Die Herzogin

Adel verpflichtet: Saul Dibbs Historienfilm über die Herzogin von Devonshire zeugt einmal mehr davon, dass ein Film über das Vergangene die Gegenwart nicht ausschließen kann.

Die Herzogin

Althorp 1774. Das Arrangement scheint perfekt: Lady Spencer (Charlotte Rampling) verkündet ihrer fast 17jährigen Tochter Georgina (Keira Knightley), dass der Herzog von Devonshire (Ralph Fiennes), selbst um einiges älter als sie, um ihre Hand angehalten habe. Nach einer kurzen Hochzeitsfeier ist sie die neue Herzogin von Devonshire, der das Volk zujubelt. Doch schnell merkt Georgina, dass das Zeremoniell im Herzogtum und die Erwartungen und Bedingungen, die an die Ehe geknüpft werden, ihren Lebenswillen abzuschnüren drohen, wie ein zu eng gebundenes Korsett. Der Herzog fordert einen Sohn und Erben, einen anderen Zweck erfüllt diese Verbindung für ihn nicht. Zärtliche Worte und offene Zuneigung hat er derweil nur für seine Hunde und seine Bettgefährtinnen übrig, nicht aber für seine junge Frau. Als sein Verhalten über die Jahre und nach der Geburt dreier Töchter immer aggressiver wird und er weiterhin ungeniert seine Affären auslebt, rettet sich Georgina vorübergehend in eine geheime Beziehung mit dem jungen aufstrebenden Politiker und späteren Premierminister Charles Grey (Dominic Cooper). Vom Volk geliebt, eine Vorreiterin in Sachen Mode und gern gesehener Gast auf jedem Empfang, droht sie dennoch unter der Geheimhaltung und den immer demütigenderen Handlungen ihres Mannes innerlich zu zerbrechen.

Die Herzogin

Liest sich die Inhaltsangabe des Films wie die Zusammenfassung einer schlechten Verfilmung des Werke Jane Austens oder der Geschwister Brontë, so merkt der Zuschauer doch recht schnell, dass hinter Der Herzogin mehr steckt als bloß ein weiteres pompös aufgeblasenes Kostümspiel. Die Regeln des Historienfilms werden alle handwerklich solide realisiert: Licht, Kostüme und die gekünstelte Blasiertheit des europäischen Adels im Spiel der Akteure sind hervorragend umgesetzt. Doch ist es etwas anderes, das den Film aus einer farblosen Masse heraushebt: Georgina weiß um ihre Rolle und um die Aufgabe, die ihr nicht nur Geburt und Stand, sondern auch die Hochzeit auferlegt haben. Dennoch gibt sie sich in ihrer Rolle als Ehefrau außergewöhnlich modern, was nicht nur ihr Humor und ihre starke Frauenfreundschaft beweisen. Die Winkelzüge, die ihre Position erlaubt, nutzt sie gekonnt aus, im Privaten und in der Politik, für welche sie sich allerdings nicht wirklich interessiert.

Erst beim näheren Hinschauen wird deutlich, dass sie die Instrumentalisierung, die sie in der Ehe erfährt, auf der Bühne des Politischen freiwillig wiederholt, hinnimmt und sogar fördert. Auch in der Ehe versucht sie, trotz des Lebens im sprichwörtlichen goldenen Käfig, das Beste aus der Situation zu machen. Dabei zeigt sie Stärke und Eigenständigkeit, die es augenscheinlich werden lassen, dass sich der Film hier kaum an historische Fakten hält, dafür durch die Brille der Modernität auf das Vergangene schaut. So etwa wenn Georgina für sich einen Geliebten fordert, als der Herzog seine neue Mätresse Bess Foster (Hayley Atwell), ehemals Georginas beste Freundin, offiziell mit am Esstisch speisen lässt. Ihre innere Zerrissenheit wird in einer Schlüsselszene des Films deutlich, als sich ihr Abbild in ihrem Schminkspiegel doppelt reflektiert und beide Seiten nach Erfüllung und Folgsamkeit verlangen.

