Die Möbius-Affäre

„The Artist“ Jean Dujardin als Orgasmus-Lieferant in einem Agentenfilm, der Hitchcock nacheifern möchte.

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Wie viel Action braucht ein Thriller? Man muss diese Frage stellen, nach all den testosteronlastigen Filmen der letzten Jahre, von der Kampfmaschine Jason Bourne bis zum Relaunch-Bond. Dabei gibt es eine lange Traditionslinie des Genres, die zeigt, dass es auch anders geht. Sie führt in die 1970er Jahre, zu Die drei Tage des Condor etwa (Three Days of the Condor, 1975) oder zum Watergate-Film Die Unbestechlichen (All the President’s Men, 1976). In beiden war Robert Redford der Star, dessen neuer Film The Company You Keep (2013) auf Action völlig verzichtet. Das hat vielleicht mit dem Alter der Hauptfigur zu tun, aber, so ist zu hoffen, nicht nur. Zeitgenössische Filme wie Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, 2011) oder Michael Clayton (2007) bemühen sich ebenfalls um Langsamkeit, vielleicht ist das sogar ein kleiner Gegentrend.

Die Möbius Affäre (Möbius) will sich in die Tradition dieser im guten Sinne altmodischen Filme stellen, ist damit aber nur teilweise erfolgreich. Es gibt in diesem Agententhriller in der Welt der Hochfinanz eine einzige Action-Szene. Sie spielt in einem Fahrstuhl (auch der altmodisch, einer von diesen Käfigen mit ratternder Schiebetür), und sie ist auf eine zurückhaltende, bescheidene Weise gut. Der Film will im Grunde gar kein Thriller sein, er wird nur als solcher vermarktet. Èric Rochant, ein französischer Regisseur, von dem vor allem sein Debüt Eine Welt ohne Mitleid (Un monde sans pitié, 1989) in Erinnerung geblieben ist, baut um seinen melancholischen Helden, einen von Jean Dujardin gespielten Agenten, subtil Spannung auf, webt einige Versatzstücke aus Bankenkrise und Kapitalismuskritik ein, erzählt aber letztlich eine Liebesgeschichte. Das enttäuscht einige Erwartungen thematischer und dramaturgischer Natur (in einem Werbetext werden „schöne Frauen, echte Kerle, exotische Kulissen und charismatische Bösewichte“ versprochen. Das stimmt schon alles, lockt aber trotzdem auf die falsche Fährte). Rochant sorgt damit aber auch für Überraschungen.

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Die größte ist der Hauptdarsteller. Jean Dujardin, der unverschämt gut aussehende Franzose, gewann als tragikomischer Stummfilmstar in The Artist im vergangenen Jahr einen Oscar. Als trotteliger Geheimagent und James-Bond-Parodie wurde er bekannt (OSS 117 – Der Spion, der sich liebte, 2006). In beiden Rollen lief er als Charmeur mit Breitwandgrinsen über die Leinwand, eine mimische Persiflage auf die gute Laune. Ganz anders in Die Möbius Affäre. Dujardin lächelt noch nicht einmal, er ist die ganze Zeit missmutig, beschimpft seine Mitarbeiter als unfähig und starrt in die Welt, als ginge nie wieder die Sonne auf. Das macht er wirklich gut, seine Melancholie trägt den ganzen Film. Dujardins Spion Grégory ermittelt in Monaco („exotische Kulissen“) gegen einen russischen Oligarchen (Tim Roth, einer der „charismatischen Bösewichte“). Cécile de France (hier haben wir nun auch eine der versprochenen „schönen Frauen“) als Finanzexpertin Alice wird angeworben und undercover auf den Russen angesetzt.

Das Verwirrspiel um Beschattung und Betrug funktioniert eine Weile als Geschichte sehr gut, verliert sich dann aber in zu langen Liebesszenen. Regisseur Rochant beruft sich ausdrücklich auf Hitchcocks Berüchtigt (Notorious, 1946), ebenfalls ein Agententhriller, der eigentlich eine Liebesgeschichte ist. Aber Hitchcock wusste die Zügel der Spannung stets straff zu halten, all zu viel Liebe hätte er ohnehin nicht zeigen können, schließlich gab es noch den Hollywood-Moralkodex.

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Die Möbius Affäre macht dagegen große Schritte in Richtung Erotik-Groschenroman, nimmt sich ausführlich Zeit für Küsse in Großaufnahme, und zeigt in den Bettszenen reges Interesse für die multiplen Orgasmen, die Cécile de France mit lustvollem Seufzen darbietet. Man hat dann zwischendrin den Eindruck, eigentlich gehe es vor allem um die immensen Liebhaber-Fähigkeiten von Dujardins traurigem Agenten. Und das ist dann für einen Thriller, der eine Liebesgeschichte sein will, doch zu wenig.

Trailer zu „Die Möbius-Affäre“


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