Die Mühle und das Kreuz

Inspiriert von einem Gemälde Pieter Bruegels findet Lech Majewski zur ungewöhnlichen Form der Malerei-Verfilmung.

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Langsam fährt die Kamera zurück. Füllte eben noch ein Detail die Leinwand aus, so ist nun das gesamte Gemälde (Die Kreuztragung Christi von Pieter Bruegel dem Älteren) im Frame zu erkennen. Bald wird auch der Rahmen sichtbar, kurz darauf ein weiteres biblisch inspiriertes Bruegel-Bild, Turmbau zu Babel, und schließlich ein Raum des Kunsthistorischen Museums in Wien. 85 Minuten lang war Die Kreuztragung Christi zu einer begehbaren Welt voller Bewegung geworden, nun, da die Kamera aus dem Gemälde hinausgleitet, wird es in seiner Werkhaftigkeit ausgestellt. Die Bruegel’sche Malkunst vollbringt in Die Kreuztragung Christi mehr als 300 Jahre vor der Erfindung der Kinematografie etwas geradezu Filmisches: Sie überwindet die Statik der Malerei, überschreitet sogar die Sequenzialität der Literatur und erreicht die Synchronizität des Films. In Bruegels Bild finden mehrere Ereignisse gleichzeitig statt – die Passion Christi, die darauf folgende Trauer (Pieta) und die Besatzung Flanderns durch das spanische Königreich im 16. Jahrhundert.

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Der rudimentäre Plot von Die Mühle & das Kreuz (The Mill and the Cross, 2011) breitet das Geschehen des Bruegel’schen Gemäldes – die Einbettung der Jesus-Sage in die belgische Geschichte der frühen Neuzeit – werkgetreu aus. Jesus feiert das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern, seine Mutter (Charlotte Rampling) betrauert ihn, Simon nimmt ihm das Kreuz ab. Die spanischen Inquisitoren rädern einen Mann, begraben eine Frau lebendig und verhöhnen den Sohn Gottes. Nach der Ermordung Christi brechen die Dunkelheit und ein apokalyptisches Gewitter über die Welt herein. Bruegel (Rutger Hauer) tritt als Chronist der Ereignisse auf – ein Spinnennetz inspiriert ihn zur komplexen Anordnung seines Gemäldes, auf dem unter anderem „the tree of life“ zu sehen ist. Zwischendurch rückt Regisseur Lech Majewski wiederholt absurde Nebensächlichkeiten in den Mittelpunkt – die Männer tragen unvorteilhafte Beulen-Hosen, ein einzelnes Rad wird durch den Wald gerollt, und ein weiteres Kreuzigungsopfer hat eine Art herzförmiges Loch im Kopf, in dem man die Adern pulsieren sieht. Die größte Entfernung von der Bruegel’schen Vorlage gestattet sich der Film, wenn er wiederholt Interieurs detailverliebt erkundet  – in Bruegels Bildern hingegen dominieren vielmehr natürliche Landschaften.

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Der zentrale Ort unter jenen Innenräumen ist die titelgebende Mühle, ein in den Fels gehauenes Ungetüm von einem Gebäude, das höhlenartig anmutet. Die Mühle nimmt dank des Felsens eine erhöhte Position ein und ersetzt damit – so erklärt es die Bruegel-Figur im Film – Gott in der Komposition des Bildes. Statt geistiger Nahrung spendet die Mühle profanes, aber überlebenswichtiges Mehl, Materie anstelle von Spiritualität. In einer Zeit, da tyrannische Besatzer im Namen der Religion schutzlose Menschen zermalmen wie die gigantischen Zahnräder der Mühle das Getreide, schwindet der Glaube an die Güte und Allmacht Gottes. So nennt der Filmtitel nicht zufällig die Mühle vor dem Kreuz, jener Ikone der abendländischen Kultur. Bruegel mag die Mühle primär als Manifestation malerischer Religionskritik gedient haben, Majewski rückt sie assoziativ in die Nähe des Filmprojektors: Wenn der Müller vor den gewaltigen Zahnrädern der Mühle steht, werfen deren Bewegungen abwechselnd Licht und Schatten in den Raum.

