Die heiße Spur

Konnten Arthur Penn und Gene Hackman ihre Zusammenarbeit in Bonnie & Clyde (1967) noch toppen? Sie konnten. In einem der letzten großen Filme des ausklingenden New Hollywood.

Die heiße Spur

Anfang der siebziger Jahre erlebte das amerikanische Genrekino ein Revival. In den beiden Jahrzehnten zuvor war es vor dem Hintergrund des Studiosystem-Zusammenbruchs in eine schwere Krise geschlittert. Seine Erzählmuster schienen ausgereizt zu sein. Zudem musste seine konservative Ideologie für das US-Publikum, das in den Sechzigern die Erschütterung der politischen Grundfeste erlebte, überholt und unglaubwürdig wirken. Erst ein Prozess der Modernisierung, der das starre Korsett aus Konventionen lockerte und eine Anpassung an den Zeitgeist vornahm, bewirkte das Wiedererstarken des Genrefilms an den Kinokassen.

Auch der Detektivfilm erlebte zu Beginn der siebziger Jahre eine Wiedergeburt, indem er die alten Kriminalsujets auf neue und subversive Art interpretierte. Zu den Höhepunkten der Dekade lassen sich Filme wie Klute (1971), Der Tod kennt keine Wiederkehr (The Long Goodbye, 1973) oder Chinatown (1974) und eben auch Die heiße Spur (Night Moves), 1975 von Arthur Penn inszeniert, zählen. Gene Hackmann spielt darin Harry Moseby, einen zweitklassigen Schnüffler, der von einer ehemaligen Hollywoodschauspielerin beauftragt wird, ihre verschwundene Tochter Delly (Melanie Griffith) zu finden. Ein ganz alltäglicher Fall, so scheint es. Der aber zieht immer weitere Kreise. Morde geschehen. Eine Intrige tut sich auf, die Moseby bald nicht mehr überblicken kann.

Die heiße Spur

Der Plot ähnelt jenen Kriminalfällen, die man bereits dutzende Male auf der Leinwand gesehen hat. Doch der Plot ist Nebensache. Er ist nur Staffage. Das wahre Zentrum des Films ist die Figur Mosebys. Die heiße Spur ist eine Charakterstudie im Gewand eines Detektivfilms. Der Detektiv ist hier kein cooler Loner wie Humphrey Bogarts Sam Spade oder Philip Marlowe, sondern ganz im Gegensatz zu diesem inszeniert, als ein von Selbstzweifeln und einem Vaterkomplex geplagter Typ von nebenan. Ein emotionales Wrack. Längst hat er sich dem bürgerlichen System ergeben, mit allem was dazugehört: Einfamilienhaus in Suburbia und fremdgehende Ehefrau. Das Detektiv-Dasein ist nur eine Rolle, die er vor allem sich selbst vorspielt, um noch an das glauben zu können, was man gemeinhin mit dem Job verbindet: Dinge wie Souveränität, Klarsicht und Kontrolle über alle Lebenslagen. Die aber hat Moseby nie gehabt. Die Lösung des Falles geht denn auch nicht auf sein Konto, sondern fällt ihm in den Schoß. Die einzige Erkenntnis, zu der er gelangt, lautet: „I didn´t solve anything.“

Dies ist kein Detektiv mehr im Dienst der Aufklärung. Regisseur Penn betreibt eine gnadenlose Dekonstruktion des Detektiv-Mythos´, wenn er ausgerechnet den „private eye“ mit symbolischer Blindheit schlägt, unfähig, die größeren Zusammenhänge zu sehen. Die Problematik unvermögender Wahrnehmung und Erkenntnis spiegelt sich für den Zuschauer schon auf visueller Ebene. Die Kamerablicke werden verzerrt, verschleiert, blockiert. Das Sonnenlicht an den Schauplätzen Kalifornien und Florida ist nur trügerisch. Es blendet mehr als dass es erhellt. Ein ironischer Kontrapunkt zu den Schattenwelten der klassischen Detektivgeschichten im Film Noir.

Die heiße Spur

Die undurchsichtige Welt eines ohnmächtigen Helden, wie Penn sie in Die heiße Spur zeichnet, stellt ein präzises Sinnbild der amerikanischen Nation in den siebziger Jahren dar. Wie Harry Moseby war den USA durch die Ermordung der Kennedys und die Verwicklung Nixons in den Watergate-Skandal eine leitende Vaterinstanz abhanden gekommen. Und wie Moseby geriet das Land dadurch in eine tiefe Identitätskrise, suchte orientierungslos nach seinem Kurs. Am Ende seines Films findet Penn hierfür ein wunderbares Bild: ein führerloses Boot, das, sich im Kreise drehend, einsam auf den Weiten des Ozeans dahintrudelt. Die heiße Spur ist eine grandiose Momentaufnahme der damaligen amerikanischen Gesellschaft.

Es ist ein Film über Verlust, Verlorenheit und Verzweiflung. Getränkt in Melancholie. Die Dialoge sind so messerscharf wie in den besten Hardboiledstreifen. Lässig und lakonisch erzählt, bringt Die heiße Spur gleichwohl eine Menge an Mitgefühl für den tiefen Fall seines tragischen Helden mit. Es ist der wohl abgeklärteste Film Penns und doch auch sein wärmster. Er markiert den Höhepunkt und zugleich das Ende seiner kreativen Phase. Danach sollte Penn nie wieder an die Qualität seiner früheren Werke anknüpfen können und sich stattdessen in meist erschreckend konformen Genrefilmen versuchen. Die erneuernden Kräfte, die in den siebziger Jahren das Genrekino auf den Kopf stellten und somit zu dessen Revitalisierung beitrugen, schienen in den Achtzigern verbraucht zu sein.

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