Die letzte Mätresse

In Catherine Breillats Kostümdrama vergewaltigt die „Kreatur“ Asia Argento ihren Liebhaber neben dem Scheiterhaufen ihrer Tochter.

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Der Teufel ist eine Frau und raucht Zigarre. Diese Frau legt Wert darauf, der Teufel und keine Teufelin zu sein, da sie „alles Weibliche verabscheut – außer natürlich bei jungen Männern“. Während eines Kostümfestes sitzt die als Teufel verkleidete Frau neben solch einem weiblichen jungen Mann, den sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch verabscheut, nachdem er sie bei ihrer ersten Begegnung als „hässliches Kind“ bezeichnete – woraufhin sie schmollend an ihrer Eistüte leckte. Der beleidigte Teufel ist die Bastardtochter einer italienischen Prinzessin und eines spanisches Toreros, an ihrer Stirn sind Haarsträhnen in Form eines Hinterteils drapiert, und sie erklärt dem frechen Mädchen-Mann mit den sinnlichen Schlauchbootlippen, Spanierinnen könnten „besser hassen als lieben“.

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Offensichtlich angelehnt an die von Marlene Dietrich verkörperte spanische Femme fatale in Josef von Sternbergs Der Teufel ist eine Frau (The Devil Is a Woman, 1935) spielt die für ihre Freizügigkeit und Unerschrockenheit bekannte Italienerin Asia Argento die Titelfigur in Catherine Breillats Kostümdrama Die letzte Mätresse (Une vieille maîtresse, 2007), das wörtlich übersetzt eigentlich „Eine alte Mätresse“ heißen müsste und auf dem gleichnamigen Roman von Barbey d’Aurevilly basiert. Im Vergleich mit der coolen Zigarrenraucherin Marlene wirkt Asia in der Rolle der Vellini allerdings eher wie eine launische Rotzgöre denn wie ein verführerisches Mannsweib, obwohl sie in der zehnjährigen Beziehung zu dem von ihr zunächst verabscheuten und dann begehrten, gehassten und geliebten Ryno de Marigny (Fu’ad Aït Aattou) zumindest auf physischer Ebene den maskulinen Part besetzt.

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Breillat ist dafür bekannt, in ihren Filmen mit geschlechtsspezifischen Rollenmustern zu brechen, was ihr vielleicht noch mehr den Ruf einer Provokateurin und Skandalregisseurin eingebracht hat als manche expliziten Sexszenen, die in der Vergangenheit von einigen Kritikern als pornografisch betitelt wurden. Der Sex in Romance (1999) oder Meine Schwester (À ma soeur!, 2001) zielt jedoch nicht auf die Erregung des Zuschauers ab, sondern offenbart vor allem das Machtgefüge zwischen den Geschlechtern und das oftmals (ab-)gespaltene Verhältnis der Figuren zu ihrem eigenen Körper oder dem ihres Partners. Besonders den Frauen kann er als Mittel zur Selbsterkundung und Selbstbehauptung dienen. Auch in Die letzte Mätresse wirkt Breillats Inszenierung des Geschlechtsaktes kaum erotisch, vielmehr spiegelt er die zwanghafte Beziehung zwischen Vellini und Ryno wieder, sodass ihr Zusammensein weniger leidenschaftlich als grotesk und zunehmend verzweifelt erscheint: In einer frühen Szene liegt Vellinis Kopf zwischen dem ihres Liebhabers und dem eines toten Tigers, der zum Teppich gehört, auf dem sich die beiden lieben. Zum Ende des Films befindet sich Rynos Gesicht die meiste Zeit gar nicht mehr im Bild. An dessen Stelle tritt eines seiner Beine, an das sich seine Geliebte krampfhaft festklammert.

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Breillat verortet ihr Liebesdrama mit einer Einblende ins „Jahrhundert von Choderlos de Laclos“, meint damit aber wohl das geistige Zeitalter und nicht das tatsächliche, denn der Verfasser des gesellschaftskritischen Briefromans Gefährliche Liebschaften (Les Liaisons dangereuses, 1782), der von Stephen Frears verfilmt wurde, lebte im 18. Jahrhundert, während Breillats Film im 19. spielt. Die Assoziation mit Gefährliche Liebschaften (Dangerous Liaisons, 1988) schürt beim Zuschauer allerdings Erwartungen, die nur oberflächlich eingelöst werden. Die letzte Mätresse ist makellos ausgestattet und elegant ausgeleuchtet, doch weder die Schauspieler noch die von der Regisseurin verfassten Dialoge besitzen die Tiefe und die Raffinesse von Frears’ Ensemble und Inszenierung. Es wird viel von verhängnisvoller Begierde geredet – hauptsächlich von Ryno de Marigny im Voice-over –, aber die Darsteller können diese genauso wenig glaubwürdig vermitteln wie die Regisseurin. Wie mit den meisten ihrer früheren Werke hat Breillat auch diesmal vorrangig einen Thesenfilm inszeniert, der seine Ideen vom Wesen von Mann und Frau zwar etwas subtiler ausbreitet als mancher Vorgänger, mit seinen langen, ruhigen, überwiegend mit statischer Kamera gedrehten Einstellungen aber allzu gemächlich und steif für die Geschichte einer Amour fou wirkt. Lediglich bei den Außenaufnahmen sorgen dominante Naturgeräusche – Vogelzwitschern, Wind- und Meeresrauschen – für mehr Lebendigkeit.

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Erneut experimentiert die Regisseurin mit tradierten stereotypen Vorstellungen von Frauen in der Gesellschaft und Filmgeschichte: Die schamlose Hure Vellini tritt in Konkurrenz mit der verklemmten Jungfrau Hermangarde (Roxane Mesquida aus Meine Schwester), die der mittellose Kleinadlige Ryno angeblich aus Liebe, aber nicht ohne finanziellen Hintergedanken heiraten will. In einer Szenenfolge schneidet Breillat vom zügellosen Sex mit der Mätresse zur sittsam stickenden zukünftigen Haus- und Ehefrau. Auch rein äußerlich könnten Argento und Mesquida kaum gegensätzlicher sein: Erstere dunkelhaarig, mit einem androgynen Gesicht und weiblichen Körper; Letztere blond, zierlich und puppengesichtig. Während Argento mit ihrem exaltierten Auftreten an der Femme-fatale-Karikatur vorbeischrammt, bleibt Mesquidas Darstellung dagegen allzu maskenhaft. Was zunächst wie eindimensionales Schubladendenken aussieht, wird im Handlungsverlauf jedoch durch widersprüchliche und komplexere Attribute und Verhaltensweisen der Figuren erweitert: Die auf den ersten Blick stark, selbstbewusst und frei erscheinende Vellini schläft nicht nur mit einem Mann, den sie, wie sie anschließend feststellt, „verachtet“, sondern verabscheut mit allem Weiblichen schließlich auch sich selbst.

Am Ende wirft Vellini ihre Zigarre, das (klischeehafte) Symbol einer vielleicht schützenden Männlichkeit, ins Feuer – der Teufel emanzipiert sich zur Teufelin?

Trailer zu „Die letzte Mätresse“


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