Die Liebe in mir
Wie lebt ein Angehöriger der Opfer fast sechs Jahre nach dem 11. September 2001? Wie schwierig es für einen ehemaligen Zahnarzt und Familienvater ist, aus dem seelischen Loch wieder aufzutauchen, davon erzählt Regisseur Mike Binder auf ungeschönte Weise.

Ein Mann fährt Roller. Nein, keine Vespa wie Nanni Moretti in Liebes Tagebuch (Caro Diario, 1993). Es ist ein Roller zum Stehen, mit ganz kleinen Rädern, wie ein Tretroller aus Kindertagen, aber mit Motor. Der Fahrer trägt keinen Helm, nur Kopfhörer. Er fährt durch New York, durch enge Häuserschluchten und über breite Avenues. Bei Tag und vor allem bei Nacht. Er schwingt hin und her, scheint manchmal zu schweben. Aber er wirkt auch gefährdet, verloren, ganz für sich, wie in einer anderen Welt. Die Szenen mit dem Roller brauchen den Vergleich mit Liebes Tagebuch nicht zu scheuen. Sie vermitteln eine andere Stimmung, prägen sich aber ähnlich stark ein.

Charlie Fineman (Adam Sandler) heißt der Mann mit dem Roller. Er hat seine Frau und seine drei Töchter am 11. September 2001 verloren. Sie saßen in einem der beiden Flugzeuge, die die Zwillingstürme zum Einsturz brachten. Ein weiterer Film also zu 9/11. Aber keiner, der sich mit dem Ereignis an sich und den direkten Opfern beschäftigt, wie World Trade Center (2006) von Oliver Stone oder Flug 93 (Flight 93, 2006) von Paul Greengrass. Dort wurde das unmittelbare Geschehen aufgearbeitet, hier geht es um die indirekten Opfer, die Angehörigen, die noch immer traumatisiert sind.
Regisseur Mike Binder hat Erfahrung mit Filmfiguren in der Krise. An Deiner Schulter (The Upside of Anger, 2005) zeigt eine Frau, die sich gehen lässt: ungeschminkt, angeekelt, immer ein Glas Whisky in der Hand. Fast den ganzen Film über pendelt (hier) eine vermeintlich verlassene Mittelstandsgattin zwischen Selbstmitleid, Wutausbrüchen und Lethargie. Binder gibt der Figur Raum, so ziemlich alle Facetten von Unvernunft und Eigensinn auszuspielen.

Charlie Fineman hat etwas gemeinsam mit jener Terry Wolfmeyer aus An deiner Schulter. Sein Leben ist aus den Fugen, er hat sich aufgegeben, verbringt die Tage mit Computerspielen und sinnlosen Küchen-Renovierungen. Er lässt niemanden an sich heran, reagiert mit grandiosen Wutausbrüchen und vermutet hinter allen Hilfsangeboten neue Demütigungen.
Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Charlie und Terry: Charlie hat einen triftigeren Grund, so neben der Spur zu sein. Das begreift auch Alan Johnson (Don Cheadle), Charlies ehemaliger Zimmergenosse und Freund vom College. Alan hatte Charlie seit Jahren aus den Augen verloren. Als er von dem tragischen Verlust erfuhr, versuchte er vergeblich, die Adresse des Freundes herauszufinden. Durch Zufall trifft er den Mann auf dem Roller nun auf der Straße. Der erkennt ihn zuerst überhaupt nicht. Aber: Alan ist einer der wenigen, die Charlie helfen können. Denn die gemeinsame Zeit der Freunde endete lange vor dem 11. September und Alan hat Charlies Familie nie kennengelernt. Solange Alan nicht an das Trauma rührt, kann er der erste sein, zu dem Charlie seit dem Verlust Vertrauen fasst. Alan merkt sehr schnell: Einfach wird das nicht.

Seine stärksten Momente hat der Film da, wo er Charlies Trauma in aller Deutlichkeit zeigt: Wie er sich verschließt, mit seinen Kopfhörern die Welt aussperrt. Wie er zaghaft Vertrauen fasst und im nächsten Moment alles kurz und klein schlägt. Wie er die Gesichtsmuskeln entspannt und in der nächsten Szene doch wieder die Panik in den Augen hat. Wie er sich zu einer Therapie überreden lässt und die Sitzungen nach zwei Minuten beendet. Da ist nichts beschönigt, da wird mit psychologischem Realismus ausgebreitet, wie langwierig ein solcher Trauerprozess ist, welche Rückschläge zu verkraften sind. Binder zeigt das in ergreifenden Szenen, bei denen die Kamera in langen Großaufnahmen jede Gesichtsregung beobachtet.

Weil die Trauma-Bewältigung allein womöglich an den Bedürfnissen eines großen Publikums vorbeigehen würde, reichert Binder die Beziehung zwischen Alan und Charlie mit ein paar Nebenfiguren an, die für Unterhaltung, Entspannung und ein paar Witze über Therapeuten und Verrückte herhalten. Unbedingt nötig wäre das nicht. Auch die Freundschaft zwischen Alan und Charlie, die dem Kind im Manne Feuer geben, enthält komische Momente.
Mit den kleinen nächtlichen Fluchten von Alan und Charlie gelingt Binder etwas, was selten ist im Hollywoodkino: eine Männerfreundschaft, die nicht nur aus wortlosem Einverständnis besteht. Sondern auch aus einem ungeschützten, intimen Sich-Aussprechen. Und wenn die beiden dann noch zu zweit auf dem kleinen Roller daherdüsen, ist die Welt vorübergehend wieder in Ordnung.
Filmkritik von Peter Gutting
Veröffentlicht am 19.07.2007
Kommentare zu Die Liebe in mir
Mario 25.08.2007 01:45
Bester Kinofilm seit Jahren.
Eddie 04.09.2007 18:56
Ganz großes Kino!!!
Das allerbeste was in letzter Zeit zu sehen war. Unbedingt anschauen und DVD kaufen!!!
Arnold 04.09.2007 23:24
Sandler & Cheadle spielen großartig.
Oscar-Nominierung als bestes männliches Freundespaar.
dani 12.10.2007 19:35
hi leute der film war der hamma schade das es kein 2teiler von geben wir also die denn film noch nicht gesehen habe die sollen sich denn rein siehen
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Die Liebe in mir
Originaltitel: Reign over me
USA 2007
Laufzeit: 125 Minuten
Regie: Mike Binder
Drehbuch: Mike Binder
Produktion: Jack Binder, Michael Rotenberg
Darsteller: Adam Sandler, Don Cheadle, Jada Pinkett Smith, Liv Tyler, Saffron Burrows, Donald Sutherland
Kinostart: 16.08.2007
DVD-Angaben
Titel: Die Liebe in mir
Vertrieb: Sony Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Jam Session mit Adam Sandler & Don Cheadle; Walter Binder über die Geschichte des Films; Bildergalerie (Video); Trailer
Verleih ab: 20.12.2007
Verkauf ab: 24.01.2008
Copyright Die Liebe in mir
Fotos: © Sony Pictures
BERLINALE 2012

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