Die irre Heldentour des Billy Lynn

Ist Kino Wahrheit, 120 Mal in der Sekunde? Ang Lee beleuchtet mit digital aufgedonnerter Ästhetik eine PR-Tour der US-Army – und stellt im grellen Schimmer des Flutlichts eines Footballstadions das Verhältnis zwischen Heldentum und Kriegstrauma zur Disposition.

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Amerika lernt einen Helden kennen. Als Schaustück in Barrett und Paradeuniform vergrößert ihn das Bild einer Stadionleinwand. Er salutiert mit perfekt angelegter Hand. Tränen sammeln sich um seine blauen Augen, fließen die blassen Wangen hinunter, als die Nationalhymne ertönt. Wir dagegen lernen Billy Lynn kennen. Ein Junge mit Joint in der Hand, auf einer Bank in den Katakomben des Stadions. Er reicht das Teil an einen Kameraden weiter, reibt sich die blauen Augen und läuft Richtung Spielfeld, um für die Nationalhymne anzutreten. Dort steht er dann, und malt sich aus, eine Cheerleaderin zu vögeln – bis ihm die Tränen kommen.

Ein Trauma in höchster Auflösung

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Doch Sex mit Cheerleaderinnen ist für Billy ebenso weit in die Ferne gerückt wie andere Vorstellungen eines schönen Lebens. Das Leben des jungen GI findet zwischen Front und Heimatfront statt. Dort wird er von der Kamera eines Reportersbei einem heldenhaften Rettungsversuch gefilmt, hier ist er das neue Werbegesicht der Army. So zieht Billy mit einem Dutzend Kameraden aus seiner Einheit auf die befohlene Heldentour. Ein Spiel der Dallas Cowboys ist der letzte Stopp der landesweiten PR-Aktion. Im Footballstadion bringt Die irre Heldentour des Billy Lynn Kriegstrauma und Heldenmythos schließlich zusammen. In Paradeuniform schleust man die GIs durch Pressekonferenzen, Austernbuffets und VIP-Logen, bis auf das Spielfeld, das im Flutlicht der Stadionscheinwerfer glänzt.

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Lee setzt dabei kaum auf pointierte Schlüsselszenen, sondern wirft Protagonisten und Zuschauer gleichermaßen in das Flutlicht der Öffentlichkeit. Das präsentiert sich – zumindest in der von Lee für technisch hochgerüstete Kinos angedachten und von John Toll gefilmten Originalfassung – digital, hochauflösend, dreidimensional und, mit 120 Bildern in der Sekunde, fast ohne Bewegungsunschärfe. Dieser künstliche, polierte Look erzeugt einen Verfremdungseffekt, der auch in der regulären Kinofassung noch die Wahrnehmung verzerrt wie ein Stroboskop. Ein Effekt also, der auch über eine inhaltliche und ideologische Diskussion hinaus schlagend ist. Zumal der Zuschauer ihn über weite Strecken des Films aus der Perspektive des jungen Billy erlebt. Wie ein Reh im Fernlicht erstarrt der junge GI vor dem grellen Schein, der seine Persönlichkeit öffentlich ausbrennt, bis nur die Persona des Kriegshelden übrigbleibt.

Der ewige Soldat

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Die lange Halbzeit, auf die der Originaltitel Billy Lynn’s Long Halftime Walk anspielt, ist für Billy und seine Kameraden keine Erholungspause. Sie ist Frontalltag in der Heimat, zu dem die Soldaten erscheinen, um die öffentliche Version ihrer Geschichte zu bestätigen. Was tatsächlich in den Momenten passiert ist, die Billy zum Helden gemacht haben, vermag der nicht einmal seiner Schwester Kathryn (Kristen Stewart) zu erzählen, die sein einziger Bezugspunkt ist in einer eigentlich schon zerfallenen Familie. Als sie Billy fragt, erzählt der ihr weder die PR-Geschichte noch die Wahrheit. Er schweigt. Es gibt für ihn keinen Zugang mehr zu den Menschen, die nicht mit im Krieg waren, keinen Halt im Zivilleben. Der junge Soldat fällt immer zurück auf die einzige Familie, die ihn überall beschützen kann, die Army.

Feuerwerk & Leuchtspurmunition

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Als Vater dieser Familie stellt Ang Lee uns Sergeant Shroom (Vin Diesel) vor. Er ist der einzige, der Billys Heldengeschichte wirklich kennt – hat diese Geschichte aber selbst nicht überlebt. Billys Erinnerungen an Shroom wirken wie aus einer Zwischenwelt. Unter einem Olivenbaum predigt der Sergeant hinduistische Weisheiten, Billy lauscht, ganz gefangen in diesem kleinen Refugium, bis Fast Food, Football und Flutlicht auch diese Erinnerung verdrängt. Die Halbzeit-Show beginnt. Dafür werden die GIs wieder in ihre Wüstentarnuniform gesteckt und zu Destiny’s Child auf die Bühne gelotst. Wie General Patton einst vor der gewaltigen Fahne steht Billy jetzt vor einer Großleinwand. Es läuft „Baby Boy“, während Beyoncé und Co an ihm vorbeitanzen, kurz darauf wird „Soldier“ eingespielt. Noch einmal böllert der Film mit der Dualität von Trauma und Heldentum um sich, bis das Knallen der Pyroeffekte schließlich wieder Bilder aus dem Krieg heraufbeschwört.

Die Verwandlung von Feuerwerk in Leuchtspurmunition ist nicht gerade subtil, fügt sich aber umso besser ein in Lees Strategie des permanenten Bildbeschusses: Gefechtsfeuer, Ehrensalven und Bühnenfeuerwerk prasseln gleichermaßen auf Protagonist und Zuschauer ein. Dabei sucht der Film in Feuerwerk und Dualitäts-Symbolen gar nicht erst nach gültigen Aussagen über den Krieg. Vielmehr gewährt Lees digital aufgedonnerte Ästhetik einen neuen Blick auf amerikanische Kriegstraumata, ein Blick, der vor allem Ohnmacht und Orientierungslosigkeit sieht. Die Ohnmacht eines Mannes, den Amerika nie kennengelernt hat.

Trailer zu „Die irre Heldentour des Billy Lynn“


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