Die Lage

Erfurt im Ausnahmezustand. Der Papst kommt. 

Die Lage 1

Am Anfang ist alles noch ganz ruhig. Eine Totale präsentiert die weiten Felder und Hügel einer idyllischen Landschaft in Thüringen. Wenig später ist dasselbe Gelände zugestellt mit Zelten, Absperrgittern und Dixie-Klos. Erfurt bereitet sich auf hohen Besuch vor. Auch auf dem Flughafen wird die Ankunft des Papstes penibel genau geplant. Polizisten marschieren im Gleichschritt auf und salutieren dem unsichtbaren Gegenüber. Die Ministerpräsidentin lässt sich einweisen, wie man dem Kirchenoberhaupt angemessen die Hand schüttelt.

In seinem neuen Dokumentarfilm, Die Lage, zeigt Thomas Heise, wie in die Routine einer Stadt eingegriffen wird. Alles, was sonst irgendwie seinen Lauf nimmt, wird plötzlich in enge Bahnen geleitet, der Zufall auf ein Minimum reduziert. Nach Das Haus (1984) und Volkspolizei (1985) ist Die Lage Heises dritter Dokumentarfilm zum deutschen Alltag. Der Papst selbst spielt darin eine sehr untergeordnete Rolle. Mal fährt das Papamobil durchs Bild, dann sieht man den Ehrengast, wie er einer Rede lauscht.

Die eigentliche Aufmerksamkeit gilt jenen Leuten, die sonst nicht im Rampenlicht stehen. Die damalige Fernsehübertragung des Papstbesuchs sollte ein einheitliches „Weltbild“ produzieren. Heise hat es sich dagegen zur Aufgabe gemacht, nach alternativen Bildern zu suchen. Da das Team keinen direkten Zugang zu den Vorbereitungen hatte, bleibt es stets bei einem Blick von außen. Aus großer Entfernung rückt die Kamera untätig herumstehende Polizisten, sich geschäftig gebärende Journalisten oder einfache Arbeiter in den Mittelpunkt. Der Erkenntnisgewinn dabei bleibt gering.

Die Lage 2

Thomas Heise zählt zweifellos zu den spannendsten Regisseuren der Republik und hat mit seinen letzten Arbeiten durchweg ein glückliches Händchen bewiesen. Mit Kinder. Wie die Zeit vergeht (2008) und dem Kompilationsfilm Material (2009) widmete er sich ostdeutschen Lebensrealitäten, in seinem letzten Film Sonnensystem (2011) archivierte er die aussterbende Kultur einer indigenen Gemeinde. Heise hat einen genauen Blick für gesellschaftliche Umwälzungen, aber auch für Stimmungen jenseits des Bildes als eines reinen Informationsträgers. Gerade Letzteres ist im Dokumentarfilm eher selten.

Diesmal gelingt es Heise dagegen nicht, interessante Aspekte seines Themas herauszuarbeiten. Die Lage wirkt erschreckend banal und gibt sich schnell mit der Erkenntnis zufrieden, dass ein Papstbesuch eben genau vorbereitet sein muss. Lediglich an wenigen Stellen schimmert kurz durch, dass aus dem Film vielleicht mehr hätte werden können. In einer Szene ist etwa ein faszinierend leeres Ritual zu beobachten: Eine Autokolonne fährt in der Abenddämmerung immer wieder ihre Proberunden.

Abgesehen von einigen solcher Einzelbeobachtungen wirkt Die Lage in seinem Inneren aber erstaunlich hohl. Hinter dem Kunstwillen der schwarzweißen Bilder scheint sich nichts Relevantes zu verbergen. Man kann Heise nur wünschen, dass er mit seinem nächsten Projekt wieder zu alter Stärke zurückfindet. 

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