Die Insel

Wie ergeht es THX 1138 nach der Flucht? Dies scheint die Ausgangsfrage des neuen Baybusters Die Insel zu sein, von der sich dieses Quasi-Sequel jedoch bald zugunsten der bekannten Materialvernichtungen löst.

Die Insel

„You are very special.“ Diese Maxime bekommen die Klone wohlhabender amerikanischer Menschen während ihrer künstlichen Brutzeit eingebläut. Die Vereinigten Staaten basieren auf der gemeinsamen Idee einer freiheitlichen Verwirklichung des Einzelnen. Individualismus ist das höchste Ideal. Wenn es aber nun jemand in seiner ganzen Freiheit und Selbstentfaltung zu so viel Reichtum gebracht hat, dass sich ihm seitens der Forschung die Möglichkeit bietet, einen Klon als Ersatzteillager, als „Versicherung“ zu nutzen? Ist es dann mit der Einzigartigkeit vorbei? Und welche Form von Individualismus bietet man dem Klon?

Natürlich keine, deshalb lebt Lincoln Six-Echo (Ewan McGregor) auch in einem Wohnkomplex, der sich ihm trotz aller Internalisierung und pharmazeutischer Gängelung als Gefängnis darstellt.

Diese Wohnanlage ist ein Kleinod filmischen Produktionsdesigns, was die Kamera Mauro Fiores eindringlich hervorhebt. Die Kunst der Filmschaffenden ist zugleich eine Hommage an George Lucas’ visionären THX 1138 (1971). Dort muss das nummerierte Titelindividuum nach einem unerlaubten Liebesakt dem Überwachungsstaat entfliehen. Ähnliches auch hier: Aus dem regulierten Dasein gibt es nur eine, dafür aber die ultimative Ausbruchsmöglichkeit – den Lotteriegewinn. Haupt- und einziger Preis: Übersiedelung auf die Insel. Darauf projiziert sich die Sehnsucht aller Doppelgänger.

Die Insel

Um sie zu perfektionieren, wurde ihnen ab einer gewissen Generation noch eine zweite urmenschliche Eigenschaft suggeriert: Neugierde. Aus eben jener erwächst in Lincoln schließlich Skeptizismus: „Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? Und kann das alles sein?“

Beginnt damit der Übergang zwischen perfekter Kopie und eigenständigem menschlichen Wesen?

Die Insel nimmt bei dieser Frage einen interessanten Standpunkt ein: Die naiven gezüchteten Exemplare verhalten sich inmitten einer gefühllosen, vor allem an Profit orientierten Gesellschaft als einzige human. Wenn sich gegen Ende des Films die Frage Klon oder Mensch stellt, weiß der Zuschauer, auf wessen Seite er sich zu stellen hat. So entwickelt dieser, wie jedes Science-Fiction-Werk, im Grunde zutiefst technisch-skeptizistische Film letztlich die These, der Klon sei ein besserer Mensch.

Die Insel

Auf diesem Weg zum besseren Menschen nimmt das künstliche Wesen einen humanen Zug an, den man ihm, der Komplikationen wegen, eigentlich vorenthalten wollte: er liebt. Just an dem Tag, als seine Gespielin Jordan Two-Delta (Scarlett Johansson) auf die Insel soll, startet Lincoln den Entgrenzungsversuch. Seine Sehnsucht projiziert sich nicht länger auf die Insel, sondern auf Jordan. Sie ist seine Insel. Die beiden Liebenden, die noch nicht wissen, was sie füreinander empfinden, flüchten und spannen durch ihre Gefühle einen unsichtbaren Schutzschild, der wie von Wunderhand alle künftigen Gefahren abwendet. So kennt man es aus Genrefilmen. Was bisweilen dennoch erstaunt, ist die Tatsache, mit welcher Penetranz Regisseur Bay diese Gefahren als Actionparcours anlegt, als sei die Exposition des Filmes ein falsches Versprechen gewesen. Seine ästhetisch und dramaturgisch in drei Teile zerfallende Negative Utopie wird nur verbunden von den beiden Hauptdarstellern.

