Die Hauschlüssel

Gianni lernt seinen 15-jährigen behinderten Sohn kennen und stellt sich seiner lange verdrängten Vaterrolle. Amelio gelingt ein leiser, unprätentiöser Film über eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung.

Die Hauschlüssel

Verdrängte, vermeintliche und versäumte Vaterschaft war zuletzt häufiger ein Thema im Kino. In Jim Jarmuschs Broken Flowers[filmid] (2005) klappert Bill Murray als Don Johnston auf der Suche nach einem angeblichen Sohn seine früheren Beziehungen ab, und in Wim Wenders’ Don’t come knocking (2005) begibt sich Sam Shepard als Western-Darsteller Howard Spence im Sattel eines Pferdes auf die Reise zurück in die Vergangenheit zu Frau und Kind – die beiden Roadmovies handeln auch von der Identitätssuche ihrer alternden Protagonisten am Ende eines gescheiterten Lebens.

Gianni (Kim Rossi Stuart) hingegen ist noch ein junger Mann, vielleicht Mitte 30, als er seinem 15-jährigen Sohn Paolo (Andrea Rossi) zum ersten Mal begegnet. Im Gegensatz zu Jarmuschs und Wenders’ Figuren hat er noch die Möglichkeit, Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen und seine über Jahre verleugnete Vaterrolle aufzuholen. Bei Paolos schwieriger Geburt war die Mutter gestorben, das geistig und körperlich behinderte Kind wuchs bei Verwandten auf.

Die Hauschlüssel

Auf Wunsch des betreuenden Arztes reist Gianni mit seinem Sohn nach Berlin, wo sich der Junge in einem Krankenhaus regelmäßigen Therapien unterziehen muss. Die gemeinsamen Tage im Hotel und in den Behandlungszimmern erlauben das Kennenlernen und die Annäherung des Vaters an seinen behinderten Sohn. Gianni wird ein zweites Mal die Gelegenheit gegeben, sich bewusst für seine Vaterrolle zu entscheiden. Im Krankenhaus begegnet er auch der Französin Nicole (Charlotte Rampling), die ihre stark behinderte Tochter seit über 20 Jahren pflegt. Insbesondere durch sie wird ihm klar, welches Ausmaß seine Entscheidung für sein zukünftiges Leben haben wird.

Gianni Amelio gelingt in Die Hausschlüssel (Le chiavi di casa, 2004) ein diskreter und liebevoller Blick auf seine Protagonisten. Die Behinderung wird hier nicht von einem gesunden Darsteller gespielt, wie z.B. von Dustin Hoffman in Rain Man (1988) oder Leonardo di Caprio in Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa (What’s eating Gilbert Grape?, 1993), sondern wie auch in Jaco van Dormaels Am achten Tag (Le Huitième Jour,1996) von einem behinderten Menschen verkörpert. Der Umgang mit Paolos Interpreten ist sehr respektvoll – in der Arbeit mit dem jungen Andrea Rossi, der hier zum ersten Mal vor der Kamera steht, hat Amelio Großartiges geleistet. Weite Passagen des Films wirken wie dokumentarische Improvisationen. Amelio nähert sich behutsam seinem behinderten Schauspieler, ähnlich wie der Vater in der Geschichte seinem noch fremden Sohn – ist es ein Zufall, dass der Regisseur und die Vaterfigur den gleichen Vornamen tragen? Nachdrücklich zu empfehlen ist die untertitelte Originalfassung des Films: Paolos schwerfällige deutsche Synchronstimme wird dem Temperament des Jungen einfach nicht gerecht. Außerdem sind die sprachlichen Missverständnisse, die sich für den Italiener Gianni im deutschen Kontext ergeben, in der Übersetzung häufig unbeholfen wiedergegeben.

Die Hauschlüssel

Der Film verfängt sich weder in verlogener politischer Korrektheit noch in süßer Sentimentalität, sondern behandelt das Thema Behinderung mit unbefangenem und ungeschöntem Realismus. Amelio fokussiert insbesondere die Rolle der Eltern, die ein behindertes Kind in dessen Leben zu begleiten haben. Der Leidensweg, die Liebe, die aussichtslose Hoffnung auf therapeutische Fortschritte, die über Jahre angestaute Resignation – mit zartem und zugleich steinernem Gesichtsausdruck gelingt es Charlotte Rampling in ihren kurzen Auftritten, die schwierige und lebenslange Auseinandersetzung ihrer Figur mit der Behinderung ihrer Tochter zu vermitteln. Während das Aufziehen von Nachwuchs in der Regel eine Zeitspanne von zwei Jahrzehnten betrifft und die Kinder irgendwann flügge werden, ist ein behinderter Mensch häufig sein Leben lang auf Pflege angewiesen. In einer Szene des Films hält Paolo triumphierend seine Hausschlüssel in die Höhe, ein Symbol der Unabhängigkeit von den Erwachsenen, die er doch nie erreichen wird.

Anfangs leugnet Gianni vor Fremden seine Verwandtschaft mit Paolo und schämt sich bei den gemeinsamen Auftritten in der Öffentlichkeit für seinen Sohn. In seinem Blick auf einen in der Sporthalle spielenden Jungen liegt der sehnsüchtige Wunsch, Paolo wäre ein gesundes Kind. Gianni lernt in der Auseinandersetzung mit seiner Vaterschaft, Paolo mit seinen Fehlern und Schwächen zu lieben. Ein versöhnliches Happy End jedoch wäre zu einfach. In der Schlussszene wird deutlich: die elterliche bedingungslose Zuneigung wird nicht unbedingt verstanden oder gar erwidert – aber darum zu weinen gilt nicht.

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