Die Lincoln Verschwörung

Der Regisseur als Geschichtslehrer: Robert Redford bringt uns in seinem Gerichtsdrama die Parallelen zwischen den Anschlägen des 11. September und dem Attentat auf Abraham Lincoln bei. Da schaut sogar Washingtons Staub sauber aus.

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Würde Mary Surratt (Robin Wright) heute leben, säße sie laut Redford in Guantánamo. Die erste Frau, die 1865 wegen ihrer vermeintlichen Mitverschwörung am Lincoln-Attentat durch eine amerikanische Bundesbehörde hingerichtet wurde, würde vermutlich auf einen der umstrittenen Militärprozesse warten, deren Wiederaufnahme US-Präsident Barack Obama in diesem Frühjahr zustimmte, nachdem er vor seiner Wahl eine Schließung des Gefangenenlagers versprochen hatte, zwischenzeitlich die Verfahren stoppte und sich dafür einsetzte, einige Häftlinge in den USA vor zivile Gerichte zu stellen. Nun soll Guantánamo angeblich bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen im November 2012 geschlossen werden. Obamas Umschwünge konnte Redford in seinen Film nicht mehr einbauen, deshalb trifft es hier noch den Vorgänger Bush und seinen Umgang mit der Verfassung nach 9/11.

„In times of war, the law falls silent”, heißt es in einer Szene von Die Lincoln Verschwörung (The Conspirator). Also wird Mary Surratt nicht vor einem Zivilgericht, sondern vor einem Militärtribunal mit deutlich weniger Rechten ein juristisch fragwürdiger Schauprozess für die aufgebrachten Nordstaatler gemacht, bei dem der Kriegsminister Edwin Stanton (Kevin Kline) als Dick-Cheney-Double im Hintergrund die Strippen zieht. Im Grunde interessiert sich Redford aber nicht für die verschlossene Surratt als Mensch, auch nicht für ihre Schuld oder Unschuld, sie dient ihm vielmehr als Stellvertreterin und Aufsagerin seiner Thesen und Botschaften, so wie es bereits den Figuren in seinem letzten War-on-Terror-Seminar Von Löwen und Lämmern (Lions for Lambs, 2007) erging. Mary muss als Sündenbock für ihren Sohn John (Johnny Simmons) den Kopf hinhalten, der zusammen mit Lincolns Mörder John Wilkes Booth (Toby Kebbell) und weiteren Südstaatensympathisanten in Surratts Pension in Washington, D.C. das Attentat plante und nach dessen Ausführung im Ford-Theater als einziger fliehen konnte.

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Redford beklagt als idealistisch-nostalgischer Regisseur und Produzent gerne eine verlorene persönliche Unschuld, die gleichzeitig für die nationale steht, oder erinnert auch mal mit erhobenem Zeigefinger an vergessene Werte und vergangene Lebensstile. Sein Lieblingsthema sind Männer in der moralischen Zwickmühle wie der schummelnde Protagonist in seinem gelungensten Film Quiz Show – Der Skandal (Quiz Show, 1994), der um die Anerkennung des Vaters ringt. Seine Frauenfiguren fallen dagegen eher dekorativ oder eindimensional aus, sodass sie wie die unterkühlte Mutter im Trauerdrama Eine ganz normale Familie (Ordinary People, 1980) an der Karikatur grenzen.

Auch in Die Lincoln Verschwörung richtet er den Fokus von der Eröffnungsszene an wieder auf einen Mann, der stellvertretend für das Volk und als Identifikationsfigur des Zuschauers in einen Gewissenskonflikt gerät und im Handlungsverlauf eine Lektion fürs Leben lernt. Von James McAvoy einnehmend und introvertiert dargestellt, etabliert der Regisseur den jungen Anwalt Frederick Aiken als selbstlosen (Kriegs-)Helden, der als Nordstaatler Surratts Verteidigung zwar zunächst nur widerwillig übernimmt, aber nie ernsthaft daran zweifeln lässt, dass er sich für das moralisch Richtige entscheiden wird. Im Gegensatz zu Quiz Show gelingt es Redfords neuestem Lehrstück nicht, ein nationales Drama mit einem vielschichtigen persönlichen zu verknüpfen. Obwohl Autor James D. Solomon 18 Jahre an seinem Drehbuch gefeilt haben soll, fehlen der Inszenierung ambivalente Figuren und eine spannungsreiche Dramaturgie. Das ausgiebig Gefeilte zeigt sich dafür allzu deutlich in den hölzernen und bedeutungsschweren Dialogen, die mehr Aufsätze und Monologe als Gespräche sind.

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Die Lincoln Verschwörung ist das Debütprojekt der 2008 gegründeten Produktionsfirma „The American Film Company“, deren Ziel es ist, Episoden der US-Geschichte möglichst faktentreu zu verfilmen. Bei allem Bemühen um eine historisch belegte Handlung und Ausstattung, mangelt es dem konventionellen und langatmigen Gerichtsdrama, in dem Rückblenden zur Veranschaulichung dienen, aber an Lebendigkeit und Leidenschaft. Redfords Umsetzung wirkt so edel und ehrfürchtig, dass sie in ihrer wohlmeinenden Steifheit fast zur Historienfilmparodie wird. Washingtons eigentlich kriegsversehrte Straßen sind hier erstaunlich ordentlich und poliert, und die weiche Beleuchtung lässt alles so schön verklärt aussehen wie in Aus der Mitte entspringt ein Fluss (A River Runs Through It, 1992) und Die Legende von Bagger Vance (The Legend of Bagger Vance, 2000). 

Der Film bemüht sich unmissverständlich darum, ein historisches Geschehen mit aktuellen Bezügen zu schildern, entstaubt die Historie aber nicht durch eine aktuelle Sichtweise. Die Lincoln Verschwörung möchte erzählen, wie persönliche Menschenrechte zugunsten der nationalen Sicherheit mit Füßen getreten werden, kreiert aber keine Personen, deren Kampf um Gerechtigkeit einen als Zuschauer in den Bann schlägt.

Trailer zu „Die Lincoln Verschwörung“


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