Die History Boys - fürs Leben lernen

Anfang der achtziger Jahre in England wird eine Gruppe hochbegabter Schüler auf die Aufnahmeprüfung für Oxford und Cambridge vorbereitet. Dabei prallen zwei unterschiedliche Auffassungen von Bildung und Lehre aufeinander.

Die History Boys - fürs Leben lernen

Alan Bennetts The History Boys ist eines der erfolgreichsten Theaterstücke der letzten Jahre. Ursprünglich eine Produktion des Londoner National Theatre, wo es exzellente Kritiken erntete, ging es bald auf eine Welttournee und wurde schließlich - in derselben Besetzung wie in London - auch am Broadway in New York gefeiert. Im Jahr 2006 gewann es den Tony Award.

Nun liegt auch eine Adaption für das Kino vor, und wieder sind dieselben Schauspieler beteiligt. Auch Regisseur Nicholas Hytner ist mit von der Partie, er hatte bereits die erste Inszenierung in London geleitet. Die Vertrautheit aller Beteiligten ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits haben die Darsteller ihre Rollen so sehr verinnerlicht, dass man sich kaum jemand anders darin vorstellen mag - insbesondere Richard Griffiths als kauziger Lehrer Hector ist unvergesslich, ebenso Frances de la Tour als einzige Frau im Lehrkörper -, andererseits merkt man dem Film seine Vergangenheit als Theaterstück an und die Möglichkeiten des Mediums Film werden nicht ausgeschöpft. Insbesondere in der Schlussszene, die deutlich mit den erzählerischen Mitteln der Bühnendramatik arbeitet, wird das deutlich.

Die History Boys - fürs Leben lernen

Dennoch sind Die History Boys sehenswert, denn die gewitzten Dialoge, die humanistischen Grübeleien über Bildung und Menschwerdung, die Gesangsdarbietungen und die nachgespielten Szenen alter Hollywoodfilme bleiben erhalten und packen den Zuschauer unmittelbar. All dies geschieht im Klassenzimmer des dicken Literaturlehrers Hector, an einem Gymnasium in Nordengland leitet er während der Thatcher-Jahre eine Gruppe von brillanten Schülern aus der Arbeiterklasse an, die sich auf die Aufnahmeprüfung für die beiden britischen Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge vorbereiten sollen. Sein Unterricht ist jedoch alles andere als zielgerichtet. Für ihn dient Bildung nicht der Verwertbarkeit, sondern der Menschwerdung. So wird in seiner Klasse eben gedichtet, gesungen, diskutiert und zuweilen werden auch Szenen aus Filmen nachgestellt, die die anderen dann erraten müssen. Zu einem Kabinettstück wird eine Französischstunde, in der die gesamte Klasse einen Besuch im Bordell nachspielt, um die fremdsprachigen Phrasen einzuüben.

Das klingt wie der Traumunterricht eines jeden Pennälers, und ist deshalb dem Direktor ein Dorn im Auge. Er engagiert den smarten Junglehrer Irwin (Stephen Campbell Moore) für den Geschichtsunterricht. Irwin ist ein spin doctor, der weiß, was die Prüfer hören wollen. In der Geschichte, so lehrt Irwin die Jungs, kommt es nicht auf Wahrheit an, sondern auf die Interpretation der Fakten, und die muss interessant, aber eben nicht wahr sein.

Die History Boys - fürs Leben lernen

Irwin ist also derjenige, der frischen Wind in die Lehranstalt bringt, aber anders als in Der Club der toten Dichter (Dead Poet’s Society, 1989) ist es nicht der damals von Robin Williams gespielte moderne Lehrer, der im Mittelpunkt steht, sondern der altmodische. Tatsächlich hat Die History Boys mit dieser Art Filme, zu der aus jüngerer Zeit noch Mona Lisas Lächeln (Mona Lisa Smile, 2003) mit Julia Roberts oder Dangerous Minds (1995) mit Michelle Pfeiffer gehören, wenig zu tun.

Der Film kreist um die Figur des Hector, der nichts übrig hat für den Unterricht des Konkurrenten. Für ihn ist Irwins Stil nicht mehr als Journalismus, effektiv, aber seicht. Einer der Schüler fasst einmal die Unterschiede zwischen Hector und Irwin so zusammen: Bei dem einen, Hector, müssen sie gedankenvoll sein, bei dem anderen, Irwin, bloß clever. Hinter dieser Auseinandersetzung lauert die alte humanistische Diskussion über den Zweck der Bildung, die aktuell durch Forderungen aus der Wirtschaft befeuert wird, die Lehrpläne mehr nach den Erfordernissen der Ökonomie zu gestalten.

Die History Boys - fürs Leben lernen

Die History Boys begnügt sich aber nicht mit solch antagonistischen Gegenüberstellungen, sondern erschafft wirklich bis in die Tiefe hinein komplex strukturierte Charaktere. Zum einen ist Irwin, obwohl er gewiss nicht den Standpunkt des Autors Alan Bennett darstellt, eine sympathische Figur, zu der die Schüler nach und nach überlaufen. Zum anderen ist Hector ein Päderast, der seine Neigungen hin und wieder an seinen Jungs schüchtern auszuleben pflegt. Es ist nicht so, dass dieses Verhalten in dem Film nicht als Problem erkannt würde. Aber statt aus Hector den Fiesling zu machen, der ihm unter diesen Umständen zumeist zukommen würde, bleibt er liebenswert. Seine Annäherungsversuche ertragen die Schüler eher augenrollend als schockiert, und routiniert wehren sie seine Handgreiflichkeiten ab.

Diese Schüler entsprechen in ihrer scharfsinnigen, aber ungeschliffenen Art, mit ihren schlagfertigen Wortwechseln keineswegs dem in High-School-Filmen üblichen Figurenreservoir. Besonders Dominic Cooper als Frauenschwarm Dakin und Samuel Barnett als sensibler, in Dakin verliebter Posner, bleiben in Erinnerung. Posner, seinem musikalisch begabten Lieblingsschüler, erklärt Hector in einer Szene die Bedeutung eines Gedichtes von Thomas Hardy. Die Szene dauert ungewöhnlich lang für einen reinen Dialog, und es geht in ihr vordergründig um nicht mehr als dieses eine Gedicht. Aber sie erzählt viel über die Kraft der Kunst, und sei diese noch so ökonomisch nutzlos.

 

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.