Die Klasse

Viel Frust und wenig Lust: In einer herausragenden Doku-Fiktion entwirft Laurent Cantet die lebensnahe Chronik eines anstrengenden Schuljahres.

Die Klasse

Schnell noch im Bistro um die Ecke einen Augenblick innehalten: Gleich beginnt für den Französischlehrer François Marin (François Bégaudeau) das neue Schuljahr. Ein letzter Schluck Kaffee, und die Kamera folgt ihm ins Schulgebäude „entre les murs“ – innerhalb der Mauern –, so der französische Originaltitel des Films. Bis zu den nächsten Sommerferien wird sie das Gelände nicht mehr verlassen. Ein Jahr lang nimmt sie die Diskussionen und Kämpfe auf, die François mit seinen Schülern führt, die lichten Momente und die Niederlagen.

Schmucklose Räume, kaum ein Schüler ohne Migrationshintergrund, meistens geht es lärmig und chaotisch zu – das Collège im Pariser Nordosten ist, was viele eine Problemschule nennen. In einer Sitzreihe stecken zwei Mädchen kichernd die Köpfe zusammen, vorn klopft François‘ Hand ermahnend auf das Pult, hier ein Close-up auf den glitzernden Schriftzug eines T-Shirts, dort schreibt ein Junge mit. Dass die Schüler Begriffe wie „succulent“ – zu Deutsch „köstlich“ – nicht kennen, stört sie nicht weiter. Aber sie protestieren lauthals, wenn François in seinen Satzbeispielen „weiße“ Namen wie Bill verwendet und nicht solche, die ihren eigenen Namen ähneln, etwa Aissata.

Die Klasse

Die Bilder mitten aus dem schwierigen Schulalltag, die der französische Regisseur Laurent Cantet (In den Süden, Vers le sud, 2005) in seinem Film über einen engagierten Klassenlehrer und seine 13- bis 14-jährigen Schüler präsentiert, wirken auf den ersten Blick wie eine Dokumentation des mal ereignisreichen, mal eintönigen Geschehens: eine Aneinanderreihung von Unterrichtsimpressionen oder unprätentiös abgefilmten Versammlungen, in denen Lehrer über Kaffeemaschinen und Disziplinarmaßnahmen debattieren.

Tatsächlich ist Die Klasse jedoch ein Spielfilm, und alles verläuft nach Plan. Oftmals zirkeln Nahaufnahmen das Geschehen auf das Wesentliche ein. Im Einsatz sind drei Kameras, denen kleinste Regungen nicht entgehen: Eine ist auf die Klasse, die zweite auf den Lehrer gerichtet, die dritte reagiert auf Unvorhergesehenes. Diese vieläugige Apparatur ermöglicht es Cantet, in den beengten Schulräumen die verschiedenartigsten Momente einzufangen, die sich im Film schließlich zu einem verblüffend wirklichkeitsnahen Mosaik zusammensetzen.

Die Klasse

Großteils ist dieser Realismus aber auch Ergebnis aufwändiger Drehvorbereitungen: Obwohl nahezu jeder Darsteller auch im wirklichen Leben Schüler oder Lehrer am Schauplatz des Films ist, spielt keiner sich selbst. Vielmehr haben sie unter Anleitung von Cantet ein Jahr lang in Improvisationsworkshops fiktive Figuren entwickelt, die ihren eigenen Persönlichkeiten oft sehr unähnlich sind. Dann improvisierte das Ensemble die Szenen direkt vor der laufenden Kamera – eine Arbeitsweise, die ein wenig an die Methoden des sozial engagierten Kinos von Ken Loach erinnert. Als Grundlage diente das Buch Entre les murs (2006), ein Roman über ein Schuljahr in einem benachteiligten Viertel, verfasst vom ehemaligen Lehrer François Bégaudeau.

Herausgekommen ist dabei Erstaunliches: Schief im Stuhl hängend, unaufhörlich im Banlieue-geprägten Jugendslang schwatzend, unruhig, laut und ungestüm – die Schüler wirken in ihren Rollen authentisch bis ins kleinste Detail. Und auch die Lehrer überzeugen entweder mit glaubwürdiger studienratsgemäßer Weltfremdheit, tiefster Resignation oder – wie der vorzüglich als einziger sich selbst spielende François Bégaudeau – mit einer energischen Mischung aus produktivem Machertum und hilflosem Draufgängergehabe.

Die Klasse

Dass Die Klasse bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt wurde, liegt aber wohl nur zum Teil an den schauspielerischen Leistungen, sondern wohl insbesondere am herausragend differenzierten Blick Cantets auf den Mikrokosmos Schule – für ihn ein wichtiger Resonanzkörper der Welt außerhalb der Schulmauern. Dabei geht es ihm weder darum, Anklage gegen die Defizite von Schule und Gesellschaft zu erheben, noch feiert er seine Hauptfigur, den Lehrer, als pädagogischen Superhelden, wie es etwa Peter Weir in seinem berühmten Schulfilm Der Club der toten Dichter (Dead Poets Society, 1989) oder Nicolas Philibert in der Dokumentation Sein und Haben (Être et avoir, 2002) tun. Die Klasse dreht sich vor allem um das Problem der Sprache, als Mittel sowohl der Wissensvermittlung als auch der Verständigung. Im Gegensatz zu Abdellatif Kéchiches L’esquive (2004), in dem eine Handvoll Schüler ebenfalls ihr Ausdrucksvermögen ausloten und ein Sprachfeuerwerk aus Jugendslang und dem Französisch des Dramatikers Marivaux entzünden, konzentriert sich Cantet allein auf die alltäglichen Störungen im Umgang mit Sprache im Hier und Jetzt.