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Die Sinnlichkeit dieses bildgewaltigen Films ist eines seiner stärksten Momente. Gezielt verzichtet Die Mühle & das Kreuz größtenteils sowohl auf Dialoge als auch auf musikalische Untermalung und verlässt sich stattdessen ganz auf die Kraft seines Ursprungs: des Bildes. Besonders beeindruckend ist dabei das illusionistische Zusammenspiel der Tiefe dreidimensionaler Landschaften mit der Flachheit zweidimensionaler Kulissen. Hier imitiert der Film seine Vorlage so authentisch, dass man immer wieder überrascht ist, wenn sich etwas bewegt, was doch gemalt und damit fixiert erscheint. Am faszinierendsten gelingt dies im Prolog, einer Plansequenz, bei der die Steadicam zunächst von links nach rechts das gesamte zum Leben erweckte Bruegel-Bild abfährt, dann sanft zurückgleitet, ehe ein Schnitt erfolgt, der das in ein Filmset verwandelte Gemälde aus einer Totalen in seiner Ganzheit zeigt. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Augen des Zuschauers noch nicht an die Kombination von Vordergrund, in dem die eigentlich Handlung spielt, und Hintergrund, in dem die Statisten sich ihrer Statik entledigen, gewöhnt – hier ruft die unkonventionelle Technik der Malerei-Verfilmung am meisten Staunen hervor.

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Die Bewegungen von Kamera und Figuren sind ein zentrales Element der Kinematografie – erst die Bewegung, die kontinuierliche Fortschreibung des Geschehens, macht eine narrative Entwicklung, ein Geschichten-Erzählen möglich. Die Malerei kann im Regelfall lediglich eine Situation abbilden, Geschichte durch Einfrieren festhalten. Diese Aufgabe übernahm freilich im 19. Jahrhundert zunehmend die Fotografie, welche wiederum vom Film abgelöst wurde – und dennoch hat das Kino die Malerei nicht verdrängt oder gar überflüssig gemacht. Die Mühle & das Kreuz  arbeitet ja gerade an der Schnittstelle dieser beiden Künste, wenn der Film die scheinbar veralteten Matte Paintings – gemalte Studio-Hintergründe, die natürliche Umgebungen mitunter täuschend echt abbilden – wiederbelebt.

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Dass bis heute Maler für das Set Design von Filmproduktionen engagiert werden, ist längst nicht die einzige Verbindung zwischen Malerei und Film. Der Brite Peter Greenaway integriert die Malkunst immer wieder in seine Filme (Der Kontrakt des Zeichners, The Draughtsman’s Contract, 1982; Rembrandt’s J’Accuse...!, 2008), andere Regisseure wie Lars von Trier (Melancholia, 2011; Breaking the Waves, 1996) oder Tarsem Singh (The Fall, 2006) schaffen Bilder, die als „malerisch“ beschrieben werden. Majewski spielt in Die Mühle & das Kreuz nun mit den erstaunlich fließenden Übergängen zwischen filmischen Aufnahmen und gemalten Hintergründen – Modellbauten und computergenerierte Bilder kommen noch dazu. Und doch bleibt es letztlich bei einer Einverleibung der Malerei durch den Film, wenn die übliche Form der Literatur-Adaption durch eine Malerei-Verfilmung ersetzt wird. Diese Idee der Vermischung unterschiedlicher künstlerischer Ausdrucksweisen steht im Vordergrund von Die Mühle & das Kreuz. So entfaltet der Film seinen Reiz fast ausschließlich als Konzeptkunst. Seine extreme Stilisierung verhindert nicht nur eine narrative Entwicklung, sondern auch die emotionale Einbindung des Zuschauers.

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Kommentare


Yrsa

Wie ein polnischer Filmregisseur versucht, sich dem Begriff der Ewigkeit zu nähern.

Außergewöhnlicher Film. Sehenswert.

Ewigkeit - das, was außerhalb dessen liegt, was nur Raum und Zeit erfassen kann, also der Verstand, im Gegensatz zum Geist.

Ewigkeit ist dort, wo alles Geschehen gleichzeitig abläuft.

Und in dem Film gibt es einen magischen Moment, in dem dies ...annähernd erfassbar wird.


Yrsa

P. S.
Der Dank gebührt aber nicht nur Lech Majewski, sondern ganz besonders auch Martin Gobbin, der in seiner hervorragenden Rezension unseren Blickwinkel auf die spirituelle Dimension des Films erweitert.

Das gilt auch dann, wenn er mit seinem Begriff "die Jesus-Sage" doch wieder eine Konzession an die beschränkte Sicht des an Raum und Zeit gebundenen Verstandes macht, dem es nicht möglich ist, das gewaltige Geschehen vor 2000 Jahren als den Moment zu erkennen, an dem sich das Ewige dem Endlichen nähert.






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