Die Muppets

Wie der wilde Humor seine Unschuld verlor.

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Die Muppets braucht man wohl niemandem mehr vorzustellen. Oder doch? Mitte der 1950er Jahre von Jim Henson erfunden, waren die plüschen Puppen recht bald mit Formaten wie der Sesamstraße und später den Fraggles weltweit in der Fernsehlandschaft vertreten. Showgrößen wie Kermit der Frosch, Miss Piggy, Ernie und Bert, Gonzo und Fozzie waren lange Zeit aus der Flimmerkiste nicht wegzudenken. 2004 kaufte Disney dann die Markenrechte, um nun mit James Bobins pragmatisch betiteltem Musical nach über zwölf Jahren Abstinenz die Muppets wieder auf die Kinoleinwand zu bringen.

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Die Story dreht sich um das Bruderpaar Gary (Jason Segel) und Walter (eine orangene Puppe): Ersterer will mit seiner Quasi-Verlobten Mary (Amy Adams) ihr zehnjähriges Jubiläum in L.A. feiern, und Letzterer kommt mit, um endlich einmal einen Blick auf das Studio seiner Helden zu werfen. Doch leider haben die Muppet-Produktionsstätten ihre besten Tage hinter sich, und ein Finanzhai (Chris Cooper) will sie zwecks Ölbohrung auch noch abreißen lassen. Was also tun? Die verrückten singenden Puppen zusammentrommeln, um mit einer neue Show Geld für den Studiorückkauf aufzutreiben! Und dabei nostalgisch in den guten alten Tagen des familiengerechten, maximal entpolitisierten Muppet-Anarcho-Humor schwelgen ... Doch es gibt keine Nostalgie ohne Gegenwartsbezug, und so ist The Muppets, was den Humor angeht, gezwungen, neue Wege zu gehen.

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Puppen und Cartoonfiguren hatten schon immer einen Hang, in ihrer Freude am Zerstören nicht nur alles innerhalb der Erzählwelt in Schutt und Asche zu legen, sondern auch vor den Grenzen zwischen Filminnerem und -äußeren, zwischen Inhalt und Konstruktion nicht Halt zu machen. Klassiker wie Chuck Jones’ Duck Amuck von 1953 oder Robert Zemeckis’ Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who framed Roger Rabbit, 1988) sind unvergessene Aushängeschilder komödiantischer Entgrenzung und reflexiver Schlaumeierei.

Doch spätestens seit Toy Story (1995) ist das gewiefte Spiel mit Selbstreferenzialität aus der zeitgenössischen Spielfilm-Cartoonlandschaft (und hier sollen die Muppets einfach einmal hinzugezählt werden) fast schon nicht mehr wegzudenken. Von Shrek (2001) über Kung Fu Panda (2008) bis hin zu Megamind (2010) ist das simultane Augenzwinkern auf mehreren Bedeutungsebenen allmählich zum inszenatorischen Standard geworden: So können maximal viele Alters- und Gesellschaftsschichten zur gleichen Zeit adressiert werden. Die meisten Zuschauer genießen bei solchen Werken die eigene Sophistication meist ebenso wie die eigentlichen Witze.

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The Muppets markiert innerhalb dieser Entwicklung sicherlich einen neuen Höhepunkt. Aber was sollten die Macher auch anderes tun? Stoffpuppen mit leidlich witzigen Musicalnummern, die schon an die 50 Jahre ohne wirkliches Facelift auf dem Buckel haben, sind, so archaisch-anarchisch ihr Humor auch beizeiten sein mag, in einer Umgebung voller feiner 3D-Animationswunder und selbstironisch-hipper Helden zumindest kommentarbedürftig. Und so ist der Ausgangspunkt für die Narration in The Muppets auch der, dass sich heutzutage niemand mehr um die Krawallpuppen schert. Der Weg der Erzählung um eine Rückkehr von Kermit & Co. ins Showbiz spiegelt damit auch das Äußere des Films: Denn hier geht es wirklich darum, dass ein in die Jahre gekommenes Franchise nochmal ganz oben mitspielen möchte.

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Und so wird mit Zitaten und Verweisen in alle Richtungen geworfen. Wenn Zeit gespart werden soll bei der Suche nach über den Erdball verteilten Kameraden, reist man hier eben „per Karte“, und schon wird auf derselben eine Linie gezogen von der amerikanischen Atlantikküste nach Cannes (ein Kommentar über einen selbst etwas in die Jahre gekommenen Standard der Filminszenierung plus eine Anspielung auf das nicht minder leicht angestaubte Mekka der hohen Filmkultur ...). Von da aus geht es weiter nach Paris, wo Miss Piggy mittlerweile Chefredakteurin der „Vogue“ ist. Und da sitzt die Schweinedame, gestylt wie Meryl Streep, die in Der Teufel trägt Prada (The Devil Wears Prada, 2006) gestylt war wie Anna Wintour (Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“); und ihre Sekretärin wird gespielt von Emily Blunt, die wiederum Miss Streeps Sekretärin in oben genanntem Film verkörperte ...

Doch bei The Muppets kommt die Gag-Reflexionsmaschine immer wieder auch ins Stottern, ist die Inszenierungsweise doch selbst schon etwas angestaubt. Das fängt mit einem aus Family Guy bekannten Problem an: wenn man nämlich bei mangelnder popkultureller Bildung immer wieder dasteht wie der Ochs vorm Berg. Man merkt der Inszenierung zwar an, dass gerade einer der zahllosen Cameo-Auftritte stattfindet (die Kamera klebt dann meist auf dem Gesicht irgendeiner an sich bedeutungslosen Nebenfigur), aber den spezifischen Verweis will man einfach nicht begreifen. Und außerdem klauen The Muppets bei South Park respektive Team America (2004) den berühmten „Montagesong“, ohne in diesem Fall ihre Quelle ordentlich auszuweisen. Obwohl, das ist ja gerade sehr in Mode.

Doch sei’s drum: Besser hätte man den Franchise-Reboot wahrscheinlich nicht hinbekommen können. Und wenn Gary am Ende in eine regennasse Schaufensterscheibe blickt und die Zeile: „I reflect upon my own reflection“ schmettert, ist das ein Höhepunkt dieser durchaus gelungenen Hochzeit des klassischen Muppets-Musicals mit der zeitgenössischen hyper-reflexiven Komödie.

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