Die große Stille

Philip Gröning macht in seinem dokumentarischen Experimentalfilm Die große Stille Zeit erlebbar und nähert sich dabei dem ritualisierten Alltag eines Schweigeordens im Kloster „La Grande Chartreuse“.

Aus allen Ecken ertönt Musik. Im Supermarkt und im Café nebenan, in den Einkaufspassagen, im Flugzeug, in der Hotellobby und aus den Kopfhörern des Sitznachbarn in der S-Bahn. Die Leute beschäftigen, ablenken, scheint die Devise der allgegenwärtigen auditiven Bestrahlung. Vor allem: keine unbehagliche Stille aufkommen lassen. Nach 162 Minuten Die große Stille fallen einem derartige Details besonders auf. Kaum schließt sich der Vorhang nach dem in Stille getauchten Abspann, schon setzt im Kinosaal Musik ein. Aber sie hat nichts zu tun mit dem Film der gerade gelaufen ist.

Die Zeit erlebbar machen

Die große Stille

Philip Grönings Die große Stille verzichtet, den Gesang von Mönchen ausgenommen, komplett auf musikalische Untermalung. Denn mit seinem Film möchte Gröning erzielen, was in unserer Gesellschaft sehr selten gewollt wird: Die Zeit erlebbar machen. Und so bleiben die 162 Minuten auch frei von einem gesprochenen Kommentar, nur am Ende schmückt ein rätselhaftes Interview den Film. Grönings These zufolge kann Zeit nur erlebt werden, wenn Stille einkehrt. Bereits vor 21 Jahren hatte er das Konzept zu diesem dokumentarischen Film formuliert, „ein Film wie eine Wolke“, soll es geheißen haben. Konkreter: Er wollte das Leben von Mönchen eines Schweigeordens festhalten.

Erst 1999 wurde ihm schließlich, als erstem überhaupt, die Erlaubnis erteilt, in der „Grande Chartreuse“, dem ältesten Kloster des Karthäuser-Ordens, zu filmen und dabei auch Gesichter der Mönche aufzunehmen. Fast sechs Monate hat der Dokumentarfilmer mit den Mönchen gelebt und ihre Rituale begleitet. Dabei herausgekommen ist ein Film, der vor allem von der Kontemplation lebt. Von Anfang an nimmt die Kamera die Position eines Beobachters ein, filmt von außen in die Räume hinein und wagt sich nur schrittweise an die Männer heran, die uns über den gesamten Film hinweg fremd bleiben. Doch aus dieser Beobachterposition erwachsen keine Erklärungen, Gröning macht auch keine Abläufe verständlich. Die naheliegendsten Fragen werden nicht beantwortet: Wieso legen sich die Mönche auf den Boden? Wo wird der berühmte Likör hergestellt? Wovon lebt der Orden? Was ist denn eigentlich ihre Philosophie? Andererseits gewinnt der Film durch seine Kommentarlosigkeit und der Verweigerung solcher Auskünfte auch an Unmittelbarkeit.

Bemühte Stilisierungen

Es ist ein Experiment, bei dem der Filmemacher aufs epische Erzählen setzt, insbesondere in Form von Schwarzblenden, Texttafeln und langen Einstellungen: In manchen Szenen, wie dem fröhlichen Schneerutschen der Mönche an einem steilen Abhang, geht das Konzept auf und die einzelne Aufnahme wird in ihrer Fülle lebendig. An anderen Stellen wiederum wirken die Bilder, zusammengesetzt aus HD-Video-Material und Super-8-Film, sehr bemüht stilisierend, da werden Gebetsbücher und Notenblätter kunstvoll abgefahren, immergleiche Gegenstände im Detail gezeigt oder Bilder von vorbeiziehenden Wolken in Szene gesetzt.

Die große Stille

Grönings Filmkonzept basiert auf der Wiederholung, der Wiederholung von Einstellungen, von Handlungen, von Texten. Es evoziert dabei wie selbstverständlich eine Form der Meditation, des In-Sich-Kehrens und Sich-Vergessens durch das Ritual in dem der Einzelne voll aufgeht. Soviel Information kann man dann doch aus dem Film ziehen: Der Karthäuser-Orden setzt auf Individualität, jeder lebt in seiner Zelle, hat seine Aufgaben, denen er zwischen den gemeinsamen Gebeten nachgeht. Und keine Nacht wird an einem Stück geschlafen. Läutet die Zeit zum Gebet, wird jede Tätigkeit abgebrochen, egal wo die Mönche gerade sind. Nach und nach treffen alle im Gotteshaus ein.

Ein Bild ohne Geschichte

Neben den abgefilmten Handlungen und minutenlangen frontalen Einstellungen einzelner Mönche bilden sich wiederholende Texteinblendungen ein zentrales Element. Und je nachdem in welchem Zusammenhang das Gleiche gezeigt wird, bekommt es eine andere Bedeutung. Das wusste schon Eisenstein. Ja, nur: Da Gröning eine über die einzelne Szene hinausgehende Narration verweigert, beschränkt sich die Einbindung und die mögliche Bezugnahme der Tafeln auf das jeweils direkt Vorhergehende und Folgende.

Die große Stille

Grönings Experiment besteht darin, gerade keine Geschichte erzählen zu wollen und dennoch ein Bild der „Grande Chartreuse“ zu transportieren. Dabei sollen keine Informationen vermittelt werden, sondern allein Gefühle und Eindrücke. Insofern ist Die große Stille eine Gegenbewegung zur konventionellen Fernsehdokumentation, in der der Kommentar mögliche Fragen vorwegnimmt und jegliche Irritationen zu vermeiden sucht. Grönings unzählige Deutungen hervorrufende Montage entzieht sich dabei der Festlegung auf Positionen zu den sich aufdrängenden Fragen, insbesondere zur Kirche, dem Glauben und den Traditionen. Angesichts dessen, dass Gröning bisher der einzige war und vielleicht auch bleiben wird, dem das Privileg zuteil wurde, in dem Kloster so frei zu drehen, mag es enttäuschen, dass er die thematische Auseinandersetzung zu Gunsten einer assoziativen Beschäftigung mit dem Sujet ausblendet.