Dem Zuschauer bleibt im ewigen Mündungsfeuer der letzten eineinhalb Filmstunden derselbe einzige Lichtblick wie Lincoln: die feenhafte Gestalt der Jordan. Scarlett Johansson spielt sie derart von einer anderen Welt, dass die psychologisierenden Drehbuch-Erklärungsmodelle ihres Verhaltens an manchen Stellen beinahe alle Lächerlichkeit einbüßen. Es ist keine Naivität, wie es besagtes Drehbuch behauptet, die Johanssons Gesicht schmückt, vielmehr wissen ihre Gesichtszüge von einer Zwischenwelt zu berichten. Somit lassen sie erahnen, was der Plot und die Inszenierung nur behaupten, und füllen zumindest zeitweise das emotionale Vakuum aus.

Die Insel

Während McGregor durch wechselnde Akzente seinen Klon vom wahren Tom Lincoln unterscheidet, egalisiert sich Johanssons Doppelrolle beinahe – nur als Videoprojektion existiert die vermeintlich echte Jordan – als Model, ein Geschöpf zu zart und feingliedrig für diese Welt. Folgerichtig liegt sie im Sterben. Damit ist Bay der vermutlich klügste Kniff des Films gelungen. Hätte sich die chimärenhafte Johansson in einer Szene agierend als Jordan und deren Vorbild gegenübergestanden, man hätte ihr den vermeintlich realen Menschen nicht mehr abgenommen.

Scarlett Johansson, die Frau mit dem treffendsten Namen der Filmgeschichte, liefert dem Blockbuster ihr Gesicht als Ruhepol. Sie ist die Quelle der Sehnsucht, sie bringt Lincoln durch ihre Liebenswürdigkeit zum Leben. Sie ist die Verheißung einer anderen Welt.

Diese Verheißung hat Bays Machwerk von dem Moment der Flucht an bitter nötig. Ein Film, der in den Kategorien „wo baue ich eine Verfolgungsjagd ein, was kann ich dabei zerstören und wie schaffe ich es, bereits in der ersten halben Stunde eine Kampfeinlage zu platzieren“ denkt, trägt nur folgerichtig alles zunächst inhaltlich und ästhetisch Dargelegte zu Grabe. So verkommt das Zuschauen zur Trauerfeier. Doch auch die ist dank der spielenden Ausnahmeerscheinung als personalisiertes Inselphantasma verheißungsvoll...

Filmkritik von Sascha Keilholz

Veröffentlicht am 01.08.2005

Kommentare zu Die Insel

Martin Z. 22.11.2009 12:37

Inhaltlich ist der Film so in der Nähe von ’1984’ und ’Schöne Neue Welt’ anzusiedeln. Trotz spektakulärer Actionszenen mit viel Feuerwerk zieht sich die Handlung etwas in die Länge: der erste Teil ist hi-tec-Schnickschnack, der zweite wird vom Richard-Cimble-Effekt dominiert. Die beiden Hauptdarsteller (Scarlett Johansson, Ewan McGregor)- eigentlich meine Favoriten der Leinwand - geben zwar wie immer ihr bestes. Man verzeiht ihnen auch die Unverletzlichkeit von Walt Disney-Figuren z. B. bei Abstürzen von Hochhäusern. Auch das zuckersüße Happy End ist vorhersehbar. Der Film ist halt etwas für Actionfreaks mit besonderer Vorliebe für Science Fiction.

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DVD von Die Insel

 

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Berlinale im Dialog

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Film-Angaben

Titel: Die Insel

Originaltitel: The Island

USA 2005

Laufzeit: 136 Minuten

 

Regie: Michael Bay

Drehbuch: Caspian Tredwell-Owen, Alex Kurtzman, Roberto Orci

Produktion: Walter F. Parkes, Michael Bay, Ian Bryce, Laurie MacDonald

Darsteller: Lupita Tovar, Ewan McGregor, Scarlett Johansson, Sean Bean, Djimon Hounsou, Steve Buscemi, Michael Clarke Duncan

 

Kinostart: 04.08.2005

 

DVD-Angaben

Titel: Die Insel

Vertrieb: Warner Home Video

Bild: 2,40:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte, Ungarisch

Altersfreigabe: ab 16 Jahren

Spieldauer: 130 Minuten

 

Extras: Making of; Kinotrailer; ROM-Link zum Kommentar des Regisseurs

 

Verleih ab: 27.01.2006

Verkauf ab: 27.01.2006

 

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Copyright Die Insel

Fotos: © Warner Bros.

 

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