Die Herzogin

Die Herzogin ist dabei ein Film über die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts aus heutiger Perspektive, so dass die Figur der Herzogin zweifelsfrei moderner wirkt als sie es zu ihrer Zeit sein konnte. Die Betonung dieser Charaktereigenschaft liefert die Grundlage für die Adaption der vor wenigen Jahren erschienenen Biographie der Autorin Amanda Foreman über eine der weniger bekannten englischen Adligen der späten Neuzeit. Dibbs Form der Modernität lässt sich dabei nicht wie bei Sophia Coppolas Marie Antoinette (2006), eine Zeitgenossin der Herzogin, an den Bildern und einem Bruch mit den Konventionen des Historienfilms festmachen. Vielmehr versucht er sie in einer historischen Authentizität zu verankern.

Dass die Herausstellung des Anspruchs an Modernität im verstaubten Regelwerk zur Zeit des Ancien Régime im Hier und Jetzt ganz andere Früchte tragen kann, hat die Werbung für den Film gezeigt. Kinotrailer setzen die Herzogin von Devonshire mit dem Schicksal ihrer entfernten Nachfahrin gleich, der 1997 tödlich verunglückten Lady Diana. Zwei Frauen, die sich gegen ihren goldenen Käfig auflehnten und sich am Ende doch auf die eine oder andere Weise fügen mussten. Dass aber nicht nur die Herzogin, sondern auch Knightley einen eigenen Kopf hat, zeigte ihre öffentliche Reaktion auf diese von der Werbung aufgestellte Genealogie, die sie rundherum ablehnte.

Die Herzogin

Die Werbung, die sich – von ungenauen historischen Vergleichen abgesehen – ganz auf die Hauptdarstellerin konzentriert, verspricht damit nicht zu viel: Neben den Kulissen und den Außenaufnahmen des Films, ist vor allem das Spiel Keira Knightleys ein Fest für die Augen (und im O-Ton auch für die Ohren). Die intensiven Momente, in denen Knightley und Fiennes dem Film die Dimension eines psychologischen Kammerspiel verleihen, funktionieren als dramaturgische Höhepunkte. Die Musik von Rachel Portman bietet an diesen Stellen außerdem ironische Brechungen. Gerade aber in den Szenen zwischen den Ehepartnern – Fiennes hier als eruptiver Ehemann, der kaum große Mengen an Dialog hat – wird deutlich, dass der Herzog genauso wie seine Frau in der Welt der Vorschriften gefangen und an ein System gebunden ist, welches zu jener Zeit allzu deutlich in Frage gestellt wurde. Dass die Welt hier also nicht in Schwarz und Weiß unterteilt wird, ist ebenso eine moderne Sicht der Dinge.

Trailer zu „Die Herzogin“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Martin Z.

Es ist ein prachtvoll ausgestatteter Kostümschinken, in dem eine Fassade aufgebaut wird, die Gefühllosigkeit und menschliche Kälte verbirgt. Die erdrückende Vordergründigkeit verhindert allerdings emotionale Anteilnahme. Alles läuft mit einer gewissen oberflächlichen Zwangläufigkeit ab. Ebenso wie die punktuellen Anspielungen auf historische Persönlichkeiten verpufft vieles im luftleeren Raum der Ereignisse. Und es passiert eigentlich recht viel, aber nichts Ungewöhnliches: eine arrangierte Ehe, Untreue auf beiden Seiten, Vergewaltigung der eigenen Ehefrau, flotter Dreier bzw. Doppelzweier etc. Männliche Erben sind wichtig! Hat man keine, gilt man als Versager. Klar! Dem Titel nach steht ja die Herzogin (Keira Knightley) im Mittelpunkt. Ihr Versuch sich am Vorabend der Französischen Revolution gegen den übermächtigen Ehemann (Ralph Fiennes) als Frau und als Teil der Gesellschaft zu behaupten, scheitert kläglich. Am Ende ist doch alles wieder FFE. Und auch die Erläuterung, dass in der damaligen Zeit ’gesellschaftlicher Anstand Vorrang vor persönlicher Befriedigung hat’ ist nicht neu. So what ?!
Blutleerer Deko-Streifen mit prominenter Besetzung. Man fühlt sich wie Ralph Fiennes Gesichtsausdruck (nach einem Schluck Essig).






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.