuch in Rosenmüller-typische Traumszenen. Und die moralische und emotionale Verlorenheit des Kindes zeigt der Regisseur in einer Totale aus der Vogelperspektive, wo Alexander winzig und einsam im Schnee liegt. Dass Rosenmüller die visuellen Ausdrucksmittel seines Mediums beherrscht, belegen unzählige weitere filmische Einfälle. Nur dem Drehbuch mag man an mancher Stelle die arg konstruiert wirkenden Wendepunkte vorwerfen sowie manches Detail, das zur Romanvorlage hinzu erfunden wurde. Zum Beispiel bleibt Maulwurfs Lügendetektor eine überflüssige Anekdote, stellt er doch für den Protagonisten keine konkrete Bedrängnis dar.

Die Perlmutterfarbe

Hingegen schafft es Die Perlmutterfarbe, die von Jokls Roman vorgegebene historische Stimmung des Anfang der 30er Jahre heraufziehenden Nationalsozialismus einzufangen. Zwar gibt es im Film keine explizite Nennung der politischen Zustände. Jedoch wird die schwelende Ideologie in etlichen Anspielungen wie dem im Musikunterricht einstudierten Liedgut oder dem Lesestoff über die Rassenlehre offensichtlich. Und nicht zufällig bläst ein Windstoß Hitlers Porträt auf einem Kalenderblatt ins Bild. Wie schnell die Masse einem Aufwiegler hörig ist, zeigt Die Perlmutterfarbe am Mikrokosmos der Schule. Mit dieser Lektion im Kleinen ähnelt die Geschichte Experimenten wie dem aus Die Welle (2008). Ansonsten erinnert Rosenmüllers Film, was die Epoche und den schulischen Rahmen angeht, auch an Jean Vigos Betragen ungenügend (Zéro de conduite, 1933) oder, was den eskalierenden Bandenkrieg zwischen den Parallelklassen betrifft, an den Krieg der Knöpfe (La Guerre des boutons, 1961).

Die Perlmutterfarbe

Auch Erwachsene lügen, diese bittere Einsicht muss Alexander machen. Und er wird erleichtert feststellen dürfen, dass sich alles zum Guten wendet, wenn man endlich die Wahrheit auf den Tisch legt. Vielleicht ist das die entscheidende Schwäche des Films: dass er sich nicht ganz entscheidet, was er sein möchte, Parabel über die Lüge oder Lektion über unmündige Obrigkeitshörigkeit, denn wirklich zusammen passen die beiden Konflikte nicht. „Wo kämen wir hin, wenn alle die Wahrheit sagen würden?“, echauffiert sich der Schuldirektor am Ende des Films.
Frei nach Kant kämen wir nicht in die Situation des moralischen Entscheidungskonfliktes, aber vielleicht dennoch in die Fänge eines gefährlichen Demagogen.

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