Die Helden aus der Nachbarschaft

Geschichten aus dem Prenzlauer Berg: Mit einem sehenswerten Ensemble erzählt Jovan Arsenic von Menschen, die außer ihrer Nachbarschaft nicht viel gemeinsam haben.

Die Helden aus der Nachbarschaft

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Attila beißt sich durch. Durch Glas, durch Metall. Er konnte das schon immer, eine besonders aggressive Magensäure macht es möglich. Aber der Bär von einem Mann wird ganz weich, wenn es um Liebesdinge geht. Von seiner Freundin verlassen, beißt er aus Frust ein Stück von einem Weinglas ab. Dabei wird er zufällig von seiner Nachbarin Erika beobachtet, die ihm zur Hilfe eilt und dann – sie ist Fernsehjournalistin – eine große Geschichte wittert. Erikas Sohn Niko wiederum entdeckt seine Sexualität und ist ganz besessen von Attilas Exfreundin. Mit der hat aber sein Vater Ulf, ein Psychologe, eine Affäre. Und dann ist da noch Rosine, die schüchterne Bäckerin, die eigentlich auch in Erikas Fernsehsendung auftreten sollte, sich aber nicht getraut hat – und die zugleich Patientin bei Ulf ist. Ihr und Attila gehört die schönste Liebesgeschichte dieses kleinen, aber bemerkenswerten Films von Jovan Arsenic.

Digital quasi aus der Hüfte gedreht und somit sehr nah dran an seinen Figuren, erzählt Die Helden aus der Nachbarschaft die untereinander verzahnten Geschichten von einer Handvoll Menschen in Berlin, Prenzlauer Berg. Ein Ensemblefilm also, und ein solcher kann nur mit einem guten Ensemble funktionieren – einem solchen, wie es hier zu sehen ist.

Die Helden aus der Nachbarschaft

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Die Bäckerin Rosine wird sensibel gespielt von Eva Löbau, die als überforderte Lehrerin in Maren Ades Erstling Der Wald vor lauter Bäumen (2003) einen ersten bleibenden Eindruck hinterließ. Mit gesenktem Kopf, leise berlinernder Stimme und fahrigen Bewegungen läuft sie wie eine ständige Entschuldigung für ihre eigene Anwesenheit durch den Film. Eine Entdeckung ist der Schauspieler Marc Zwinz als Attila, ein früherer Theatermann, der nach vielen kleineren Rollen in Fernsehen und Kino nun in einer Hauptrolle zu sehen ist. Wie er und Rosine sich schüchtern und unsicher langsam annähern (und in einer Szene gemeinsam in einer riesigen Pfannkuchenpfanne liegen), das ist das leise Zentrum des Films. Und es ist die einzige weder rein triebhafte noch rein materialistisch gesteuerte Beziehung unter den zahlreichen Paarungen. Die anderen, das sind Nina Hoger als Powerfrau im Karriereknick, Christopher Buchholz als ihr alles verstehender, aber auch passiver Psychiater-Ehemann Ulf, Myriam Schröder als Attilas Exfreundin auf der Suche nach einem Mann mit Geld und Josef Mattes als Jugendlicher, für den Sex und Liebe noch nicht mehr als feuchte Träume sind.

Die Helden aus der Nachbarschaft

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Manchmal fühlt man sich wie in einer Seifenoper, zum Beispiel, wenn Ulfs sexy Internet-Bekanntschaft sich als seine eigene Frau entpuppt. Aber die ungezuckerte Umsetzung des Stoffes betont stets die dokumentarischen Aspekte des Unternehmens. Stark ist Die Helden aus der Nachbarschaft weniger bei der Wahl seiner Inhalte – es gibt ein bisschen Medienkritik an der vereinsamenden Wirkung des Internets und an den fragwürdigen Methoden des Privatfernsehens –, sondern mehr in seiner Erzählhaltung, die die einzelnen Geschichten mühelos verknüpft und die Personen mit ganz wenigen Strichen echt erscheinen lassen. Ein Berlin-Film, der nicht die üblichen Metropolen-Klischees bemüht, sondern sich das kleine Ziel setzt, Ausschnitte aus dem Leben der Menschen in einem Stadtteil zu kondensieren, der wie kaum ein zweiter nach der Wende Veränderungen durchlaufen war. Selbst das Quäntchen magischer Realismus, das die Oberfläche des Films mit den erstaunlichen Fähigkeiten von Attilas Magensäure ein wenig aufraut, wirkt dabei wie ein natürlicher Bestandteil des Alltags.

Filmkritik von Thorsten Funke

Veröffentlicht am 29.04.2009

Kommentare zu Die Helden aus der Nachbarschaft

Miriam Kleeberg 01.05.2009 16:33

Ein freundlicher, sehenswerter Film! Vielleicht kein großer Wurf, aber sympathisch in Geschichte und Figuren. Besonders anrührend die Liebesgeschichte zwischen der Bäckerin Rosine (Eva Löbau) und Feuerwehrmann Attila (Marc Zwinz, endlich mal in größerer Rolle!). HOffentlich wird diesem Film ein Kinolauf vergönnt sein und keine Verschrottung im 3sat-Nachtprogramm.

Nachbarschaft 21.08.2009 10:17

Für alle, die den Film noch nicht gesehen haben, oder noch einmal anschauen möchten, verlosen wir heute zwei Freikarten für den Film "Helden aus der Nachbarschaft" im DAS FILMCAFE!

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Film-Angaben

Titel: Die Helden aus der Nachbarschaft

Deutschland 2008

Laufzeit: 90 Minuten

 

Regie: Jovan Arsenic

Drehbuch: Jovan Arsenic

Produktion: Till Rothmund, Jovan Arsenic

Bildgestaltung: Matthias Schellenberg

Montage: Nikolai Hartmann

Musik: Paul Rabiger, Earl Autumn Break

Darsteller: Eva Löbau, Nina Hoger, Marc Zwinz, Christopher Buchholz, Joseph Mattes, Myriam Schröder, Samuel Finzi, Marlon Beatt, Simone Burckhardt, Victoria Trauttmansdorff

 

Kinostart: 13.08.2009, 30.04.2009

 

DVD-Angaben

Titel: Die Helden aus der Nachbarschaft

Vertrieb: Indigo

Bild: 1,78:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS)

Untertitel: Englisch

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Spieldauer: 88 Minuten

 

Extras: Trailer

 

Verleih ab: k.A.

Verkauf ab: 04.06.2010

 

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Copyright Die Helden aus der Nachbarschaft

Fotos: © alpha medienkontor

 

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