Der Staat gegen Fritz Bauer

Worauf die Deutschen stolz sein dürfen, sofern sie brav sind und brav der Geschichte lauschen.

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„Worauf können wir Deutsche denn stolz sein?“, fragt eine junge Frau während einer Fernsehtalkshow den kauzigen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaußner). Die Frage will provozieren, denn ihrer Meinung nach gehört dieser Dr. Bauer zu denen, die vor allem jungen Menschen wie ihr jenes Deutschland madig machen möchten, das sich mit Adenauer gerade neu erfinden will. Der schlagfertige Staatsanwalt kontert natürlich: Gerade ihre Generation, sagt er der jungen Frau, sei es, die es für ihn lohnend erscheinen ließ, aus dem Exil zurückzukehren und in Frankfurt die Arbeit aufzunehmen, um die Naziverbrecher vors Gericht zu ziehen. Stolz könne man nur auf das sein, so fährt er fort, was man selbst zuwege gebracht hat, nicht auf Goethe oder Beethoven. Das Mädchen scheint überzeugt, der Regisseur der Show hat die Brille abgenommen und vergisst für einen kurzen Moment, dass er in erster Linie eigentlich nicht Zuhörer sein sollte, und vor dem Fernseher sitzt der junge Staatsanwalt und Fan von Bauer Karl Angermann (Ronald Zehrfeld), der sich (beinahe) ein Tränchen unterdrücken muss. Der großkotzige Schwiegervater schimpft: „Gefühlsduselei“. Diese Szene ist der Schlüsselmoment von Der Staat gegen Fritz Bauer, nicht nur, weil hier, in den vielen Gesichtern der bewegten Zuhörer, die Affektökonomie als Inszenierungsprinzip, als Pathosformel des Films deutlich zutage tritt, sondern auch, weil sich dieser Film natürlich nicht nur implizit als eine ganz deutliche Antwort auf die Frage dieser jungen Frau verstanden wissen will: Deutschland kann stolz sein auf Fritz Bauer.

True Detectives

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Der Denkmalcharakter, den sich Lars Kraume auf die Fahnen geschrieben hat, lässt sich spätestens an einer letzten Einstellung ablesen: Bauer schlägt die Fäuste auf den Schreibtisch und beugt sich selbstbewusst über die Platte; das Bild gefriert und bleibt für einen Moment stehen – statisch, steinern, eben denkmalhaft. Man kann das Kraume zugute halten, dass er nicht einfach einen Geschichtsbuchfilm dreht, in den sich neunte Klassen jagen lassen, sondern dass er auch dafür geradesteht, was er macht und denkt, dass er klarlegt, dass er ans Denkmal glaubt und ans Pathos, etwa wenn er Tschaikowskis 6. Symphonie, die „Pathétique“, auf den Plattenspieler legen lässt. Im Grunde verfolgt er ein amerikanisches Programm: Der Staat gegen Fritz Bauer ist in erster Linie kein Aufarbeitungsaufarbeitungsfilm, sondern ein Thriller und ein Gerichtsdrama; nur tolle Gerichtsszenen fehlen leider. Technisch gesehen kommt er diesem Programm sogar ganz ordentlich nach, zumindest gemessen an den poetischen Kapazitäten des deutschen Kinos, in dem eigentlich immer, wenn auch aus der hinterletzten Ecke und wenngleich vulgarisiert, irgendwo Brecht herausspringen wird. Fritz Bauer und Karl Angermann, eine im Übrigen völlig fiktive Figur, sind in Wahrheit True Detectives, die in dieser Welt der kleinwagenfahrenden Adenauerspießer ziemlich alleine dastehen, zwar auch, weil sie beide schwul sind (und das heißt in den 1950er Jahren staatlich verordnete Isolation), aber auch, weil sie dieser Welt geistig schon voraus sind, weil sie schon Akteure einer zukünftigen Welt sind, weil sie – so will sie der Film verstanden wissen – mit einer falschen Welt bereits ein falsches Spiel spielen.

BRD, USA und UdSSR in einer Zeile

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„Die Welt gegen Fritz Bauer“ wäre der konsequentere Titel gewesen, und dieser Titel, konsequenter verfolgt, wäre der bessere Film geworden. Der Staat spielt ohnehin, gerade angesichts seiner prominenten Stellung im Titel, eine seltsam marginale Rolle in diesem Film. Die Altnazis, die noch immer in den deutschen Behörden sitzen, die die Ermittlungen sabotieren und die ihre Kameraden im Ausland schützen, haben nicht unwesentlich Comiccharakter. Da sitzt zum Beispiel der Anwalt Kreidler vor dem Fernseher, auch er sieht natürlich die Talkshow, und krallt sich aus schierer Panik vor der Affektivität der Sendung an seinem Kater fest. Dass Adenauer und mit ihm die Amerikaner, weil gegen ihn die Sowjets, kein Interesse an der Vernehmung Adolf Eichmanns in Deutschland hatten, wird in einer knappen, schulbuch- oder tagesschauhaften Zeile in den Raum geworfen – holprig eingepflegt in ein Drehbuch, das sich ohnehin mehr um salbungsvolle Wortsalven bemüht: „Beuge dich niemals der Tyrannei!“ etc. Dass Der Staat gegen Fritz Bauer den Staat mitverhandeln muss/will, daran krankt das Drehbuch und mit ihm freilich der Film selbst.

Pathosbremse

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In solchen Lehrbuch-Zeilen macht sich denn doch geltend, was zunächst in Kraumes Selbstverständnis vom Denkmal-Film endlich mal hätte wegfallen können: das redaktionshafte Geschichtsbewusstsein, dieses „es war so und dann ...“, die Verwechslung von Film mit Forschungsstand. Wäre Bauer bei Kraume tatsächlich ein Held in voller amerikanischer Blüte, würde das Pathos nicht ausgebremst von den professoralen Zeigestäben der Historiker, er hätte vermutlich einen streitbaren Film gemacht, aber zumindest einen für den Streit offenen – denn über das Verhältnis von Geschichte und dem Versuch, sie via Film zu hermetisieren, ist lange genug gestritten worden. Die Hoffnung jedoch, dass die nächsten Geschichtsfilme, vielleicht sogar gerade die, die die Aufarbeitung aufarbeiten, dieses konsensuelle Geschichtsbewusstsein, das sich im Fazit „Wieder was gelernt ...“ reflektiert, abstreifen, keimt kurz auf in einer Talkshow-Szene, im schwarz-weißen Geflimmer der Szene auf alten Röhrenfernsehern und in den Gesichtern jener, die davorsitzen. Ein echter True Detective, ein wirklicher Held amerikanischen Schlags bringt Eichmann zur Strecke – wie daneben wäre das gewesen? Aber was für eine Klatsche ins Gesicht des konsternierten Spießbürger-Schwiegervaters!

Trailer zu „Der Staat gegen Fritz Bauer“


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