Die Kommune

Thomas Vinterberg porträtiert die Liebe inmitten einer alternativen Wohngemeinschaft. Und spielt Idealismus gegen Gefühl aus.

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Was sind das bloß für Hippies, die sich jeden Morgen mit dem Taxi zur Arbeit chauffieren lassen? Bereits die ersten Szenen der Kommune zerteilen Anspruch und Wirklichkeit: Erik (Ulrich Thomsen) und Anna (Trine Dyrholm) ziehen mit ihrer Tochter (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) in die geräumige Villa von Eriks verstorbenen Eltern. Dem geselligen Paar ist sein Leben in der beschaulichen Kopenhagener Vorstadt jedoch rasch peinlich ereignislos: Daher beschließen sie, sich Mitbewohner ins Haus zu holen und nach 15 Jahren Ehe eine WG zu gründen. Thomas Vinterbergs Film beginnt spritzig, ein gemeinschaftlicher und zunächst ungemein komischer Aufbruch weht durch die Szenen der ersten WG-Castings. Der Traum vom gemeinschaftlichen, abseits vertraglicher Bindungen geteilten Leben legt sich wie eine frivole Urszene über die Bilder. Doch das, was sein soll, entspricht nicht unbedingt dem, was ist.

Filmische Sozialforschung

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Nein, Aussteigerklischees und Exzesse müssen wir woanders suchen. Die Kommune zeigt vielmehr eine gesellschaftliche Elite, die sich vor der Langeweile des Immergleichen so sehr fürchtet, dass zwischenmenschliche Experimente schon fast zum guten Ton der bourgeoisen Selbstdarstellung gehören. Die experimentelle Sozialforschung hat im dänischen Kino spätestens seit Lars von Triers Idioten (1995) Tradition. Und auch in der Kommune verbindet diese Menschen am ehesten, dass sie einfach nicht allein sein können, stattdessen lieber ausprobieren, was sie mit anderen Menschen alles so anstellen können. Gleichwohl: Eine Sorge um Zugehörigkeit durchzieht das beginnende Zusammenleben, trotz oder vielleicht gerade ob der entstehenden neuen Wärme. Alle scheinen auf der Suche nach einem gemeinschaftlichen Glühen, das die sachlichen Ansprüche der Außenwelt – Erik ist Architekt, Anna ist Nachrichtensprecherin – abschirmt. Diese Trennung von Öffentlichem und Privatem, ist sie nicht so etwas wie das Rückgrat der bürgerlichen Identität? Die Kommune macht deutlich, wie dieses Selbstverständnis trotz aller linken Chics im Grunde unhinterfragt bestehen bleibt. Und auch die Solidarität unter den Kommunarden beschränkt sich meist auf reine Konfliktvermeidung. Alles ist gut, solange die Bierkasse gefüllt ist. Insofern wird Vinterbergs Film langsam auch zu einem kollektiven Porträt, der Darstellung einer relativ sorglosen Generation. Doch dann kommt alles anders als geplant.

Emotionale Urinstinkte

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Es gibt ein Zitat von Lars von Trier, versteckt im Making-of von Idioten: „Ich habe eins gelernt. Am Ende siegen die Gefühle. Immer.“ Auch Die Kommune entwickelt sich entlang dieses Credos: Erik verliebt sich in eine andere Frau, will sich trennen, und schon bricht das Unglück über das idealistische Kollektiv hinein. Kann eine Gemeinschaft dieser amourösen Zeitenwende begegnen? Das ist die Frage, die der Film stellt. Und auch beantwortet: Zu krass sind die verletzenden Impulse und der Verlust der Liebe, der intimen Bindung zu einem anderen Menschen, um durch irgendein Gruppengefühl aufgefangen zu werden, mag es auch noch so stark sein. Emotionaler Egoismus als unverschuldeter Urinstinkt des Menschen. Besonders Anna durchlebt eine innerliche Zerreißprobe. Trine Dyrholm verkörpert diese überzeugend: Das Netz der Affekte legt sich auf ihr Gesicht, immer zwischen Distanz und Nähe zu Erik, dabei stets liebend, lieben wollend. Ihr eiserner Wille scheitert letztlich am Lauf der Dinge, der aus Annas Perspektive – und ihr folgt der Film ab spätestens der Hälfte –  schlicht ungerecht ist.

Plädoyer fürs Loslassen

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Wenn Liebesbeziehungen nach langer Zeit enden, umgibt sie oft eine seltsame Beliebigkeit, ein So-Sein der Dinge, das die Leere nicht auffüllt, sondern eher verteilt, auf die kommenden Veränderungen. Die Kommune ist ein Plädoyer fürs Loslassen, fürs Gut-sein-Lassen. Und letztlich auch eine Kritik an jenen Männern, für die der easy way out immer nur einen Schritt entfernt ist: Erik sucht sich eine Jüngere, Erik will mit diesen „Frauengeschichten“ nichts zu tun haben, Erik arbeitet. Seine Suche nach Gemeinschaft erweist sich letztlich als bloßer Opportunismus. Als Besitzer des Hauses spielt er seine Trümpfe aus und beweist, dass seine Menschenliebe vor allem Selbstliebe ist. Dass der erzählerische Schwerpunkt von ihm immer mehr auf Anna verlagert wird, lässt ihrem Handeln ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren. Und immer mehr verfestigt sich ein Verdacht: Vinterbergs Film kreist am Ende um eine recht klassische Liebesgeschichte. Aber intensive Charakterzeichnungen, größtenteils mit der Handkamera eingefangene Bilder und der immer leicht schwebende Schnitt bewahren den Film letztlich vor jeder dramatischen Vorhersehbarkeit.

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