Die Kinder von Paris

Frankreich und Vichy – zur Vergangenheit ihres Landes unter deutscher Besatzung haben die Franzosen ein kompliziertes Verhältnis. Rose Bosch stellt sich mit Die Kinder von Paris den dunklen Seiten der Geschichte.

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Wenn auch in der historischen Forschung wenig Unklarheit besteht: Wie groß das Ausmaß der Kollaboration unter Pétains Vichy-Führung im Zweiten Weltkrieg war, und welche grausamen Verbrechen sich vor den Augen der französischen Öffentlichkeit ereignet haben, ist ein Thema, um dessen Deutung noch heute gerungen wird. Gerade mit einer seit dem politischen Führungswechsel gefährlich populären Front National werden dieser Tage erneut Stimmen laut, die von Verbrechen der Kollaborateure nichts wissen möchten und die – mit den Worten von Ex-Präsidentschaftsanwärter Jean-Marie Le Pen – die Gaskammern in Auschwitz als „Detail der Geschichte“ abtun.

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Wenn sich Rose Bosch nun in ihrem Film Die Kinder von Paris (La rafle) mit der „Razzia du Vélodrome d’Hiver“ und damit der Deportation tausender Pariser Juden auseinandersetzt, ist der Zeitpunkt richtig. Ohne die aktive Unterstützung der Pariser Polizei und der Regierung, ohne die von Polizeiinspektor André Tulard akribisch erarbeitete Liste jüdischer Bewohner Frankreichs, hätten die Massenverhaftungen des 16. und 17. Juli 1942 niemals stattfinden können. Als Teil eines veritablen Kuhhandels zwischen der französischen Führung und den Nationalsozialisten verlangten die Besatzer eine Quote auszuliefernder Juden, 20.000 im Raum Paris. Auch wenn durch die Courage der Pariser Bevölkerung letztlich rund 7000 Menschen der Verhaftung entgehen konnten, bleibt die Razzia ein Ereignis von immenser Bedeutung für die Geschichte der Verstrickung Frankreichs in die Shoah.

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Bei ihrer um Authentizität bemühten Rekonstruktion der Geschehnisse verfolgt Bosch den Leidensweg der Familie Weißman, die 1942 aus ihrer Wohnung auf dem Montmartre in das berüchtigte Vélodrome d’Hiver verschleppt wurde, um dann, nach erneuter Internierung in einem Lager nahe der deutschen Grenze, nach Auschwitz transportiert zu werden. Nur dem Sohn Joseph gelang die Flucht. Bosch konzentriert sich dabei stets auf das Schicksal der jungen Opfer. Neben Joseph (Hugo Leverdez) sind dies vor allem der fünfjährige Nono (gespielt von den Zwillingen Mathieu und Romain Di Concerto) und dessen Bruder Simon (Oliver Cywie). Der Film zeigt, wie die Kinder das Unerklärbare zu verstehen versuchen. Die Kamera bleibt oft niedrig, auf Augenhöhe der jungen Protagonisten. Die haben viel Dialograum, viel Zeit, um Trost beieinander und bei den hilflosen Eltern zu suchen. Diese Betonung der Erlebnisse von Kindern spricht eher jüngere Zuschauer und damit einen zukünftigen Umgang mit der Vergangenheit an,  als dass sie um Revision und Korrektur des Gedächtnisses älterer Generationen bemüht ist. Doch leider durchkreuzt Rose Bosch mit einem Hang zu visueller Monumentalisierung die hierfür notwendige Intimität.

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Am vielleicht fatalsten scheint dabei Boschs Unvermögen, aus den (tragischerweise) etablierten visuellen Konventionen des Holocaust-Films auszubrechen. Es ist schmerzhaft, als Zuschauer zu erleben, wie vertraut die Abläufe der Shoah nur mehr geworden sind, und wie funktional sie im Kontext Kino mittlerweile eingesetzt werden. Die bellenden Stimmen der Nazis bei den Razzien, die langen Reihen gesenkter Häupter bei ihrem Weg ins Verderben, die visuell so eindrücklichen Achsen und Geometrien der Barackensiedlungen im Konzentrationslager; die Züge, die Laderampen, das Bellen der Schäferhunde. Gerade weil all dies wirklich so war, scheinen Regisseure nicht umhin zu kommen, es immer aufs Neue wiedergeben zu wollen. Doch dadurch erzielen sie das genaue Gegenteil einer Konstruktion historischer Gewissheit: Sie etablieren ein fiktionales Bildgedächtnis.

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In einigen hochgradig streitbaren Einstellungen verdichtet sich dieses Verlangen nach Visualisierung, das Boschs Film kennzeichnet: in den Aufnahmen des mittlerweile abgerissenen Vélodrome d’Hiver, in dem katastrophale hygienische Zustände, Platzarmut, mangelnde Wasser- und Nahrungsversorgung und die steigende Hitze unter dem Glasdach das gigantische Oval der Radrennstrecke in einen wahrhaft höllenähnlichen Ort verwandelt haben müssen. Wie von so vielen Geschehnissen der Shoah existieren auch hier keine fotografischen Dokumente. Als wollte Bosch sich mit diesem „Scheitern“ der Historiografie nicht zufrieden geben, monumentalisiert sie in den Aufnahmen aus dem Vel d’Hiv das nicht bildlich Dokumentierte. In computeranimierten Kranfahrten erhebt sich die Kamera über den Hexenkessel bis unter die rostigen Dachstreben und versucht, die gigantischen Ausmaße von Leid und Enge direkt auf die Leinwand zu bannen. Aber was für einen Blick zwingt sie dem Zuschauer dadurch auf, welche emotionalen Bande soll er knüpfen zu dem digitalen Gewusel in den Tiefen des CGI-Bildes? Manchmal kann Nicht-Sehen tiefer treffen und mehr erzählen als Bilder, die zu viel zeigen wollen.

Trailer zu „Die Kinder von Paris“


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Kommentare


H. Weigel

Habe "La rafle" vor Jahr und Tag in Frankreich gesehen. Mein Eindruck: Eine ZDF-Produktion. Herr Kingler nennt das euphemistisch "visuelle Konvention des Holocaust-Films". Mehr eben nicht. Das Staraufgebot Laurent/Reno wirkt, die Intention Wirklichkeit abzubildenen vorausgesetzt, eher deplatziert, wenn man an die idyllisch-heroisch wirkenden Szenen im Lager denkt. Malles Klassiker "Au revoir les enfants" wirkt authentischer und stellt die Versuchungen und Wege in die "collaboration" subtiler dar.


C.Weiss

Meiner Meinung nach ist dieser Film , wie schon erwähnt vom Herrn Nino Klingler, an die Jüngere und Nachfolgende Generation Gerichtet ,welche mit dem Thema Holocaust nichts anfangen können . "La Rafle " ist hier ein eindeutiges Beispiel, wie emotional die Beziehungen der damals vorherrschenden Erlebnisse waren . Grundlegend zeigt der Film ein sehr umfangreiches Bild über diese Zeit und sollte daher nicht in der Kritik stehen ,zumal es weit unauthentischere kriegsverfilmungen gibt .






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