Die Nonne

Die Wahrheitsliebende im Kloster: Guillaume Nicloux’ Die Nonne ist strenges, präzises und sprödes Leidenskino, das seine Qualen nicht so ganz rechtfertigen kann.

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Suzanne Simonin (Pauline Etienne) ist Nonne wider Willen. Das Kloster ist ihr kein Refugium zur spirituellen Einkehr oder Hort des wahren Glaubens, sondern ein Gefängnis. Und nichts sonst. Die wenigen Öffnungen, hinter denen die Außenwelt hervorlugen kann, sind dick vergittert, die Mauern breit und hoch, die Tore zu jeder Zeit verschlossen und die anderen Schwestern Mitgefangene, Gefängniswärterinnen oder Spitzel, je nachdem, wie sie ihr gewogen sind.

Die Nonnen sind Protofaschistinnen

Doch Hass aufs Kloster ist nicht gleich Hass auf den Glauben. Denis Diderots aufklärerischer Roman Die Nonne ist, sowohl in der Verfilmung Jacques Rivettes von 1966 als auch in der aktuellen von Guillaume Nicloux, vor allem eine scharfe Kritik an institutioneller Brutalität. Und die ist hier rein weiblich. Kein erbarmungsloser Vater spricht Unrecht je nach Gusto, kein Credo leitet alle menschlichen Entscheidungen direkt weiter in den Busen Gottes, sondern es herrscht ein erstickender Korpsgeist um die Kreuzgänge. Die Nonnen sind Protofaschistinnen, uniformiert, obrigkeitshörig und rücksichtlos in ihrem Ausagieren der Regeln. Die Männer, ob Anwälte, Priester oder Bischöfe, schleichen nur um die Ränder dieser abgeschlossenen Gesellschaft. Und über allem steht die Mutter Oberin. Sie bestimmt per Dekret, was Gesetz ist und was Straftat: Die Netten rufen zur Einkehr, die Fiesen gebieten Selbstkasteiung.

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Die Nonne ist auch der Bericht über Suzannes ewige Suche – in der profanen Welt wie hinter Klostermauern – nach der wahren Mutter. Doch die findet sie nie, sondern fällt nacheinander vier falschen anheim. Die erste, ihre leibliche Mutter (Martina Gedeck), hat sie in Unzucht empfangen und daraufhin im Kloster abgeladen, auf dass sie an ihrer statt büßt. Pauline Etienne spielt diese Verstoßene ganz anders als Anna Karina bei Rivette: mit weniger melodramatischer Verzweiflung, Haareraufen und Zu-Boden-Sinken, sondern klaräugig und juvenil-rebellisch, angetrieben von einem fast detektivischen Aufklärungswillen. Ihr geht es weniger um Liebe als um Wahrheit.

Eine Aufklärerin und eine Sophistin treffen aufeinander

Diderot widerlegt in Die Nonne das geistesgeschichtliche Klischeebild, wonach Vernunft und Spiritualität einander zwangsläufig bekämpfen. Nicloux greift diese Zusammenführung der „beiden Quellen des Wissens“, des Glaubens und der Ratio, auf. Seine Suzanne ist ernsthaft gläubig, und sogar keusch, aber deshalb noch lange keine römisch-katholische Befehlsbefolgerin. Erst fragt sie der Priester, ob sie schwöre, die Wahrheit zu sprechen, und sie sagt: „Ja.“ Dann fragt er, ob sie als Nonne leben wolle, und sie sagt: „Nein.“ Die Wahrheitsliebe, die in ihrem Sinne Gottes oberstes Gebot ist, steht noch über jedem kirchlichen Ritus. Aber das Flehen der ehebrecherischen Mutter lässt sie schwach werden, und so findet sie sich letztlich doch in einer Kutte wieder.

Im ersten Kloster begegnet Suzanne ihrer zweiten Mutterfigur, der mystisch-erleuchteten Sœur supérieure de Moni (Françoise Lebrun). So treffen eine Aufklärerin und eine Sophistin aufeinander, denn de Moni schafft es mit rhethorischer Finesse, jedes Aufbegehren Suzannes als Wirken Gottes auszulegen. Wenn du weinst, bist du am nächsten bei Gott. Der Glaube de Monis ist ein Labyrinth mit tausend Ausgängen, die alle zum Herrn führen. Doch auch wenn ihre Liebe aufrichtig sein mag: Sie vermag Suzanne nicht zu überzeugen, weshalb ihr selbst der Glaube abhanden kommt. Sie stirbt, man munkelt von Selbstmord.

Mutter Oberin will Suzanne an die Wäsche

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Mutter Nr. 3 ist de Monis Nachfolgerin Christine (Louise Bourgoin), die Inquisitorin. Auf Suzannes Versuch, per Gerichtsverfahren ihren Nonneneid zu widerrufen, antwortet Christine mit sadistischer Brutalität, lässt die Zweiflerin alle Härten der Institution Kloster spüren, vermutet Satanswerk. Suzanne wird ausgestoßen, ins Büßergewand gesteckt und in den Kerker geworfen, die spirituellen Schwestern machen sich dabei ganz profan die Hände schmutzig. Heute würde man das Mobbing nennen. Im Büßergewand kleidet sich aber auch der gesamte Film, alles Licht ist wintergrau, der Modus gravitätisch, die Zellen karg, die Gefühle hart. Das macht ihn sehr spröde, und irgendwie auch schrecklich selbstgerecht. Denn die ganze Inszenierung scheint sich einem harschen Realismusgebot zu fügen, das unangemessen quält und in seiner fast totalitären Nüchternheit alles Gefühlige in Schmerz und Tristesse wälzt.

In einem zweiten Kloster, in das Suzanne nach ihrem Martyrium versetzt wird, wartet die letzte falsche Mutter, Supérieure Saint Eutrope (Isabelle Huppert), die Sexuelle. Bei ihr wird der Tugendterror durch den des Begehrens ersetzt: Sie will Suzanne, ganz wörtlich, an die Wäsche. Die Weichen verschieben sich, und plötzlich ist es die Mutter, die vor Sehnsucht verrückt wird, und Suzanne, die beim Priester nach dem von Keuschheit gebotenen Umgang inquiriert. Es ist verrückt, wie Hupperts Gesicht viel stärker sexualisiert und sinnlicher erscheint, als man es von ihr gewohnt ist, gerade weil es von der strengen Kluft wie ausgeschnitten wirkt. In ihrem Kloster bricht all die verdrängte Sexualität der Institution an sich hervor, das verbannte Begehren, das bei Rivette schon unter der Tyrannin Christine als Sadismus spürbar wurde. Anna Karinas Körper war, wie um den Strafen Hohn zu sprechen, desto erotischer, je zerfetzter ihrer Kleidung wurde.

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Doch am Ende wird der weibliche Wahn auf sehr wertkonservative Weise befriedet. Denn die Suche nach der Mutter entpuppt sich bei Nicloux als eine nach dem unbekannten Vater: Das Drehbuch entwirft eine Rahmenhandlung um einen schwindsüchtigen Baron, bei dem Suzanne nach ihrer glücklichen Flucht vor der Lesbe Unterschlupf findet und der sich als ihr Erzeuger offenbart. Bei Rivette gibt es keinen Ausweg aus dem Institutionsterror, seine Suzanne, zur Hure verkommen, stürzt sich zuletzt aus dem Fenster: Die ganze Welt, auch und vor allem die männliche, ist Maschinerie von Unrecht. Bei Nicloux hingegen bleibt der Schrecken hinter dicken Mauern, und so steht am Schluss die Frage im Raum, warum wir uns denn überhaupt dahinter begeben mussten.

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