Die Mumie

Wenn man vom Tod nichts weiß: In Die Mumie wird Tom Cruise zum Auserwählten einer Untoten – doch der Film verleugnet die ihm eigentlich innewohnende Morbidität.

Die Mumie 2

Wie es angesichts des Titels nicht anders sein kann, wimmelt es in Die Mumie von Untoten. Kreuzritterleichen, die wieder zum Leben erwachen, ermordete Polizisten, deren leblose Körper nunmehr einem fremden Willen gehorchen, und natürlich die Mumie selbst, ein vertrocknetes und zerschundenes Wesen, dessen Fleisch nach und nach wieder lebendige Formen annimmt. Es ist dieses freie Verhältnis zu der eigentlich so festen Grenze zwischen Leben und Tod, das den affektiven Kern des Mumien-Motivs bildet – denn in der Mumifizierung wird der Körper nicht etwa vor dem Zerfall bewahrt, wird dem Tod nicht etwa ein wenig von seiner Endgültigkeit genommen, sondern das Verfallen wird eingefroren, kann niemals zu einem Abschluss kommen und wird somit zum Wesenskern einer neuen Existenzform. Das beschwichtigende Argument Epikurs, dass man den Tod nicht zu fürchten braucht, da man, wenn er tatsächlich eingetreten ist, selbst gar nicht mehr existiert – für die Mumie gilt es nicht, denn sie ist ein Wesen, für das der Tod keine Grenze, sondern ein andauernder Zustand ist. Das Monströse dieser Kreatur (wie auch anderer klassischer Filmkreaturen wie Dracula oder Frankensteins Monster) besteht eben in ihrer Fähigkeit, dem Tod auf eine Art und Weise Einlass in das Reich der Lebenden zu gewähren, dass das Leben durch den Tod nicht mehr nur bedroht, sondern innig mit ihm verwoben wird. Die Angst, die in diesen Kreaturen Gestalt annimmt, ist die, dass man sich der eigenen Existenz zu keinem Moment wirklich sicher sein kann, dass man sich immer schon in einem Zustand des Verlöschens befindet – und man nicht nur dereinst einmal nicht mehr sein wird, sondern eigentlich nie wirklich ganz ist.

Die Mumie 3

Der Tod ist somit der zentrale motivische Bezugspunkt nicht nur dieses Films, sondern des gesamten Universums an Monsterfilmen, zu dem Die Mumie den Auftakt bilden soll. Und doch kommt der Tod selbst – der Tod als Auslöschung und als unwiederbringliches Vergehen der menschlichen Existenz – hier nicht wirklich vor, wird nicht eingehender erkundet oder gar in Bilder gefasst. Die vielen untoten Wesen bleiben nichts anderes als eine auf vage Art und Weise bedrohliche Horde, sie geben zwar Anlass zu Faustkämpfen und Verfolgungsjagden, entfalten aber nie eine weitergehende Resonanz und sprechen schon gar nicht tiefsitzende Ängste an. Die schreckliche Fratze eines von Todeserwartung verzerrten Gesichts, die verdrehte Gestalt eines von tiefer Trauer gebeutelten Körpers oder die zerbrochenen und verfaulten Überreste früheren Lebens – zu keinem Augenblick gibt sich Die Mumie dunklen visuellen Reizen dieser Art hin. Der Film ist gänzlich befreit von jeglicher Morbidität, obwohl doch das affektive Potenzial seiner Bilder gerade in einer lustvollen Todesbesessenheit liegt.

Eine gedankenlos übernommene Bösartigkeit

Die Mumie 6

Das einzige Motiv, das mit einer befremdlichen Beharrlichkeit und Lückenlosigkeit entwickelt wird, ist das der titelgebenden Mumie als altbackener Verkörperung einer bedrohlichen Weiblichkeit. Die vom Tod erwachte Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella) stärkt sich, indem sie (ausnahmslos) Männern durch einen bösartigen Kuss die Lebenskräfte aus dem Leib saugt. Ihr ganzes Streben wird bestimmt durch das triebhafte Verlangen nach der rituellen Paarung mit ihrem „Auserwählten“, und den infiziert sie überdies mit ihren lustvollen Gedanken, sodass er nicht mehr Herr über seine eigenen Handlungen ist. Derart von Ressentiment geformte Bilder können jedoch nur dann eine produktive Wirkung entfalten, wenn jenes toxische Gemisch aus Angst und Aggression, das dem Ressentiment unweigerlich zugrunde liegt, klar erkennbar an die Oberfläche dringt und zur bestimmenden Dimension der Bilder wird. Für eine solch unkontrollierte, moralisch prekäre gestalterische Strategie fehlt dem Film aber die Selbsterkenntnis (oder, wenn man so will, die Selbstvergessenheit) – das Ressentiment, das er in seinen Bildern zum Ausdruck bringt, ist nicht das eigene, sondern ein vorgefertigtes, ein aus früheren Quellen naiv und gedankenlos übernommenes. In dieser Typisierung ist die titelgebende Figur tatsächlich eine Mumie: ein ausgetrocknetes, erstarrtes Relikt aus einer früheren, dunkleren Zeit, als ein gewisser philosophisch ausgeschmückter Frauenhass sich ungehemmt und unverstellt durch die westliche Kunst- und Geistesgeschichte zog. Vielleicht bewahrt sich der Film durch die Stilllegung seiner Bilder vor einer tatsächlichen moralischen Verwerflichkeit – seiner grundlegenden gedanklichen Unbedarftheit tut das jedoch keinen Abbruch.

Verloren zwischen Grinsen und Stirnrunzeln

Die Mumie 1

In diesem Gewirr aus Todesvergessenheit und unreflektiertem Bildmaterial bleibt als einzige dramaturgische Klammer die hilflose Verzweiflung, mit der sich Tom Cruise einen Weg durch das nur notdürftig mit Rückblenden und Off-Kommentaren zusammengehaltene Gebilde des Films zu bahnen versucht. Immer wieder dehnt sich sein Gesicht unvermittelt zu einem breiten Grinsen oder zieht sich ebenso unvermittelt in einem konsternierten Stirnrunzeln zusammen – in der Regel ohne erkennbaren äußeren Anlass. Aber auf klare Anlässe kann man in einem solchen Film lange warten, man ist als Darsteller somit immer auf seine eigenen Mittel zurückgeworfen und setzt sie eben ein, so gut oder zumindest so oft man kann. Tatsächlich sind die einzig halbwegs interessanten Szenen des Films jene, in denen Tom Cruise gar nicht wirklich handeln kann, sondern sein Körper lediglich wild umhergeworfen wird – durch ein abstürzendes Flugzeug, ein sich überschlagendes Auto oder durch rasend um sich schlagende Untote. Aber diese Szenen sind wohl weniger dem Film selbst zugute zu halten als vielmehr dem Kino an sich. Eine bestimmte belebende Erfahrung hält Die Mumie somit zumindest bereit: Selbst ein derart freudloses Durcheinander kann die kinetische Wucht, die dem Medium innewohnt, nicht zur Gänze ruhigstellen.

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