Als Meditation – als solche bezeichnen die Werbung und das Pressematerial den Film – funktioniert das dokumentarische Experiment allerdings: Es fordert uns mit unseren festgefahrenen Sehgewohnheiten heraus und überträgt auf den Zuschauer das In-Sich-gekehrte der Mönche.

Kommentare


Ralf V. / KÖLN

"Große Stille", die so vieles zu sagen hat!

Wenn man "Die Große Stille" im Kino sieht, dann muss man ganz genau hinhören, weil sie so unendlich viel zu sagen hat. Derjenige Zuschauer, der vertraute Erzählstrukturen erwartet, wird enttäuscht sein - es gibt sie nicht! Bildästhetisch wechseln sich sehr eindringliche und scharfe Einstellungen mit fast gepixelter Super 8 Qualität ab, was gewöhnungsbedürftig ist. Aber diesem Film wird man mit rein formästhetischen Betrachtungen nicht gerecht werden, weil er uns doch nun wirklich in eine ganz andere Welt, in ein ganz anderes Leben entführen will. Das gelingt auch auf beeindruckende Art und Weise!Und dabei kommt dieser Wechsel der Bildsprache als Stilmittel gerade recht... Wichtiger ist die innere Form des Films, welche einzigartig ist:

Ich habe es noch nie erlebt, dass etwas eigentlich Unspektakuläres - wie der streng-ritualisierte und sich gleichförmig wiederholende Tageslauf der Kartäuser - letztlich derart spektakuläre Ebenen öffnet. Wenn beispielsweise gegen Ende des Films ein alter, erblindeter Mönch davon spricht, dass Gott ihm seine Blindheit geschenkt(!) habe, weil dies seiner Seele gedient hat, dann, ja dann verstumme ich innerlich vor Erstaunen und Achtung davor, was tiefer Glaube bei einem Menschen wohl zu leisten vermag: Er kann anscheinend buchstäblich Berge versetzen - Die inneren, schier unüberwindbaren Berge unseres Denkens und Fühlens, ja, sogar unsere ganze Haltung und Einstellung zum eigenen Leben. Und das als Ergebnis eines Daseins in "fröhlicher Abgeschiedenheit": erstaunlich! Auf der anderen Seite meine ich gespürt zu haben, wie frei diese Männer trotz der vermeintlich starren Klosterregeln sind. Frei zumindest von den Zwängen weltlicher Strukturen, die uns aktuell vor allem in ein Korsett von Wirtschaftlichkeit sowie Leistungs- und Schnelligkeitswahn pressen. Wer kann denn frei aufatmen: Wir oder die Männer "Der Großen Stille"? Ich meine, die Antwort zu kennen, seit ich den Film gestern in Köln gesehen habe. Dieser Film, das Leben der Kartäusermönche bei Grenoble, ist eine Ohrfeige ins Antlitz einer Zeit, die vermeint, wahres Mensch-Sein steht und fällt allein mit der erfolgreichen Teilnahme am stetig steigenden und fallenden Aktienindex. Mehr noch: Seit heute weiß ich besser denn je, dass es kein "normales" und/oder "unnormales" Leben gibt. Es gibt nur "erfüllte" und "unerfüllte" Leben, bezogen auf das Empfinden von Sinnhaftigkeit. Und vieles von dem, was ich im Film gesehen habe, hat vor allem aus erfüllten Augen zu mir gesprochen. "Numquam deformata, numquam reformata." (Niemals deformiert, niemals reformiert). So lautet ein kartusianischer Wahlspruch. Wie wahr das ist, hat der Film gezeigt. Seit über 900 Jahren speist dieser Orden seine Lebenskraft aus ungebrochenem und einfachem Auf-Gott-Schauen! Und ich durfte dabei nahezu drei Stunden nicht nur "Zu-" sondern vor allem auch "Aufschauen"! Dafür bin ich Herrn Gröning und allen an der Produktion Beteiligten von Herzen dankbar. "Die Große Stille" ist ein grandioser Film voller Leben, und erzählt Wesentliches für uns alle. Wie gesagt: Man muss nur ganz genau hinhören, und wird dann verstehen, dass diese "stummen Zeugen des Lebens", dass die Kartäuser uns durch ihr Schweigen so vieles zu sagen haben. Ralf V., freier Journalist


PETER SCHRÖDER

Dem Film war ich ein Jahr auf der Spur. Gestern bin ich 200 km gereist, um in Potsdam den Film zu erleben. Ja - "zu erleben".
Damit mir die Zeit nicht lang werden würde, hatte ich Essen und Getränke mit. Im Stillen habe ich geschätzt, wie viel Filmzeit bereits vorbei war. Die Gesamtzeit war unglaublich schnell um. Diese Stille im Kinosaal!
Ich hatte mich voll auf den Film eingelassen. Bin ohne große Erwartungen hingegangen. Eigentlich liegt mir auch nichts an einer Bewertung.
Ach so, zum essen bin ich gar nicht gekommen und der Flaschenverschluß hat bei der Öffnung so einen "Krach" gemacht, dass es mir fast peinlich war.
Ich danke dem "Macher" des Filmes für diese 162 Minuten.

PETER SCHRÖDER






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