Die Klasse von 1984

Ein nicht so schöner Film in einer mehr als schönen Aufmachung.

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Eine persönliche Erinnerung: Herbst 1982. Die Boulevardpresse hat zwei Themen: Den Tod von Grace Kelly und die Premiere des schon vorab unrühmlich-berühmten amerikanischen Films Die Klasse von 1984 (Class of 1984). Welch seltsame Kombination. Von der verstorbenen Monegassin kursieren diverse Bilder, entscheidend sind die Schlagzeilen und der Text. Genese einer Tragödie. Der Film hingegen baut ganz auf seine Visualität, punktet einzig mit seinem ikonografischen Kinoposter. Das sieht aus, als hätte es Punks in eine Science-Fiction-Zukunft verschlagen. Sie sind bewaffnet wie Skinheads – und auch wenn das Poster reichlich von der Ästhetik des Films abweicht, gibt es damit ein Faszinosum von Die Klasse von 1984 wieder: Die Punkkultur wird problemlos mit jener der Neonazis verschränkt. Ein „Klassenmitglied“ schmückt sich mit Hakenkreuz und Clash-T-Shirt. Was zu Beginn der Punkkultur als Provokation eingesetzt wurde, scheint hier affirmativ aufzugehen. Auch das Futuristische des Posters kommt nicht von ungefähr. Gleich zu Beginn des Films – Musiklehrer Andy Norris (Perry King) tritt seinen Dienst beim neuen Arbeitgeber, der Abraham Lincoln High School (!) an – tönt Alice Cooper im Titelsong „We are the future“. Eine Aussage, die Stegman (Timothy van Patten), Anführer der Sub-Klasse, gerne zitiert. Tatsächlich wagt sich der Film zwei Jahre in die Zukunft, und Regisseur Mark L. Lester betont gerne den prophetischen Charakter seines Werks.

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Ein Verdienst der neuen DVD von CMV Laservision ist das Bonusmaterial, in dem immer wieder Lester zu Wort kommt. Er versteht seinen bis heute populärsten und eigenen Lieblingsfilm als Hommage an Richard Brooks’ Saat der Gewalt (Blackboard Jungle, 1955). Überhaupt sieht Lester sich als politischen Menschen, verweist auf das eigene Studium, den Quereinstieg ins Filmgeschäft und seinen ständigen Drang, „politische, gesellschaftlich relevante Filme mit einer Aussage“ zu drehen. Beachtlich für einen Regisseur, dessen erfolgreichster Film das zynische Schwarzenegger-Vehikel Das Phantom Kommando (Commando, 1985) ist und dessen letzter halbwegs bekannter Film Showdown in Little Tokyo (1991) das vorzeitige Ende der kurzen Kinokarriere von Dolph Lundgren eingeläutet hat. Bekannt ist der Film einzig für seine Eingangssequenz, in der japanische Geschäftsleute Sushi oder Ähnliches von nackten Frauenkörpern essen.

Auch wenn man der Hysterie um Die Klasse von 1984 also nicht mit Prophetie und Gesellschaftskritik beikommt, so liegt in Lesters Regiestil doch etwas, das dem Film bis heute geholfen hat. Seine Affinität zum Camp, zum Billigen und Trashigen, ist in Die Klasse von 1984 kombiniert mit einer Rohheit, Direktheit und Düsternis, die dem Film eine Atmosphäre einschreibt, welche dem selbstreflexiven augenzwinkernden Post-Tarantino-Kino der Scream- und Torture-Ära völlig abgeht.

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Lester hat seinen Genre-Beitrag als Vigilante-Film angelegt. In diesem Fall sind es Schüler, Kinder, die eine pädagogische Sonderbetreuung und über-juristizielle Zurechtweisung brauchen. Die sie allerdings mit dem Leben oder zumindest eigenen Gliedmaßen bezahlen müssen. Vermutlich brennt hier die Flamme, an der sich die moralische Empörung seinerzeit entzündete. Dabei gab es bis in die 2000er Jahre viele glatte Mainstream-Variationen dieses Schüler-Horrorszenarios.

Lester baut auf eine äußerst konventionelle Dramaturgie, die Stationen der Eskalation sind stereotyp: Nach Drohgebärden kommt Kunstblut ins Spiel, schließlich werden materielle Dinge in Mitleidenschaft gezogen, bald sind es Tiere. Norris verliert einen befreundeten Kollegen (Roddy McDowall), und als seine eigene, schwangere Frau (David Fincher, selbst ein Freund dramaturgischer Zuspitzungen, kennt nicht nur die Coens, sondern auch Lester sehr gut) zum Vergewaltigungsopfer wird, muss er endgültig Hand anlegen.

Teil des dramaturgischen Konzeptes ist auch ein lange antizipiertes Konzert. Es muss allerdings ohne Norris stattfinden, der gerade mit reichlich Rächen beschäftigt ist, und das – auch hier kennt der Film seine Vorbilder –, obwohl er doch ein so liberaler Mensch ist.

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Tatsächlich ist es jener finale Racheakt des Lehrers, der Die Klasse von 1984 von anderen Genrebeiträgen abhebt. Trotz aller vorherigen Bemühungen, seine Taten nachvollziehbar zu gestalten, entwickelt der Protagonist hier so etwas wie den genreimmanenten Sadismus. Und obwohl die einzelnen Mordwerkzeuge fast so liebevoll wie bei Tarantino drapiert sind, bleibt Lester seinem schlampigen und dreckigen Stil treu. Die Klasse von 1984 ist in seinen besten Momenten pure Exploitation, reinstes B-Picture. Norris arbeitet seine Opfer in einer Eile ab, die jedem Mainstreamfilm zu schade wäre.

Man stelle sich vor, wie Im Jahr des Drachen (Year of the Dragon, 1985 dann unter der Regie von Michael Cimino realisiert) von Lester inszeniert ausgesehen hätte. Die Pläne gab es, wie wir in der großartigen Fernsehshow La Vie en Rose als Teil des Bonusmaterials erfahren.

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Aber nicht nur für Lester lief es anders als erhofft. Roddy McDowall, Kinderstar unter anderem im Hunde-Klassiker Heimweh (Lassie come home, 1943), auf dem nicht nur eine Form der Collie-Verehrung, sondern auch die Karriere der späteren Diva Elizabeth Taylor, einer engen Vertrauten McDowalls, basiert, hatte bereits mit dem Planet der Affen den Weg von der großen Leinwand (1968–1973) in die Flimmerkiste (1974) vollzogen. Die Klasse von 1984 bedeutete für ihn eine kurze Rückkehr zum Kino. Auch für Perry King, später bekannt durch Trio mit vier Fäusten (Riptide 1984–1986), war der Film ein Abschied vom Kino. Sein Gegenspieler im Film, Timothy Van Patten, wählte ebenfalls den Weg zum Fernsehen. Allerdings nicht als Schauspieler, sondern als Regisseur solch populärer Serien wie Sex and the City, The Wire, Deadwood, Die Sopranos und aktuell Boardwalk Empire.

In Erinnerung bleiben wird er trotz allem als grimmig dreinschauender Lockenkopf in Lederstiefeln auf dem Cover, das noch heute mehr Kult versprüht, als es der Film halten kann.

Trailer zu „Die Klasse von 1984“


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