Die kalte See

Vor vier Jahren hatte der isländische Schauspieler und Regisseur Baltasar Kormákur sein erfolgreiches Spielfilmdebüt mit der schwarzhumorigen Beziehungskomödie 101 Reykjavík. In Die kalte See (Hafið) inszeniert Kormákur nun das für Island politisch brisante Thema um das Fischfang-Quotensystem, eingebettet in ein Familiendrama mit Anleihen aus King Lear. Eine schwere Bürde für Kormákur, dessen Ironie und Talent für gut erzählte Geschichten in diesem Film nur schwer wiederzuerkennen sind.

Die kalte See

Die kalte See ist ein schwermütiger Film. Schon die Landschaft verheißt nichts Gutes: Eis- und Schneemassen, wolkenverhangene Berge, die kalte, dunkle See. Ein kleines Fischerdorf irgendwo in der isländischen Einöde. Nicht nur das Eis des Gletschers bedroht die Einwohner, nicht nur die wenigen Stunden Tageslicht schlagen auf ihre Gemüter. Ihre Existenzgrundlage ist gefährdet durch den modernen Fischfang. Längst übernehmen Fabrikschiffe auf hoher See die Arbeit, die von den Bewohnern von Hand in der veralteten Fischfabrik gemacht wird: Fische reinigen, ausnehmen und auf Eis legen. Thórdur, der alternde Fabrikbesitzer, ist sich seiner Verantwortung für den Ort bewusst. Die Fischfabrik ist sein Lebenswerk und er hofft, dass eines seiner drei Kinder die Leitung der Firma übernehmen wird.

Das Familientreffen birgt mehr Konflikte, als Wiedersehensfreude. Zu sehr sind die erwachsenen Kinder mit ihren eigenen Lebensentwürfen beschäftigt, als dass sie sich auf die Wünsche und Prinzipien des Vaters einlassen könnten. Das Leben in der isländischen Provinz ist festgefahren, die Figuren treten auf der Stelle ohne adäquat mit Problemen und Konflikten umgehen zu können. Sie hoffen vielmehr, dass der Vater die Fabrik verkauft und jedem seinen Erbteil auszahlt. Konflikte um Macht, Gier und unerfüllten Erwartungen spitzen sich zu und zwischen den Zeilen wird offenbar, dass es weniger um die Zukunft der Fabrik geht, als um ein verdrängtes, düsteres Familiengeheimnis.

Die kalte See

Spätestens bei Familiengeheimnissen wird es meistens spannend. Man denke nur an die Dogma-95 Familientragödie Das Fest (Festen, 1997) oder Familienmelodramen von Luchino Visconti. Die kalte See will aber kein Melodrama sein, sondern behauptet die Konflikte eines Psychodramas, spielt diese aber nicht aus und bleibt in der Darstellung der Emotionalität der Charaktere distanziert frostig. An sich wäre der Stoff ein perfektes Setting für ein klassisches Familienmelodrama: Der Vater als strenges Oberhaupt und Rivale für die jüngere Generation, die sich gegen die festen Strukturen auflehnen, um dann doch an ihrem Freiheitsdrang zu scheitern. Dazu noch das soziale Umfeld des Dorfes als äußere Machtinstanz, aus der sich die Charaktere als tragische Figuren versuchen müssten zu emanzipieren. Doch dazu kommt es nicht. Die Konflikte werden von der Handlung zwar behauptet, sie werden aber nicht aufgebaut und entladen und sind so für den Zuschauer nicht nachvollziehbar. Selbst die Figuren im Film reagieren meist nur mit einem Schulterzucken angesichts der Situationen, der sie sich gegenüber sehen. Was im klassischen Melodrama Methode hätte, wird in diesem Film zum Problem: zu sehr wirken hier die Generationskonflikte konstruiert, zu sehr bleiben die Figuren flach, unsymphatisch und bieten keinerlei Identifikationsmöglichkeiten, um den Zuschauer emotional in die Handlung einzubeziehen. Im Melodrama bewegen sich die Figuren innerhalb ihres Handlungsraumes auf ausgetretenen Pfaden, wie eingesperrte Tiere. Gefühle drücken sich für den Zuschauer nicht durch psychologische Tiefe der Figuren aus, sondern finden ein Ventil im auf die Spitze getriebenen Konflikt. Im Psychodrama geht der Zuschauer in die Gefühlswelten der Charaktere, hier geht es um nachvollziehbare Emotionen innerhalb der Figuren, durch die das Handeln erklärt wird. Dann wenn sich im Melodrama die Affekte und konstruierten Konflikte im visuellen Exzess entladen, besticht das Psychodrama durch Figurentiefe und durch nachvollziehbare Gefühlsinszenierungen.

Die kalte See

Eines von beiden wäre wichtig gewesen, um Gefühlskino zu sein. Aber anstatt in eine Emotionalität verliert sich Baltasar Kormákur in der puren Behauptung eines Familiendramas, dessen Wendungen lediglich als Handlungsüberraschungen dienen. Seine Charaktere winden sich in Gier, Rivalität und einer Lust am Unglücklichsein. Das alleine macht sie aber noch nicht zu tragischen Helden. Und um noch ein wenig mehr am dramaturgischen Spannungsrad zu drehen, kommt noch das unter allem liegende Familiengeheimnis ins Spiel. Selbst dieses Konfliktpotential wird lediglich in den Raum gestellt aber vom Film nicht ausgespielt. Der zweite Film des Regisseurs, der vor vier Jahren mit 101 Reykjavík bekannt wurde, hat in Island einen Nerv getroffen, denn er gilt inzwischen als der erfolgreichste isländische Film aller Zeiten, dennoch ist vieles am Film letztendlich zu konzeptionell, ist emotional unmotiviert und leuchtet einfach nicht ein.

 

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