Die Hölle - Inferno

Hölle ist dort, wo ein Film sich selbst verleugnet: Stefan Ruzowitzkys Die Hölle – Inferno schämt sich so sehr vor den eigenen Genremotiven, dass er sie ständig verstecken muss.

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Eine U-Bahn-Brücke bei Nacht, umringt von milchigen Lichtpunkten, die sich, in die Schärfe gezogen, als Straßenlichter und Leuchtreklamen zu erkennen geben. Dazu ein beliebiges Saxophon-Thema, und fertig ist das einfallslose Noir-Bild eines deutschsprachigen Fernsehfilms. Schon mit den ersten Establishing Shots kreiert Die Hölle – Inferno exakt den Look, der beständig in der öffentlich-rechtlichen Krimi-Prime-Time auftaucht. Durch das nächtliche Wien rollt allerdings nicht der Dienstwagen von Eisner und Fellner, sondern das Taxi von Özge (Violetta Schurawlow). Die junge Muslima hat eine reichlich beschissene Nacht: Erst muss sie Partyvolk und zudringliche Anzugträger chauffieren und schließlich einen Zuhälter verprügeln, der mit seinem Luxuswagen die Straße versperrt. Zum Abschluss des Arbeitstages wird Özge dann Zeugin eines Ritualmordes, der nebenan an einer Prostituierten verübt wird. Der Mörder blickt zurück: Özge soll sein nächstes Opfer werden.

Vom Fernsehen verweht

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Bereits in der Exposition schwimmt jene Hälfte des Films, die sich als Serienmörder-Thriller präsentiert wie eine dünne Schicht Öl auf den Sozialbefindlichkeiten aus dem Leben der jungen Taxifahrerin. Der Mord scheint aus einem völlig anderen Genre rübergeschwappt zu sein. Dieses tonale Missverhältnis überrascht auch deswegen, weil Stefan Ruzowitzky für die Regie verantwortlich zeichnet, dessen Werk – von Anatomie (2000), über Die Fälscher (2007), bis hin zu Das radikale Böse (2013) – nicht gerade für den biederen Degeto-Fernsehfilm steht. In Die Hölle verfliegt aber jeglicher Hauch von Serial-Killer-Film, den Özges kurzer Blickaustausch mit dem Killer evoziert, sogleich wieder. Und mit Eintreffen von Kommissar Steiner (Tobias Moretti) halten auch die Fernsehklischees Einzug. Der gutherzige, rassistische Prolet, ein echtes Amalgam aus diversen Tatort-Ermittlungsleitern, spuckt ein paar Türken-Witze aus und lässt Özge dann in ihrem Apartment stehen. Die muss sich fortan alleine rumschlagen, mit einem Mörder und der Gewalt aus dem eigenen Bekanntenkreis.

Ermächtigung à la TKKG

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Özges soziales Umfeld ist ein Minenfeld von gewalttätigen Frauenhassern. Allen voran die Familie, die sich noch immer Fest im Griff des Vaters befindet. Der alte Patriarch ist mittlerweile schwer von einem Schlaganfall gezeichnet und wird alsbald von Özge als Vergewaltiger seiner eigenen Töchter entlarvt. Nachdem sich die Protagonistin dann endgültig von ihrer Familie trennt, folgt der Film ihr auf der Suche nach Zuflucht. Doch weder ihr mit Kind und Arbeit überforderter Chef Samir (Robert Palfrader) noch ihr desinteressierter Ex-Freund geben sich viel Mühe, Özge zu helfen – die sich allerdings auch wenig Mühe gibt, sich helfen zu lassen. Das Scheitern der jungen Muslima im Umgang mit ihrem überwiegend männlichen Umfeld verweist auf ihre Missbrauchs-Vergangenheit und wird gleichzeitig oberflächlich und ausschweifend abgehandelt. Von den Taugenichtsen, die Özge besuchen bekommt einzig Türkenwitz-Automat Kommissar Steiner, in Form eines pflegebedürftigen Vaters (Friedrich von Thun), ein wenig Entwicklung aufgedrückt, um seinen Chauvinismus auszutarieren.

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Die Einfallslosigkeit, mit der das Drehbuch die grausame Vergangenheit seiner Protagonistin umsegelt, findet ihre Entsprechung in der Ermächtigungsstrategie, die der Film für sie verfolgt. Özge kann als Kampfsportlerin den Männern im Faust- oder Bodenkampf Paroli bieten und nutzt dafür auch ausschließlich diese Überlegenheit, ist damit die wohl langweiligster Variante des Prototyps der starken Frau. Ob zu Hause, im Dojo oder wenn der Serienkiller mal wieder auftaucht: Özge teilt ordentlich aus. Interessanterweise ist der Kampfsport nebenbei die einzige Schnittstelle der ansonsten völlig getrennten Realitäten aus Sozialdrama und Thriller. Auf die Fresse gibt es immer und überall. Immerhin findet dieses TKKG-Ethos, das den gesamten Film durchzieht, hier eine treffende Anwendung. Leider bleibt auch die Choreographie dieser Actionszenen, für die sich der Film immer wieder reichlich Zeit rausnimmt, auch formal auf dem Niveau der Hörspielreihe: Die verwackelten Schnittsalven, in denen einzelnen Körperteilen über den Bildschirm huschen, bleiben so illustrativ wie die Rauferei-Geräusche aus den Kinderhörspielen.

Die Scham vor dem Genre

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Von den handwerklichen Schwächen seines Thriller-Teils kann der Film auch nicht mit den Motiven des frauenverachtenden Islamismus ablenken. Diese bekommt der völlig charakterfreie Serienkiller als Maske übergezogen, um in Wien Frauen mit Messern und aufgekochten Flüssigkeiten zu bearbeiten. Der Islamismus-Bezug, der mit ein wenig Blättern im Koran und einem Monolog hergeleitet wird, wirkt dabei wie ein verzweifelter Versuch, eine Form von Aktualitätsbezug in einen Film zu injizieren, der die Symptome des Genrefilms zu unterdrücken versucht. Die Hölle – Inferno trägt das Label „deutscher Genrefilm“ mit so viel Scham, dass er es bei jeder Gelegenheit hinter Sozialdrama-Plattitüden verstecken muss. Warum gerade ein Film, der sich in diese wenig ambitionierte Fernsehrealität flüchtet eine Kinoauswertung bekommt, bleibt ein Rätsel.

Trailer zu „Die Hölle - Inferno“


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