Die Klasse

So wird ohne Unterlass geredet und geplappert, erklärt und diskutiert, trotzdem kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Zwar gibt sich François seinen Schülern gegenüber generell einfühlend, aber er führt ihnen auch provokant ihre sprachlichen Schwächen vor. Die Schüler erwidern ihm im selben wechselhaften Ton: amüsiert, beleidigt, angriffslustig. Sie fragen, ob er sich wirklich für sie interessiere oder ob er vielleicht schwul sei. Manchmal springt der Funke über, häufig jedoch kommt François ins Lavieren: Angesichts der Sinnhaftigkeit des Konjunktiv Imperfekts gerät er in Erklärungsnot, oder er versteht nicht, warum Burak vor der Mutter seines Freundes nicht essen kann, warum Souleyman nicht mitarbeitet, warum Esmeralda ständig kichert. In diesen Situationen fährt François seine eiserne Hand aus, schimpft drauflos und stolpert schließlich eines Tages über sein eigenes loses Mundwerk.

Damit entwickelt Cantet in Die Klasse zwar keine Vision, wie besser gelernt und kommuniziert werden kann. Es gelingt ihm jedoch, eingefahrene Vorstellungen von „schwierigen“ Schülern und überforderten Lehrern aufzuweichen. Cantet stellt die Schule einfach als das dar, was sie ist: Ein lebendiger Ort, wo unterschiedlichste Menschen miteinander auszukommen versuchen, sich unterhalten, aneinander vorbeireden, lachen, streiten, vorwärts kommen oder scheitern – wie außerhalb der Mauern auch.

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Kommentare


jonas

hallo,
habe die klasse jetzt mehrfach gesehen, da ich eine hausarbeit über den film schreibe.
dies ist nun die erste rezension mit der ich mich halbwegs anfreunden kann.
trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass der film bewusst NICHT in einem banlieu spielt, sondern im zentrum von paris


Mikesch

also ich persönlich finde den film nicht besonders gut. da er nur im klassenraum spielt und keine freizeit oder ähnliches gezeigt wird, ist er leicht langweilig. es gibt keinen richtigen höhepunkt mit dem "aha-effekt". der film handelt die ganze zeit über nur von dem schüler/lehrer-verhältnis und den konflikten der einzelnen schüler, die ziehmlich "schwierig" sind. nicht zu empfehlen !
lg


Sam

Ein sehr interessanter Film! Ich glaube, dass in diesem Film sehr bewusst auf einen, wie Mikesch schreibt "Höhepunkt" oder "aha-Effekt" verzichtet wird. Im Verlauf des Films werden viele kleine Nebenschauplätze generiert, auf welche allerdings nicht weiter eingegangen wird, dies, so vermute ich, um den Zuschauer nicht vom eigentlichen Geschehen (das Hier-und-Jetzt im Klassenraum) abzulenken. Immer wieder werden die einzelnen Akteure dezent in den Vordergrund geschoben, um dann aber sofort wieder im Getümmel unterzugehen. Immer wieder fragt man sich: "Um wen geht es hier?". Unweigerlich heftet man sich mal an den einen Charakter, mal an einen anderen. Interessant fand ich dann vor allem die Schlussszene, in der eine Schülerin dem Lehrer gesteht, sie habe "nichts gelernt". Unweigerlich habe ich mich stark mit dieser Schülerin identifiziert, schliesslich war es mir ähnlich ergangen. Der Film ist fast zu Ende und ich habe noch keinen eigentlichen "aha-Moment" erlebt. Ich glaube hier sollte dem Zuschauer vor Augen geführt werden, was dieser Film eigentlich will: Dokumentieren.


Martin Z.

Es ist eine Dokumentation des Schulalltags, detailgenau und realistisch. Man fragt sich allerdings, für welche Zielgruppe ist der Film gedacht. Demonstrationsobjekt bei einer Lehrerfortbildung oder im Rahmen der Referendarausbildung? Jeder hat einschlägige Erfahrungen mit dieser Institution und kann mitreden, sich ein Urteil bilden, ob es bei ihm auch so oder so ähnlich war. Vor allem die äußerst problematische Lage der Lehrkräfte wird ungeschönt und keineswegs übertrieben dargestellt. Das reicht vom Burn-Out bis zur Grenze der Lächerlichkeit aufgrund von zu viel Verständnis.
Die dramatische Zuspitzung erfährt der Film im letzten Drittel erst durch die Tatsache, dass die Schüler fast alle aus bildungsfernen mit Migrationshintergrund belasteten Familien stammen. Bei einem Verhaltensauffälligen würde ein Verweis von der Schule die zwangsläufige Rückkehr nach Afrika bedeuten. Diese Problematik wird lang und breit im Kollegium diskutiert und dann entschieden. Ohne Kommentar. Aus der Argumentation ergibt sich ein Mittelweg der Vernunft für ein typisches Phänomen unserer Zeit, nicht nur in Frankreich, aber hier vielleicht besonders brisant. Der Schüleraggression mit Störfaktor wird teils mit Verständnis teils aber auch mit Beachtung der sozialen Spielregeln begegnet. Insider werden weitgehend zustimmen, andere haben schon längst weggezappt.


Susanne Meier

Der Film hat es meiner Meinung nach "in sich." Achtet man genau auf die einzelnen Beziehungen, die der Lehrer zu den Schülern und Kollegen unterhält, merkt man wie komplex die Strukturen sind und der Begriff "Lernen" eine zentrale Bedeutung einnimmt. Es geht im weiteren Sinn um "Bedeutungen," sie zu verstehen, sie anwenden auf sich und auf alles ausserhalb von sich selbst. Sehr gelungen!






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